Björn Diemel ist zurück, und mit ihm das vertraute Chaos aus Alltag und Kriminalität. Nach einer desaströsen Geburtstagsfeier sucht er erneut bei Therapeut Joschka Breitner Rat. Die Kernfrage: Was will Diemel vom Leben? Diese Sinnsuche führt ihn auf den Jakobsweg, wo er in Kontemplation und Fußmarsch Antworten erhofft. Doch selbst als Pilger entkommt Björn Diemel dem Unglück nicht. Diese Björn Diemel Rezension des dritten Karsten Dusse Romans zeigt, dass die Suche nach dem Sinn des Lebens eine gefährliche Wendung nimmt, wenn jemand versucht, es einem anderen zu entreißen. Selbst im frommen Gewand zieht dieser Rechtsanwalt das Chaos magisch an.
Konstruierter Anfang und “Political Correctness”
Karsten Dusse lässt seinen Anti-Helden, den Rechtsanwalt, Kindergartenbesitzer und Gangsterboss, wieder in haarsträubende Situationen stolpern. Überraschend ist dabei Diemels anfängliche Passivität. Obwohl er ein gewiefter Anwalt und Clan-Oberhaupt ist, stürzt er sich bei seiner Feier ohne eigene Meinung ins Chaos. Der Ausgangspunkt – ein unanständiges Angebot an eine von Diemels Sexarbeiterinnen – wirkt konstruiert. Die Kritik an „Political Correctness“ mag berechtigt sein, doch im Rotlichtgewerbe dürfte sie eher nachrangig sein. Diemels Kontrolle entgleitet völlig, und Therapeut Joschka Breitner muss ihn erneut auf Kurs bringen. Ein wackeliger Start für diesen Karsten Dusse Roman.
Die Endlosschleife der Therapie
Ein weiterer Punkt, der in dieser Buchkritik überrascht, ist Diemels scheinbar endlose Abhängigkeit von Breitners Therapien. Obwohl diese regelmäßig gelobt werden, scheint eine tatsächliche Weiterentwicklung oder Selbstständigkeit seines Klienten in weiter Ferne. Diemel benötigt über drei Bände hinweg Breitners Hilfe, während Tochter Emily immer noch den Kindergarten besucht – humorvoll stellt sich die Frage, ob sie Deutschlands ältestes Kindergartenkind ist oder Diemel in Dauerbehandlung steckt. Der Verdacht liegt nahe, dass die Ursache eher beim Vater liegt. Diese wiederholte Abhängigkeit strapaziert die Glaubwürdigkeit der Charakterentwicklung.
Krimi mit Schönheitsfehlern und absurd-charmanten Elementen
Die übrige Geschichte ist ein routiniert erzählter Krimi, doch nicht ohne irritierende Konstruktionen. Die Leichtigkeit, mit der im dicht besiedelten Europa Leichen verschwinden, wirft Fragen nach der Realitätsnähe auf. Gleichzeitig erfreut man sich an Dussels Talent für Humor, etwa an der skurrilen Idee eines Kindes, das ein bis zu neun Kilogramm schweres deutsches Widderkaninchen als Streicheltier halten möchte. Ungewöhnlich erscheint auch Diemels naive Annahme, der neue Lover seiner Ex-Frau, ein bekannter Drogenkonsument, habe sich mit 45 Jahren „vom Saulus zum Paulus“ gewandelt. Diese Mischung aus Ungereimtheiten und skurrilem Charme prägt den Björn Diemel Krimi.
Glanzmomente der Satire und Selbstjustiz
Trotz der Kritikpunkte glänzt Dusse wieder mit guten Ideen und pointiertem Humor. Besonders erfrischend ist die Lösung eines Mitreisenden auf dem Pilgerweg für seine Taschengeldfrage und Diemels Bewertung dieser Arbeitsweise. Hier fühlt sich der Leser im vertrauten Fahrwasser der Reihe und spielt gerne das Spiel der unmoralischen Selbstjustiz, die als berechtigt empfunden wird. Dusse entwickelt erneut Szenen, die Freude bereiten: die Seitenhiebe gegen Political Correctness und ständige Moralisierung. Allerdings verlieren diese Momente langsam an Stärke. Nach drei Bänden scheint das Potenzial, zu diesen Themen alles zu erzählen, ausgeschöpft – ein natürlicher Abnutzungseffekt, der die Unterhaltung jedoch nicht gänzlich trübt.
Fazit: Björn Diemel zeigt Ermüdungserscheinungen
Abschließend lässt sich in dieser Björn Diemel Rezension festhalten: Unser Anti-Held kommt langsam in die Jahre. Was zu Beginn frisch und spontan wirkte, wird zunehmend mühsamer und konstruierter. Die Serie zeigt deutliche Ermüdungserscheinungen, sei es durch die wiederkehrende therapeutische Abhängigkeit oder gelegentliche Ungereimtheiten. Dennoch versteht es Karsten Dusse weiterhin, seine Leser zu fesseln, zum Schmunzeln zu bringen und mit cleveren satirischen Beobachtungen zu erfreuen. Wer die ersten Bände mochte, wird auch diesen dritten Teil mit seinen liebenswerten Absurditäten genießen. Trotz kleiner Schwächen bietet der Roman eine unterhaltsame Lektüre und beweist, dass Björn Diemel, auch mit leichten Ermüdungserscheinungen, ein Wegbegleiter bleibt, mit dem man gerne noch ein Stück des Weges geht.
