Die traditionelle jüdische Küche, insbesondere die der aschkenasischen Juden, ist ein Schmelztiegel der Kulturen und ein Zeugnis reicher Geschichte. Sie hat die kulinarische Landschaft vieler Metropolen, allen voran New York, nachhaltig geprägt. In den berühmten jüdischen Delikatessenläden, kurz “Delis”, lebt dieses Erbe weiter. Hier werden Gerichte serviert, die mehr als nur Nahrung sind – sie sind Trost, Erinnerung und ein Fest für die Sinne. Ein Besuch in einem solchen Lokal ist eine Entdeckungsreise zu ikonischen Spezialitäten, die von Generation zu Generation weitergegeben wurden.
Das Herzstück: Legendäre Sandwiches
Das Aushängeschild eines jeden guten Delis ist zweifellos das Sandwich. Es sind wahre Kunstwerke, die weit über einen einfachen Belag zwischen zwei Brotscheiben hinausgehen.
Das Pastrami Reuben Sandwich
Man sollte ein Liebeslied über das Pastrami Reuben schreiben. Es ist eine Symphonie aus Aromen und Texturen: Hauchdünne, butterweiche und rubinrote Scheiben geräucherten Rindfleischs, kunstvoll gefaltet auf leichtem, mit Kümmel bestreutem Roggenbrot. Gekrönt wird das Ganze mit mehreren Scheiben Schweizer Käse, einem Spritzer Russian Dressing, etwas würzigem braunem Senf und einem Hauch Sauerkraut. Jeder Bissen ist eine Offenbarung, bei der die salzige Tiefe des Fleisches perfekt mit der Säure des Krauts und der Cremigkeit des Dressings harmoniert.
Das Whitefish Salad Sandwich
Ein weiteres Juwel ist das Sandwich mit Weißfischsalat. Während viele Salate dieser Art zu einer breiigen Masse mit übermäßig viel Mayonnaise verarbeitet werden, zeichnet sich eine gute Version durch dicke Stücke von geschmacksintensivem Fisch und nur einer dezenten Menge Mayonnaise aus. Dadurch bleibt die feine Textur des geräucherten Fisches erhalten und der Eigengeschmack steht im Vordergrund. Es ist ein erfrischendes und zugleich sättigendes Erlebnis, das die hohe Kunst der einfachen, aber perfekten Zubereitung demonstriert.
Mehr als nur eine Suppe: Die Seele der Küche
In der jüdischen Tradition hat Suppe oft eine heilende, tröstende Funktion. Sie ist das Herzstück vieler Familienessen und ein Symbol der Gastfreundschaft.
Matzeknödelsuppe: Jüdisches Penicillin
Die Matzeknödelsuppe, liebevoll auch “jüdisches Penicillin” genannt, macht ihrem Spitznamen alle Ehre. Die Basis bildet eine kräftige, hausgemachte Hühnerbrühe, in der breite Eiernudeln und zarte Hühnchenstücke schwimmen. Der Star sind jedoch die federleichten Matzeknödel. Sie sind luftig und zart, zergehen förmlich auf der Zunge und saugen die köstliche Brühe auf. Diese Suppe ist pure Seelennahrung und verkörpert das Gefühl von Wärme und Geborgenheit.
Klassiker zum Genießen: Der unverwechselbare Knish
Neben den berühmten Sandwiches und Suppen gibt es eine Vielzahl kleinerer Gerichte, die die Vielfalt der aschkenasischen Küche widerspiegeln.
Der Kartoffel-Knish
Der Kartoffel-Knish ist ein solcher Klassiker – eine Art Teigtasche, gefüllt mit einem Püree aus Kartoffeln, Zwiebeln und Gewürzen. Traditionell sind Knishes oft schwere, in Hühnerfett frittierte Stärkebomben. Doch in modernen Interpretationen, wie sie im Delikatessenladen Essen zu finden sind, wird der Teig zu einer feinen Pâtisserie und die Füllung ist leicht statt bleiern. Kenner wissen, dass man einen Knish am besten in hausgemachten Senf dippt, um ihm zusätzliche Feuchtigkeit und eine würzige Note zu verleihen. Die Vielfalt ist oft erstaunlich und reicht von klassischen Füllungen bis hin zu kreativen Varianten, wie etwa mit Hotdogs gefüllt.
Süßer Abschluss: Von Babka bis Hamantaschen
Ein Mahl in einem jüdischen Deli wäre nicht komplett ohne einen Blick auf die Dessertvitrine, die oft mit verlockenden, hausgemachten Köstlichkeiten gefüllt ist.
Hier findet man alles, was das Herz begehrt: von sieben Zentimeter hohen Karottenkuchen über hausgemachte Käse-Danish bis hin zu mit Marmelade gefüllten Hamantaschen. Letztere werden traditionell zum Purim-Fest gegessen, sind aber in vielen Delis das ganze Jahr über erhältlich. Ein besonderes Highlight ist der Babka, ein jüdischer Hefekuchen. Oft wird er als ziegelsteingroßes Stück serviert, durchzogen von Strudeln aus Schokolade und gespickt mit Nüssen und Rosinen. Er ist saftig, reichhaltig und der perfekte Abschluss einer kulinarischen Entdeckungsreise.
Das Erlebnis in einem Deli wird durch die besondere Atmosphäre abgerundet. Das Personal ist oft bemerkenswert freundlich, auch wenn es in Stoßzeiten hektisch zugehen kann. Die Bestellung wird an der Theke aufgegeben und das Essen erreicht den Tisch oft in einer “New York Minute”. Das ist auch gut so, denn man wird jede Minute brauchen, um die großzügigen Portionen zu bewältigen. Es ist ein Ort, an dem Essen zelebriert wird – schnell, authentisch und mit viel Herz.
