Die Diskussion um ein besseres und gerechteres Bildungssystem in Deutschland hat seit der Jahrtausendwende, insbesondere nach der ersten PISA-Studie, zu einem Aufschwung der Kulturellen Bildung geführt. Dieser Trend hält seit über einem Jahrzehnt an, was sich in Veröffentlichungen wie dem Bildungsbericht 2012 des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) und dem Programm „Kultur macht stark! Bündnisse für Bildung“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) widerspiegelt. Trotz der wachsenden Bedeutung von Begriffen wie „Kulturelle Bildung“, „ästhetische Bildung“ oder „künstlerische Ausbildung“ bleiben die zugrundeliegenden Konzepte oft unklar. Dieser Artikel zielt darauf ab, zentrale Begrifflichkeiten im Feld der Kulturellen Bildung zu differenzieren und ihre historischen Wurzeln zu beleuchten, um eine fundierte Diskussion über die Qualität Kultureller Bildung zu ermöglichen.
Bildung und Erziehung: Unterschiede und Gemeinsamkeiten
Im deutschen Sprachgebrauch unterscheiden sich die Begriffe Bildung und Erziehung, obwohl sie im Englischen unter „education“ zusammengefasst werden. Erziehung beschreibt einen intendierten Prozess, bei dem Wissen und Werte von einer älteren Generation an eine jüngere weitergegeben werden, und endet, sobald die jüngere Generation selbstständig und verantwortungsbewusst handeln kann. Bildung hingegen, wie von Wilhelm von Humboldt beschrieben, ist ein Prozess der Wechselwirkung zwischen dem Selbst und der Welt. Hier ist das lernende Subjekt selbst der primäre Akteur, angetrieben durch Interesse und Neugier. Bildung ist somit ein lebenslanger Prozess, der nie abgeschlossen ist, da die Wechselwirkung zwischen Individuum und Umwelt fortwährend stattfindet. Ein starres Curriculum für Bildung ist kaum zu entwerfen, da jeder Bildungsprozess individuell und biografisch bedingt ist. Im Gegensatz zur Bildung hat jede Erziehung einen impliziten Lehrplan, der die Erziehungsvorstellungen und -inhalte der Erziehenden widerspiegelt und somit tendenziell vorhersagbare Ergebnisse liefert. Die Ergebnisse von Bildungsprozessen sind ungleich schwerer zu bestimmen, da sie maßgeblich vom Individuum selbst, dessen Motivationen und Interessen abhängen.
Künstlerische Bildung und Erziehung
Künstlerische Bildung und Erziehung beziehen sich primär auf das Lernen in den Künsten, was unweigerlich auch eine Bildung durch die Künste mit sich bringt. Es geht darum, eine bestimmte Kunstfertigkeit, ein Handwerk oder eine Technik zu beherrschen und Grundkenntnisse einer Kunstform zu erwerben. Dieser Prozess kann eher erzieherischen Charakter haben, wenn er nach einem bestimmten Curriculum und einer Didaktik durch einen Lehrenden erfolgt, der in die Kunstform einführt. Er kann aber auch stärker bildenden Charakter annehmen, wenn sich die Beschäftigung mit den Inhalten in freier Wechselwirkung entfaltet und zu vielfältigen Lernerfahrungen führt. Über die technische Beherrschung hinaus sind historisches Wissen, die Entwicklung einer Kunstform, ihre Ausdrucks- und Rezeptionsweisen sowie eine ästhetische Alphabetisierung wesentliche Bestandteile des Lernens und Könnens in künstlerischer Bildung. Das Beherrschen einer Kunstform, sei es Klavierspielen, Zeichnen oder Tanzen, erfordert intensive und wiederholte Eigenaktivität des Subjekts. Daher sind künstlerische Erziehung und Bildung in der Praxis kaum voneinander zu trennen. Das Ziel ist stets das Beherrschen und Verstehen der jeweiligen Kunstform in produktiver und rezeptiver Weise. Wenn dies gelingt, kann der Lernprozess als ein Bilden durch Kunst beschrieben werden. Anne Bamford differenziert den internationalen Begriff „arts education“ in einen engeren Begriff „education in the arts“ (Erlernen künstlerischer Fertigkeiten, Darstellung und Denken) und einen weiteren, „education through the arts“, der sich auf Transfereffekte und die durch Kunst erworbenen Kompetenzen bezieht. Kunst, gekennzeichnet durch „syntaktische und semantische Dichte und Fülle“, wie Nelson Goodman beschreibt, exemplifiziert Eigenschaften auf besondere Weise und ermöglicht komplexe Bezüge. Kunst stellt somit durch die verdichteten menschlichen Erfahrungen, die sie symbolisch enthält, ein hervorragendes Mittel dar, um Wahrnehmung und Geschmack zu schulen und ästhetische Erfahrungen zu ermöglichen – den Kern jeder ästhetischen Bildung.
Ästhetische/Aisthetische Bildung und Erziehung
Die ästhetische Bildung umfasst einen breiteren Gegenstandsbereich als die künstlerische Bildung. Abgeleitet vom griechischen Wort „aisthesis“ (sinnliche Wahrnehmung, Empfindung, Erkenntnis) bezieht sie sich nicht nur auf Kunstformen, sondern auf alles, das einer ästhetischen Betrachtungsweise zugänglich ist. Ästhetische Bildung umfasst die Prozesse und Ergebnisse reflexiver und performativer Praktiken, die aus der Auseinandersetzung mit kunstförmigen und als ästhetisch qualifizierten Gegenständen und Formen resultieren. Ästhetische Erziehung und Bildung kann somit auch an Alltagsgegenständen erfolgen, die als ästhetisch wahrgenommen werden. Sie erfordert eine erhöhte Aufmerksamkeit für den Gegenstand und die eigene Wahrnehmung, die Einordnung des Wahrgenommenen nach Herkunft, Bedeutung und Funktion innerhalb einer Kultur sowie eine reflektierte Äußerung darüber. Während ästhetische Erziehung eher der pädagogischen Tradition einer ästhetischen Alphabetisierung entspricht und ein konkretes Ziel verfolgt, betont die ästhetische Bildung die geschulte Auseinandersetzung mit ästhetischen Gegenständen und Formen durch die Eigenaktivität und Selbstbestimmtheit des Subjekts in einem lebenslangen Reflexionsprozess. Friedrich Schillers Werk „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“ prägte maßgeblich die Idee der ästhetischen Erziehung als Mittel zur Lenkung des Menschen zur Vernunft und zur Schaffung eines moralischen Staates. Kunst fungiert hier als Erzieher, der dem Menschen im Spiel die Freiheit zurückgibt und ihn zu einem humaneren gesellschaftlichen Zusammenleben befähigt. Der Satz „… der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“ verdeutlicht diesen Gedanken. Ästhetische Bildung und Erziehung werden oft mit ethischen und moralischen Vorstellungen verbunden, mit dem Ziel, Kreativität, soziale Ausgeglichenheit und Kommunikationsfähigkeit zu fördern. Neurowissenschaftliche Untersuchungen stützen die positiven Auswirkungen künstlerischer Beschäftigung auf Wohlbefinden und Entwicklung.
Kulturelle Bildung als Erweiterung zu musischer Bildung und Kulturpädagogik
Der Begriff „Kulturelle Bildung“ ist relativ jung und wurde offiziell 1968 mit der Umbenennung der Bundesvereinigung Musische Bildung in Bundesvereinigung Kulturelle Jugendbildung eingeführt. Er steht in einer Reihe von Umbenennungen, die die politische Relevanz des Themas unterstrichen. Die frühere „Musische Erziehung“ war im Nachkriegsdeutschland oft als politikfreier Raum des bürgerlichen Zeitvertreibs konzipiert, was zu Kritik von Intellektuellen wie Theodor W. Adorno führte und eine Abgrenzung sowie die Prägung des Bildes „Bildung durch die Künste“ zur Folge hatte. In den 1970er Jahren erhielt das Thema Kulturelle Bildung politische Relevanz, und Verbände wie die heutige Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung (BKJ) förderten Projekte, die auf Teilhabegerechtigkeit an Kultur abzielten. Das kreative und künstlerische Gestalten des Einzelnen wurde als gleichwertig zur Rezeption von Hochkultur und als Bestandteil kultureller und sozialer Praxis anerkannt. Die Konzeptionen Kultureller Bildung I und II (1988 und 1994) erweiterten den Begriff um die Perspektive der Lebenslangen Bildung und adressierten verschiedene Ziel- und Altersgruppen. Neue Orte Kultureller Bildung wie Museen und Jugendkunstschulen etablierten sich, ebenso wie Kulturmanagement und die politischen Rahmenbedingungen als Strukturen Kultureller Bildung. In den 1980er und 1990er Jahren setzte sich der Leitbegriff „Kulturpädagogik“ für das Handlungsfeld Kultureller Bildung durch.
Der wesentliche Unterschied des Dachbegriffs Kulturelle Bildung zum Konzept ästhetischer Bildung liegt in der explizit genannten und umzusetzenden sozialen und politischen Dimension eines breiten Kulturbegriffs. Dieser umfasst den anthropologischen, ethnologischen, soziologischen und normativen Kulturbegriff sowie den engen Kulturbegriff, der die Künste beschreibt. Kulturelle Bildung versteht sich als lebenslange Allgemeinbildung durch künstlerische und symbolhafte Ausdrucksformen und zielt auf kulturelle Teilhabe sowie die Entwicklung biografischer Lebenskunst ab. Es handelt sich um ein Bildungskonzept und eine pädagogische Haltung, die Ideen der Reformpädagogik und der geisteswissenschaftlichen Pädagogik aufgreift. Die heutige Kulturpädagogik unterscheidet sich stark von der „alten“ Kulturpädagogik der geisteswissenschaftlichen Pädagogik, die auf der Weitergabe „objektiver“ Kulturgüter basierte. Die „neue“ Kulturpädagogik, entstanden in den 1970er Jahren unter dem Einfluss soziokultureller Bewegungen, ist eine Teildisziplin der Erziehungswissenschaft und eine außerschulische Praxis, die sich auf produktive und rezeptive Arbeit in vielfältigen Handlungsfeldern konzentriert. Das Konzept „Kulturelle Bildung“ im 21. Jahrhundert geht über rein außerschulische Angebote hinaus und versteht sich als kritische pädagogische und gesellschaftlich-politische Haltung. Es besitzt Transformationskraft für bestehende pädagogische Verhältnisse und ist anschlussfähig an Themen wie Nachhaltigkeit, kulturelle Vielfalt und Interdisziplinarität. Die Kernfrage Kultureller Bildung nach einem guten und menschenwürdigen Leben für alle trägt die ästhetische Grundfrage in sich: Wie wollen wir als Menschen im 21. Jahrhundert zusammen leben und unsere Kultur gestalten?
Die Ermöglichung Kultureller Bildung: Kulturvermittlung und Künstlerische Kunstvermittlung
Während sich Kulturelle Bildung auf das Subjekt des Bildungsprozesses und dessen biografischen Hintergrund konzentriert, fragt Kulturvermittlung nach den äußeren Bedingungen der Vermittlung künstlerischer und ästhetischer Objekte. Sie beschäftigt sich mit Vermittlungsstrategien, dem Verhalten von Kulturnutzern, erfolgreichen Formaten und der Ausbildung von VermittlerInnen. Ein besonderer Zweig, die künstlerische Kunstvermittlung, hinterfragt Institutionen und befreit die Vermittlung von einer affirmativen Haltung zur Kunst, was sie zu einer eigenen partizipativen und transformativen künstlerischen Praxis macht. Kulturvermittlung dient nicht nur als Verständnishilfe zwischen Kunst und Publikum, sondern nutzt die Stärken der Künste für das Zusammenleben im Alltag, setzt kommunikative Prozesse in Gang und rückt das Gewohnte in einen neuen Blickwinkel. Wenn Kulturvermittlung erfolgreich ist, können kulturelle Bildungsprozesse angeregt werden. Die Erfahrung, dass „alles auch ganz anders sein könnte“, ist zentral für Bildungsprozesse und die Entdeckung von Möglichkeiten, Perspektivwechseln und transformatorischen Selbstbildungsprozessen. Dies ist das Ziel, für das es sich lohnt, Strukturen und Qualitäten Kultureller Bildung zu entwickeln.
