Ein, zwei Teelöffel Apfelessig in ein Glas geben, mit Wasser verdünnen – und fertig ist der vermeintliche Abnehm-Drink, der als schnelle Abkürzung zum Wunschgewicht beworben wird. Dieser Trend, der vor allem in sozialen Medien verbreitet wird, verspricht oft unrealistische Ergebnisse. Doch wie so oft im Leben ist nicht alles Gold, was glänzt: Eine Studie, die maßgeblich für den Hype verantwortlich war, wurde nun aufgrund zahlreicher methodischer Fehler und statistischer Mängel zurückgezogen. Wer wirklich erfolgreich und nachhaltig mit Apfelessig abnehmen möchte, sollte die Fakten kennen und sich nicht auf solche Wundermittel verlassen.
Der Apfelessig-Hype und die kontroverse Studie
Auslöser für den weit verbreiteten Abnehm-Trend mit Apfelessig war eine Studie aus dem Libanon, die Anfang 2024 im Fachmagazin BMJ Nutrition, Prevention & Health veröffentlicht wurde. Die beteiligten Forscher hatten 120 übergewichtige junge Erwachsene in vier Gruppen aufgeteilt. Drei dieser Gruppen tranken täglich morgens auf nüchternen Magen eine bestimmte Menge Apfelessig (5, 10 oder 15 Milliliter), jeweils in Wasser verdünnt. Die vierte Gruppe erhielt ein Placebo mit Milchsäure. Nach zwölf Wochen Beobachtungszeit berichteten die Wissenschaftler, dass die Apfelessig-Gruppen signifikant an Gewicht verloren hätten.
Angesichts dieser Ergebnisse äußerte Daniela Krehl, eine renommierte Ernährungsexpertin der Verbraucherzentrale Bayern, bereits zu Beginn des Hypes Bedenken: „Man weiß nicht: War es der Apfelessig an sich oder bloß die Essigsäure, die zum Beispiel auch in Himbeer- oder Weinessig stecken würde? Hat die Säure einfach nur den Appetit gehemmt oder hat sie einen physiologischen Effekt im Körper gehabt? Dieser Wirkungsnachweis fehlt bei dieser Studie.“ Zudem sei die Teilnehmerzahl von 120 Personen relativ gering, um allgemeingültige Schlüsse zu ziehen. Die Studienautoren selbst wiesen darauf hin, dass aufgrund der kurzen Dauer von zwölf Wochen keine Langzeiteffekte betrachtet werden konnten. Für fundierte Ratschläge zum Thema Apfelessig abnehmen sind solche Aspekte entscheidend.
Warum die Studie zurückgezogen wurde: Methodische Mängel und fehlende Reproduzierbarkeit
Die Kritik an der Apfelessig-Studie hielt an. Andere Forscher bemängelten, dass die Arbeit methodisch unsauber durchgeführt wurde und die Rohdaten nicht zur Einsicht bereitstanden. Diese mangelnde Transparenz und die Zweifel an der Methodik führten schließlich zu einer unabhängigen Überprüfung der ursprünglichen Forschungsergebnisse. Diese neue Untersuchung kam zu einem eindeutigen Schluss: Die Apfelessig-Studie enthielt zahlreiche statistische Fehler, und die angeblichen positiven Effekte des Apfelessigs konnten nicht reproduziert werden.
Als Konsequenz dieser Erkenntnisse erklärten sich die Autoren der ursprünglichen Apfelessig-Studie bereit, ihre Veröffentlichung im Fachmagazin zurückzuziehen. Dies unterstreicht die Notwendigkeit wissenschaftlicher Genauigkeit und Überprüfbarkeit, insbesondere wenn es um gesundheitsbezogene Empfehlungen geht, die weite Verbreitung finden.
Apfelessig trinken: Sicher, aber ohne Wunderwirkung
Wer dennoch aus Neugier oder aus anderen Gründen Apfelessig-Wasser probieren möchte, kann dies grundsätzlich tun, wie Daniela Krehl bestätigt. „Er enthält viele Mikronährstoffe, auch B-Vitamine, insbesondere Folsäure.“ Man sollte jedoch im Hinterkopf behalten, dass Apfelessig ein verarbeitetes Produkt ist und somit nicht mehr die gleiche Nährstoffdichte wie ein frischer Apfel besitzt.
Vorsicht ist geboten für Menschen mit einem empfindlichen Magen oder bestehenden Problemen mit der Speiseröhre. Die zusätzliche Säure könnte hier bestehende Beschwerden verschlimmern. Ein weit verbreiteter Mythos besagt zudem, man müsse nach dem Verzehr säurehaltiger Lebensmittel mit dem Zähneputzen warten. Wissenschaftlich gesehen gibt es dafür keinen Grund, sofern man fluoridhaltige Zahnpflegeprodukte verwendet.
Insgesamt fasst Daniela Krehl zusammen: „Ausprobieren schadet zwar nicht, große Hoffnungen sollte man sich aber nicht machen.“ Das Konzept, dass einzelne Lebensmittel auf wundersame Weise die Kilos purzeln lassen, existiert nicht. Für einen nachhaltigen Gewichtsverlust ist es stets erforderlich, dass der Körper weniger Energie aufnimmt, als er verbraucht. Dies gelingt am besten durch eine ausgewogene Ernährung und regelmäßige Bewegung. Viele Lebensmittel zum Abnehmen können dabei unterstützen, sind aber keine alleinige Lösung.
Sind Apfelessig-Nahrungsergänzungsmittel eine Alternative?
Wenn der saure Geschmack des Apfelessig-Drinks nicht zusagt, stellt sich die Frage, ob Nahrungsergänzungsmittel mit Apfelessigextrakt eine gute Alternative darstellen. Daniela Krehl verneint dies entschieden. Nicht nur, weil Pulver und Kapseln um ein Vielfaches teurer sind als eine Flasche Apfelessig.
Vielmehr sind noch zu viele Fragen bezüglich der genauen Wirkweise von Apfelessig und seiner Inhaltsstoffe ungeklärt. Krehl zufolge ist fraglich, ob die vermeintlich entscheidenden Wirkstoffe überhaupt noch in den hoch verarbeiteten Pulvern oder Kapseln enthalten sind. Entsprechend ist auch bei Getränken wie dem „Switchel“ – einer Mischung aus Apfelessig, Wasser, Ahornsirup, Ingwer und Zitrone – die abnehmfördernde Wirkung ungewiss; der Zuckeranteil aus dem Sirup dürfte hier eher kontraproduktiv sein. Wer dennoch gezielt schnell abnehmen am bauch in 2 wochen möchte, sollte auf wissenschaftlich fundierte Methoden und einen gesunden Lebensstil setzen.
Fazit
Der Hype um Apfelessig als Wundermittel zum Abnehmen hat sich als wissenschaftlich unhaltbar erwiesen, nachdem die zugrundeliegende Studie aufgrund gravierender Mängel zurückgezogen wurde. Während Apfelessig in Maßen unbedenklich konsumiert werden kann und einige Mikronährstoffe enthält, ist er kein magischer Fatburner. Ein nachhaltiger und gesunder Gewichtsverlust basiert nach wie vor auf einer ausgewogenen Ernährung und ausreichender körperlicher Aktivität, die zu einem Kaloriendefizit führen. Lassen Sie sich nicht von schnellen Lösungen in sozialen Medien blenden, sondern setzen Sie auf bewährte Methoden und eine kritische Auseinandersetzung mit Gesundheitstrends. Konsultieren Sie bei Fragen stets Ernährungsexperten oder Mediziner, um individuelle und fundierte Ratschläge zu erhalten.
