Die 50+1-Regel der Bundesliga: Einzigartig und wegweisend für den deutschen Fußball

Fans von Borussia Dortmund feiern in ihrem Stadion

Der deutsche Fußball begeistert Millionen Fans weltweit – mit erstklassigem Spielniveau, den höchsten Zuschauerzahlen global, fairen Ticketpreisen und einer unvergleichlichen Fankultur. Ein entscheidender Faktor, der diese einzigartige Atmosphäre prägt und die Bundesliga von vielen anderen europäischen Top-Ligen abhebt, ist die sogenannte 50+1-Regel. Sie ist das Fundament, das die Tradition und die mitgliedsgeführte Struktur der deutschen Vereine schützt und das Gleichgewicht zwischen sportlichem Wettbewerb und finanzieller Solidität sichert.

Die 50+1-Regel garantiert, dass die Mitglieder eines Vereins stets die Mehrheit der Stimmrechte behalten. Genauer gesagt: 50 Prozent der Stimmrechte plus eine weitere Stimme müssen in Händen des Muttervereins liegen. Dies stellt sicher, dass die Klubs – und damit ihre Fans – das letzte Wort in wesentlichen Entscheidungen haben und nicht von externen Investoren oder kommerziellen Einflüssen dominiert werden. Damit wird verhindert, dass rein profitorientierte Interessen über die Wünsche und die Identität der Anhänger gestellt werden. Dieses Modell trägt maßgeblich zur Stabilität und zur besonderen Verbindung zwischen Verein und Fankultur bei, wie man sie beispielsweise bei den Spielen um die Fußball-EM der Frauen oder den großen WM-Spielen erleben kann.

Was verbirgt sich hinter der 50+1-Regel?

Die 50+1-Regel ist eine zentrale Vorschrift der Deutschen Fußball Liga (DFL), die besagt, dass ein Mutterverein – in der Regel ein eingetragener Verein (e.V.) – die Mehrheit der Stimmrechte an seiner ausgegliederten Profifußballabteilung halten muss. Dies bedeutet, dass private oder kommerzielle Investoren keine absolute Kontrolle über einen Bundesligaklub erlangen können. Sie können zwar Kapital einbringen, doch die letztendliche Entscheidungsgewalt bleibt bei den Mitgliedern.

Diese Regelung wurde 1998 eingeführt, als die Kommerzialisierung des Fußballs zunahm und Vereinen die Ausgliederung ihrer Profiabteilungen in Kapitalgesellschaften (z.B. GmbH & Co. KGaA oder AG) gestattet wurde. Bis dahin waren deutsche Vereine traditionell gemeinnützige Mitgliedervereine, bei denen privates Eigentum gänzlich untersagt war. Die 50+1-Regel wurde geschaffen, um die Vorteile der Kapitalisierung zu nutzen, ohne die Vereinskultur und die Fan-Interessen zu opfern.

Die Vorteile der 50+1-Regel sind vielfältig und spürbar:

  • Finanzielle Stabilität: Sie schützt vor rücksichtslosen Besitzern und übermäßiger Verschuldung, da Investoren nicht uneingeschränkt über die Finanzen entscheiden können. Dies führt zu einer kontrollierteren Lohn- und Transferpolitik.
  • Geringe Ticketpreise: Im Vergleich zu anderen europäischen Top-Ligen sind die Eintrittspreise in der Bundesliga oft deutlich niedriger, was den Stadionbesuch für eine breitere Bevölkerungsschicht erschwinglich macht.
  • Starke Fankultur: Die Fans identifizieren sich enger mit ihrem Verein, da sie ein Mitspracherecht haben und nicht als bloße Kunden betrachtet werden. Dies fördert die leidenschaftliche Unterstützung und die beeindruckenden Choreographien in den Stadien.
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Hans-Joachim Watzke, Geschäftsführer von Borussia Dortmund, fasste es 2016 treffend zusammen: „Der deutsche Zuschauer hat traditionell enge Bindungen zu seinem Verein. Und wenn er das Gefühl bekommt, dass er nicht mehr als Fan, sondern als Kunde angesehen wird, werden wir ein Problem haben.“ Die 50+1-Regel ist eine Absicherung gegen genau dieses Szenario.

Vielfalt in der Umsetzung: Beispiele aus der Bundesliga

Die Vereine haben sich auf unterschiedliche Weise an die 50+1-Regel angepasst, wobei die Mitgliederbeteiligung verschiedene Formen annehmen kann. Viele Bundesliga-Teams sind rechtlich gesehen Tochtergesellschaften eines Muttervereins, die für den Männer-Profifußball zuständig sind und oft weitere Abteilungen wie Frauenmannschaften oder andere Sportarten umfassen.

Der FC Bayern München

Als Paradebeispiel für die Umsetzung der 50+1-Regel gilt der FC Bayern München. Die Aktionäre der FC Bayern München AG (der Profiabteilung) sind der Mitgliederverein FC Bayern München e.V. (75 %), Adidas (8,3 %), Allianz (8,3 %) und Audi (8,3 %). Der Mitgliederverein behält somit die klare Mehrheit der Stimmrechte. Mit über 300.000 Mitgliedern, der größten Mitgliederzahl eines Sportvereins weltweit, haben die Fans des FC Bayern ein direktes Mitspracherecht, etwa bei der Wahl des Vereinspräsidenten.

Borussia Dortmund

Bei Borussia Dortmund ist die Struktur etwas anders organisiert. Der Mitgliederverein (Borussia Dortmund e.V.) hält zwar nur 4,61 % der Borussia Dortmund GmbH & Co. KGaA, die für die Profimannschaft, die Reserve und die U19 zuständig ist. Die restlichen Anteile verteilen sich auf Signal Iduna (5,98 %), Bernd Geske (8,24 %), Evonik Industries (8,19 %) und den Streubesitz an der Börse (72,27 %). Die für die Führung des Fußballklubs zuständige Managementgesellschaft, die Borussia Dortmund Geschäftsführungs-GmbH, gehört jedoch zu 100 % dem Mitgliederverein. Dies sichert die Kontrolle über die wichtigen Angelegenheiten und gewährleistet die Einhaltung der 50+1-Regel.

Fans von Borussia Dortmund feiern in ihrem StadionFans von Borussia Dortmund feiern in ihrem Stadion

Ausnahmen und Herausforderungen der 50+1-Regel

Trotz der klaren Vorgaben gibt es einige Ausnahmen von der 50+1-Regel, die in der Vergangenheit für Diskussionen gesorgt haben:

  • Bayer Leverkusen und VfL Wolfsburg: Diese Vereine stellen Sonderfälle dar, da Investoren, die seit mehr als 20 Jahren ein erhebliches Interesse an einem Klub haben, eine Ausnahmegenehmigung erhalten können. Bayer Leverkusen wurde 1904 von Mitarbeitern des Pharmaunternehmens Bayer gegründet, während der VfL Wolfsburg 1945 eng mit dem Automobilkonzern Volkswagen verbunden war. Diese Clubs befinden sich seit Langem im Besitz der jeweiligen Unternehmen, lange vor ihrer Ankunft in der Bundesliga, und sind daher von der Regel ausgenommen – auch wenn nicht alle Fangruppen dies befürworten.
  • TSG Hoffenheim: Im Dezember 2014 wurde Software-Milliardär Dietmar Hopp eine Ausnahmegenehmigung erteilt, die Mehrheitskontrolle der TSG Hoffenheim zu übernehmen. Dies erfolgte aufgrund seines kontinuierlichen finanziellen Engagements über zwei Jahrzehnte hinweg, in den Verein, für den er einst selbst als Junge spielte. Die DFL begründete dies damit, dass Hopp sowohl die Profi- als auch die Amateurmannschaften des Vereins über einen Zeitraum von mehr als 20 Jahren erheblich finanziell unterstützt hatte. Interessanterweise wurde Anfang 2023 berichtet, dass Hopp plant, seine Mehrheit der Stimmrechte an die TSG 1899 Hoffenheim Fußball-Spielbetriebs GmbH zurückzugeben, wodurch die Mitglieder wieder ein Mitspracherecht bei der Führung des Vereins erhalten würden. Dies würde den Klub wieder in Einklang mit 50+1 bringen und zeigt die Macht der Fans sowie die Anpassungsfähigkeit der Vereinsstrukturen.
  • RB Leipzig: Die Gründung von RB Leipzig im Jahr 2009 durch den österreichischen Energydrink-Konzern Red Bull stellte eine besondere Herausforderung dar. Red Bull kaufte die Spielrechte des damaligen Fünftligisten SSV Markranstädt und benannte den Verein um. RB Leipzig gelang ein rasanter Aufstieg bis zum Bundesliga-Vizemeister 2016/17 und der Qualifikation für die UEFA Champions League. Obwohl die Satzung formal die 50+1-Regel erfüllt, gibt es Kritik, da die Zahl der stimmberechtigten Mitglieder extrem gering ist und fast ausschließlich aus Angestellten des Red-Bull-Konzerns besteht, wodurch ein tatsächliches Mitspracherecht der Fans faktisch ausgeschaltet ist.
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Es gab auch Bestrebungen, die Regel grundsätzlich zu kippen, wie 2009 und 2017 durch den damaligen Hannover-Präsidenten Martin Kind. Diese Versuche scheiterten jedoch am Widerstand der meisten anderen Profiklubs und der DFL. Auch wenn es in der Bundesliga immer wieder Transfergerüchte in der Bundesliga gibt, die von großen Investitionen zeugen, so ist das Gesamtbild doch eines der Solidität.

Lob und Kritik: Die Bedeutung der 50+1-Regel im internationalen Vergleich

Während ausländische Investoren Milliarden in andere europäische Ligen pumpen, empfinden einige deutsche Vereine, wie der ehemalige Bayern-Manager Uli Hoeneß, die 50+1-Regel als Bremse im internationalen Wettbewerb. Er äußerte die Sorge, dass deutsche Vereine finanziell ins Hintertreffen geraten könnten und plädierte dafür, die Entscheidung über externe Investitionen den einzelnen Klubs zu überlassen, um kleineren Vereinen möglicherweise größere Chancen zu ermöglichen, mit den etablierten Namen mitzuhalten.

Demgegenüber stehen die Verfechter der Regel, die betonen, dass sie maßgeblich dazu beiträgt, die Stadien zu füllen und ein unvergessliches Spieltagserlebnis zu schaffen. Hans-Joachim Watzke äußerte, er wolle niemals sehen, wie deutsche Fans „gemolken“ würden, „wie es in England geschieht“.

Sogar aus dem Ausland gab es Lob für das deutsche Modell. Michel Platini, der ehemalige UEFA-Präsident, hob 2013 auf dem 41. DFB-Bundestag das Bundesliga-Modell als Goldstandard hervor: „Während der Rest Europas langweilige Ligen, halbleere Stadien und Klubs am Rande des Bankrotts hat, ist der deutsche Fußball in bemerkenswerter Verfassung.“

Ein Jahrzehnt später hat diese Aussage immer noch Gültigkeit. Während in anderen europäischen Ligen häufig über Finanzprobleme oder Verstöße gegen das Financial Fair Play berichtet wird, sind solche Meldungen in Deutschland praktisch nicht existent. Die 50+1-Regel sorgt für eine nachhaltige Finanzplanung und schützt die Vereine vor dem Risiko von Pleiten.

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Ein leeres Stadion während der COVID-19-Pandemie, gefüllt mit Fan-PappaufstellernEin leeres Stadion während der COVID-19-Pandemie, gefüllt mit Fan-Pappaufstellern

Fazit: Ein Modell für die Zukunft?

Die 50+1-Regel ist weit mehr als nur eine technische Vorschrift – sie ist ein Grundpfeiler des deutschen Fußballs und ein starkes Bekenntnis zu Tradition, Fannähe und finanzieller Vernunft. Sie mag in einer globalisierten Fußballwelt, in der Milliardenbeträge kursieren, eine Wettbewerbsnachteil darstellen. Doch die Vorteile, die sie für die Vereine, ihre Mitglieder und die gesamte Fankultur mit sich bringt, sind immens.

Sie gewährleistet, dass der Fußball in Deutschland ein Volkssport bleibt, der für jeden zugänglich ist und bei dem die Leidenschaft der Fans im Mittelpunkt steht. Für alle, die den deutschen Fußball in seiner authentischsten Form erleben möchten, ist die 50+1-Regel ein Garant für ein einzigartiges und nachhaltiges Erlebnis. Ob bei einem Besuch im Stadion oder beim Verfolgen der EM Finale der Frauen, die besondere Verbindung zwischen Fans und Vereinen ist in Deutschland stets spürbar.