Das Jahr 2025 verspricht eine Fülle literarischer Entdeckungen zu werden, wie die Redaktion von NDR Kultur mit ihrer Jahresvorschau für das Literaturjahr 2025 zeigt. Von tiefgründigen Romanen, die sich mit Verlust und Trauer auseinandersetzen, bis hin zu scharfsinnigen Satiren, die aktuelle gesellschaftliche Themen aufgreifen – die Bandbreite der empfohlenen Werke ist beeindruckend und verspricht Lesegenuss für jeden Geschmack. Lassen Sie sich von den Highlights des kommenden Literaturjahres inspirieren und entdecken Sie neue Perspektiven und packende Geschichten.
Literarische Auseinandersetzung mit existenziellen Themen
Jasmin Schreibers Roman “Da, wo ich dich sehen kann” thematisiert den schmerzhaften Verlust durch einen Femizid und beleuchtet gleichzeitig den langen Weg des Weiterlebens. Trotz der Schwere des Themas gelingt es Schreiber, Momente der Nähe, des Trostes und der Hoffnung einzufangen, was den Roman trotz aller Trauer erstaunlich lichtvoll macht. [Erfahren Sie mehr über dieses berührende Werk.]()
Natascha Wodin widmet sich in “Die späten Tage” schonungslos dem hohen Alter, thematisiert Schmerz, Einsamkeit und körperlichen Verfall. Ihre Ich-Erzählerin, stark an Wodins eigenes Leben angelehnt, setzt sich ehrlich mit den Herausforderungen des Älterwerdens auseinander und stellt existenzielle Fragen nach Lebenssinn und Würde. Die späte Liebe und die unverzichtbare Rolle des Schreibens geben ihr Halt in dieser intensiven Auseinandersetzung mit dem Leben im fortgeschrittenen Alter.
Kriminalgeschichten und Gesellschaftsreflektionen
John Banville entführt Leser in “Schatten der Gondeln” in eine atmosphärisch dichte Kriminalgeschichte vor der Kulisse Venedigs. Mysteriöse Todesfälle, Liebesverstrickungen und Familiendramen werden auf so spannende Weise verwoben, dass der Roman an die Intensität berühmter Genre-Vertreter erinnert.
Saša Stanišić, bekannt für seine Erzählkunst, versammelt in einem seiner neuen Bücher eine Sammlung von Reden, die sich um Sprache, Literatur, Migration und Integration drehen. Mit seinem heiteren und humorvollen Ton macht er die Lektüre zu einem Gewinn und scheut sich nicht, auch das Pathos des Weltverbesserers einzunehmen.
Dorothee Elmiger feierte mit “Die Holländerinnen” den Gewinn des Deutschen Buchpreises. Ihr Roman lädt Kunstschaffende in den südamerikanischen Regenwald ein, um das Verschwinden zweier niederländischer Touristinnen zu rekonstruieren. Die Erzählperspektive einer mitreisenden Schriftstellerin im Konjunktiv verleiht der Geschichte eine surreale und unsichere Dimension, wobei Elmiger Fragen über das Erzählen an sich aufwirft.
Historische Einblicke und persönliche Reisen
Florian Illies’ “Wenn die Sonne untergeht” erzählt kenntnisreich und charmant die Geschichte der Familie Mann während ihres Exils im südfranzösischen Sanary-sur-Mer im Jahr 1933. Durch die Montage von Anekdoten und Fakten entsteht ein packender Erzählstrom, der das bewegte Leben der Familie Mann in dieser prägenden Zeit beleuchtet.
Victor Schefés Roman “Zwei, drei blaue Augen” gewährt Einblicke in seine Kindheit und Jugend in der DDR sowie seine Ausreise nach West-Berlin. Untermalt vom Sound der 1980er-Jahre begleitet der Roman den Protagonisten auf seinem Weg zum Erwachsenwerden. Die Sprache ist energetisch, witzig und teils schnoddrig, was dem Buch eine lebendige und feinfühlige Romanform verleiht.
Aktuelle gesellschaftliche Diskurse und persönliche Entdeckungen
Axel Hackes Werk “Wie fühlst Du Dich?” widmet sich unseren Gefühlen und unserem Innenleben in Zeiten politischer Instabilität. Hacke analysiert, wie Populisten und Rechtsextreme Gefühle instrumentalisieren und plädiert für eine positive Grundhaltung sowie dafür, das Erlebte bewusst wahrzunehmen und festzuhalten.
Katja Keweritschs Roman “Das Flüstern der Marsch” erkundet aus konsequent weiblicher Perspektive die Suche nach der eigenen Rolle in der Gesellschaft und das Thema Mutterschaft. Die Marschlandschaft spielt dabei eine zentrale Rolle und verleiht dem gut komponierten und leicht lesbaren Buch eine besondere Atmosphäre.
T.C. Boyles Roman “No Way Home” enttäuscht trotz seiner großen Fangemeinde. Der als Neo-Western angelegte Plot um eine klassische Dreiecksgeschichte wirkt oberflächlich, die Dialoge aufgesagt und die Geschichte wimmelt von Klischees.
Stimmen aus dem literarischen Deutschland
Anja Kampmanns Roman “Die Wut ist ein heller Stern” taucht in das Milieu des Hamburger Hafenviertels im Jahr 1933 ein. Die Außenseiterin Hedda spürt den zunehmenden Druck des Naziregimes. Kampmann konzentriert sich darauf, den Moment einzufangen und durch knappe, präzise Sätze und eine vieldeutige Sprache zum Leuchten zu bringen.
Andrea Sawatzkis “Biarritz” thematisiert die komplexe Beziehung zwischen Mutter und Tochter, geprägt von Demenz und Schuldgefühlen. Das Buch ist eine zarte Annäherung und eine Liebeserklärung an eine Mutter, die trotz eigener Prägungen stets das Beste für ihre Tochter wollte.
Nina Georges “Die Passantin” erzählt die Geschichte eines Filmstars, der seinen eigenen Tod vortäuscht, um ein selbstbestimmtes Leben zu führen. George entwirft ein spannendes Gedankenspiel über Selbstfindung und die Befreiung von fremdbestimmten Lebenswegen.
Mathijs Deens Krimi “Die Lotsin” thematisiert das politisch brisante Feld der Klimaforschung. Ein Kriminalfall um eine junge Klimaforscherin führt in die Tiefen von Online-Hass und möglichen Verbrechen.
Heinz Strunks Sammlung von Kurz- und Kürzestgeschichten, “Kein Geld. Kein Glück. Kein Sprit”, zeichnet sich durch eine tragikomische Darstellung peinlicher Momente und einsamer Menschen aus. Strunk gelingt es, trotz grotesker Darstellungen Mitleid für seine Figuren zu wecken und seine Meisterschaft im Erzählen unter Beweis zu stellen.
Gaea Schoeters’ Satire “Das Geschenk” spielt mit der Idee 20.000 Elefanten in Berlin. Der Roman wirft brisante Fragen auf und ist eine bissige Auseinandersetzung mit aktuellen politischen Themen, auch wenn er nicht die Tiefe von “Trophäe” erreicht.
Anne Sauers Debütroman “Im Leben nebenan” stellt zwei Lebensentwürfe gleichberechtigt nebeneinander und berührt Herz und Verstand mit seinem ehrlichen und humorvollen Blick auf unerfüllte Kinderwünsche und alternative Lebenswege.
“Else” von Jasna Fritzi Bauer und Katharina Zorn erzählt die Geschichte einer Großmutter und steht stellvertretend für die Frauen, die für Gleichberechtigung kämpften. Der Roman nimmt die Leser mit auf eine abenteuerliche Reise in die Vergangenheit und feiert weibliche Stärke.
Tamar Noorts Roman “Der Schlaf der Anderen” beleuchtet humorvoll und zugänglich das Thema Schlaflosigkeit und den Mut, aus festgefahrenen Strukturen auszubrechen. Das Buch trägt zur Enttabuisierung eines wichtigen Themas bei.
Kristine Bilkaus “Halbinsel” erforscht die Fragen, die sich Eltern stellen, wenn ihre Kinder erwachsen werden. Mit ruhiger, lakonischer Sprache fängt Bilkau das Existenzielle menschlicher Beziehungen ein und schafft ein Meisterwerk voller Zartheit und Realismus.
Sebastian Haffners Nachlass enthüllt den Roman “Abschied”, der 1931 in Paris spielt. Der Roman ist ein Glücksfall, der die Suche nach Glück und Freiheit in den Gassen des Quartier Latin thematisiert.
Ocean Vuongs “Der Kaiser der Freude” erzählt von Menschen, die sich als “Loser” fühlen, aber beharrlich um Würde kämpfen. Der Roman ist erfüllt von besonderen Momenten und bietet Rettung in den unerwartetsten Situationen.
Christof Kesslers “Entscheidung auf Hiddensee” vermischt Wahrheit und Fiktion und schildert die Liebesgeschichte zwischen Gottfried Benn und Edith Osterloh im Jahr 1913. Der fantasievoll erzählte Roman ist reich an Wissen über die Insel und ihre berühmten Bewohner.
Wolf Haas’ “Wackelkontakt” bietet eine humorvolle und elektrisierende Leseerfahrung, die Leserinnen und Leser in den Bann zieht.
Christian Krachts Roman “Air” ist ein rätselhaftes Märchen, das in einem norwegischen Rechenzentrum spielt und Leser in eine Fantasy-Welt entführt.
Katharina Hagens “Flusslinien” thematisiert Altern, Tod und Liebe vor der Kulisse der Elbe. Der Roman spinnt ein feines Netz aus Beziehungen und zeigt, wie subtil alles miteinander verbunden ist.
Die Auswahl von NDR Kultur für das Jahr 2025 verspricht eine reiche und vielfältige literarische Landschaft, die sowohl zum Nachdenken anregt als auch tiefgehend unterhält.
