Kottmarsdorf verliert ein Stück seiner Handwerkstradition: Seit Jahresbeginn bleiben die Türen der Bäckerei Jarmer an der Löbauer Straße geschlossen. Das Unternehmen, das in Ostsachsen als renommierte Allergiebäckerei für seine Vollkorn- und glutenfreien Brote bekannt war, hat den Betrieb für immer eingestellt. Ein Aushang an der Ladentür klärt die Kunden unmissverständlich auf. Jacqueline und Ulf Jarmer nehmen kein Blatt vor den Mund und machen die „katastrophale Politik der letzten Jahre“ sowie die „damit verbundene desaströse Wirtschaftslage in Deutschland“ für das Scheitern ihres Geschäftsmodells verantwortlich. Sie erklären, dass es ihnen unter diesen Umständen „nicht möglich“ sei, ihre Bäckerei wie gewohnt weiterzuführen. Die Bäckereischließung in Kottmarsdorf ist ein deutliches Zeichen für die Herausforderungen, denen kleine Handwerksbetriebe heute gegenüberstehen.
Ein Handwerkstradition endet: Die Bäckerei Jarmer in Kottmarsdorf
Ein Dokument im ehemaligen Laden erzählt von besseren Zeiten: Erst 2024, vor wenigen Monaten, bestätigte die Handwerkskammer Jacqueline Jarmer nachträglich die am 10. Dezember 1991 erfolgreich bestandene Meisterprüfung. Das Schriftstück bescheinigt ihr offiziell, Meisterin ihres Handwerks zu sein. „Das ist zwar schön, hilft uns in der aktuellen Situation aber nicht weiter“, bedauert die 55-Jährige. Diese Urkunde symbolisiert eine Wertschätzung, die im harten Alltag des Bäckerhandwerks oft auf der Strecke bleibt.
Seit mehreren Jahren bereits hätten sich die Rahmenbedingungen in ihrer Branche immer kritischer entwickelt. Die Jahresbilanz sei zwar „trotzdem immer positiv“ gewesen, doch „seit Corona kannten die Zahlen nur noch eine Richtung – nach unten. Und sie haben sich nicht erholt.“ Die Jarmers sind überzeugt, dass sich daran auch in den nächsten Jahren nichts ändern werde. Aus diesem Grund zögen sie „schweren Herzens einen Schlussstrich“, wie sie in ihrem Info-Schreiben an die Kunden formulierten. Ihnen ist es wichtig zu betonen: „Es ist eine Geschäftsaufgabe, keine Insolvenz.“ Dies unterstreicht die schwierige Entscheidung, die viele Kleinunternehmer in Deutschland treffen müssen.
Von der Imbissstube zur Spezialbäckerei für Allergiker
Die Geschichte der Bäckerei Jarmer begann bereits 1990. Jacqueline Jarmer eröffnete zusammen mit ihrem Mann Ulf im alten Kretscham an der S148 in Kottmarsdorf zunächst einen Imbiss, aus dem sich später die heutige Bäckerei entwickelte. Eine persönliche Betroffenheit führte zu einer entscheidenden Wende in ihrer Backphilosophie: Als ihre Kinder unter allergischem Asthma und Neurodermitis mit Lebensmittelallergien litten, passten die Jarmers ihr Angebot an. Es folgte die Spezialisierung zur Allergiebäckerei, deren einzigartige Produkte Kunden aus ganz Ostsachsen anzogen. Der Bedarf war groß, da viele Menschen unter Unverträglichkeiten leiden. Zusätzlich bedienten sie Wochenmärkte in Zittau, Görlitz, Bautzen und Dresden, um ihre Produkte einem breiteren Publikum zugänglich zu machen.
Die Kostenexplosion: Ein Kampf ums Überleben im Bäckerhandwerk
Doch selbst dieses spezialisierte und erfolgreiche Konzept reichte nicht aus, um das Unternehmen in eine sorgenfreie Zukunft zu führen. Im Gegenteil: „Kostensteigerungen in allen Bereichen ließen uns immer weniger Luft zum Atmen“, erklärt die Bäckermeisterin. Sie liefert konkrete Beispiele für die Preisentwicklung zwischen 2000 und heute. Der Liter Heizöl habe sich von 0,40 auf 0,91 Euro verteuert, und Benzin für die Bäckerautos koste nicht mehr 1,03 Euro pro Liter, sondern müsse für 1,80 Euro eingekauft werden. Auch der Strompreis – ein elementarer Kostenfaktor für jede Bäckerei – ist in den vergangenen Jahren drastisch gestiegen: von 0,16 auf 0,35 Euro pro Kilowattstunde.
Jeder hat mit steigenden Kosten zu kämpfen. Das ist eine Spirale ohne Ende. – Jacqueline Jarmer, Bäckermeisterin aus Kottmarsdorf
Ganz zu schweigen von den Kosten für Handwerkerstunden, die regelmäßig für Elektro- und Installationsarbeiten, den Backofenbauer, sowie für Maschinenwartung und Instandhaltung der Bausubstanz im Unternehmen anfallen. „Der Stundensatz ist von 15 bis 25 Euro auf jetzt 45 bis 65 Euro gestiegen“, rechnet Jacqueline Jarmer vor. Sie macht ihren Kollegen anderer Branchen jedoch keinen Vorwurf: „Jeder hat mit steigenden Kosten zu kämpfen. Das ist eine Spirale ohne Ende.“
Hinzu kommen weitere Faktoren, die den Preis für die ohnehin nicht ganz billigen Allergiebackwaren zusätzlich unter Druck setzen. Für das Material – Mehle, Zutaten und spezielle Zuschlagstoffe – muss die Dorfbäckerei einen 100-prozentigen Preisaufschlag berappen. Pflichtversicherungen, Kosten für Steuerberater und Bankgebühren, sowie Beiträge für Handwerkskammer, Innung und Berufsgenossenschaft sind ebenfalls in die Höhe geschnellt. Nicht zu vergessen sei die „inflationsbedingt notwendige Lohnerhöhung für die Mitarbeiter“, betont Jacqueline Jarmer.
Sie führt weiter aus: „All das können wir nicht auf unsere Produkte umlegen.“ Um überhaupt einigermaßen am Markt teilnehmen zu können, müsste ein großer Teil der Produkte unter dem Herstellungspreis verkauft werden. Dies sei weder gewollt noch möglich, da am Ende unweigerlich die Insolvenz stünde. Die aktuelle Situation in Deutschland, einschließlich der bevorstehenden Wahlen, biete zudem wenig Hoffnung auf baldige Besserung. Diese steigenden Kosten im Bäckerhandwerk sind ein bundesweites Problem.
Eine schwierige Entscheidung und der Blick nach vorn
Das Bäckerehepaar Jarmer ist zutiefst traurig, dass es zu dieser Bäckereischließung kommen musste. Persönlich bleiben die beiden Kottmarsdorfer der Branche jedoch erhalten. Ulf Jarmer hat eine Anstellung bei einem befreundeten Bäckermeister gefunden, und Jacqueline Jarmer wird ihre wertvollen Erfahrungen als Fachlehrerin für Bäcker und Fachverkäufer am Berufsschulzentrum in Görlitz weitergeben.
In Zukunft gehen wir nur noch aus Lust und Laune in die Backstube, quasi für den Eigenbedarf. – Jacqueline Jarmer, Bäckermeisterin aus Kottmarsdorf
„In Zukunft gehen wir nur noch aus Lust und Laune in die Backstube, quasi für den Eigenbedarf. Denn die Maschinen und Anlagen stehen ja noch“, blickt Jacqueline Jarmer mit einem Hauch von Wehmut, aber auch Pragmatismus in die Zukunft. Die Schließung der Bäckerei Jarmer ist ein trauriges Beispiel für die immer größer werdenden Herausforderungen, denen sich traditionelle Handwerksbetriebe in Deutschland gegenübersehen. Es unterstreicht die Notwendigkeit, lokale Unternehmen zu unterstützen und die politischen Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass diese wichtigen Säulen unserer Wirtschaft eine faire Überlebenschance haben.
