Ballaststoffe, die oft als bloßer “Ballast” missverstanden werden, sind in Wahrheit unverzichtbare Nahrungsbestandteile. Sie dienen unseren Darmbakterien als Nahrungsgrundlage, die daraus wiederum kurzkettige Fettsäuren produzieren. Diese Fettsäuren zeigen vielversprechende positive Effekte bei entzündlichen Erkrankungen wie der Rheumatoiden Arthritis. Eine Ballaststoffreiche Ernährung kann bei Arthritis-Patienten unter anderem die Anzahl regulatorischer T-Zellen erhöhen. Diese Zellen sind entscheidend, um Autoimmunreaktionen entgegenzuwirken – also jenen Prozessen, bei denen die körpereigene Abwehr fälschlicherweise den eigenen Organismus angreift. Forscher der FAU konnten zudem zeigen, dass sich das allgemeine Wohlbefinden der Patienten durch eine ballaststoffreiche Kost spürbar verbessert. Ihre Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift Nutrients veröffentlicht.
Die Bedeutung der Darmbakterien für die Entstehung von Autoimmunerkrankungen ist nicht zu unterschätzen. Diese Mikroorganismen, die bei Erwachsenen bis zu zwei Kilogramm des Körpergewichts ausmachen, benötigen eine adäquate Versorgung mit Ballaststoffen, um eine intakte Darmflora aufrechtzuerhalten. Unsere moderne Ernährung ist jedoch oft ballaststoffarm, was eine Störung der Darmflora begünstigen kann. Eine solche gestörte bakterielle Zusammensetzung im Darm wird wiederum mit Autoimmunerkrankungen in Verbindung gebracht. In diesem Zustand produzieren die Mikroorganismen weniger kurzkettige Fettsäuren. Zu diesen zählen Propionat und Butyrat, die beispielsweise in der Gelenkflüssigkeit vorkommen und zur Funktionsfähigkeit der Gelenke beitragen sowie Entzündungen vorbeugen. Eine optimale Darmgesundheit ist somit ein wichtiger Schritt, um das Immunsystem schnell stärken zu können.
Eine weitere Studie unter der Leitung von Prof. Dr. Mario Zaiss, Professor für Immuntoleranz und Autoimmunität an der FAU, bestätigt diese Erkenntnisse. Das Forschungsteam untersuchte, wie das Protein Zonulin im Darm gehemmt werden kann, das Autoimmunerkrankungen fördert. Dabei stellten sie fest, dass sowohl die Ernährung als auch die Darmbakterien die Produktion von Zonulin beeinflussen. Die Resultate dieser Untersuchung wurden im renommierten Magazin Nature Communications publiziert.
Von der symptomfreien Autoimmunität zur aktiven Krankheit
In der Zonulin-Studie untersuchte das Team um Prof. Dr. Mario Zaiss an der FAU, welchen Beitrag die Darmflora zum Übergang von einer symptomfreien Autoimmunität hin zur Krankheitsaktivität leistet. Die Wissenschaftler fanden heraus, dass das Darmepithel, also die schützende Auskleidung des Darms, bei einer gestörten Bakterienbesiedlung vermehrt Zonulin ausschüttet. Zonulin wiederum bewirkt, dass die sogenannten Tight Junctions – Proteine, die die Zellzwischenräume der Darmwand abdichten – durchlässiger werden. Dies ermöglicht das Eindringen von Peptiden oder bakteriellen Bestandteilen in den Körper.
Da diese Bakterienbruchstücke menschlichen Körperbestandteilen ähneln, vermuten die FAU-Forscher, dass der Organismus nicht zwischen den Fremdstoffen und den eigenen Körperzellen unterscheiden kann. Infolgedessen greift er die Eindringlinge an und bildet Antikörper, die sich gleichzeitig gegen körpereigene Zellen richten. Dies führt zu autoimmun bedingten Entzündungsreaktionen und markiert den Beginn der Krankheitsaktivität bei Rheumatoider Arthritis.
Die Studie zeigte zudem, dass bei einer erhöhten Zonulin-Konzentration im Darm das Risiko für den Ausbruch einer Arthritis innerhalb des Folgejahres auch bei bislang symptomfreien Patienten mit Autoimmunität ansteigt. Biopsien der Dünndarmschleimhaut bestätigten, dass sich die Tight Junctions und damit die Darmbarriere bei erhöhten Zonulin-Werten verändern und durchlässiger werden. Eine erhöhte Durchlässigkeit des Darms für Lactulose, sowohl bei Mäusen als auch bei Menschen, wies ebenfalls auf den Beginn einer aktiven Arthritis hin und unterstreicht die Notwendigkeit, das Immunsystem schnell stärken zu können.
Weniger Zonulin, weniger Beschwerden
Bereits aus früheren Studien kannten die Forscher die positiven Effekte der kurzkettigen Fettsäure Butyrat auf die Rheumatoide Arthritis. Daher verabreichten sie auch in der Zonulin-Studie Mäusen Butyrat. Es zeigte sich, dass diese Behandlung den Beginn der Arthritis verzögerte, die Zonulin-Konzentration senkte und die intestinale Barriere stärkte. Eine noch stärkere Wirkung wurde mit der Gabe von Larazotid-Acetat erzielt, einem Wirkstoff, der bereits in klinischen Studien zur Behandlung von Zöliakie (Glutenunverträglichkeit) eingesetzt wird. Unter Larazotid-Acetat, welches die Zonulin-Produktion hemmt, gingen die Entzündungsaktivitäten in den Gelenken zurück, die Knochenfestigkeit nahm zu und der Beginn der Arthritis konnte hinausgezögert werden.
Die Wissenschaftler der FAU gehen davon aus, dass sich die Krankheitsaktivität bei Arthritis auch beim Menschen durch eine Blockade der Zonulin-Produktion mit Larazotid-Acetat verzögern lässt. Da die Substanz bereits in Phase-III-Studien getestet wird, ist ein möglicher Einsatz zur Behandlung von Rheumatoider Arthritis künftig denkbar, was neue Perspektiven für Patienten eröffnen könnte.
Mit Ballaststoffen zum Darmgleichgewicht
Das FAU-Team empfiehlt dringend, die Darmflora durch eine ballaststoffreiche Ernährung ins Gleichgewicht zu bringen. Dies ermöglicht den Darmbakterien, größere Mengen Butyrat zu produzieren und somit die Darmbarriere zu stärken. Die Forscher sehen im Verzehr von Ballaststoffen einen zusätzlichen, vielversprechenden Behandlungsansatz für Rheumatoide Arthritis und möglicherweise auch für andere Autoimmunerkrankungen. Studienleiter Prof. Dr. Mario Zaiss betont: „Schon Hippokrates hat die Bedeutung der Ernährung für die Gesundheit erkannt und falsche Ernährung als eine der Hauptursachen für die Entstehung von Krankheiten ausgemacht: ‚Eure Nahrungsmittel sollen eure Heilmittel, und eure Heilmittel sollen eure Nahrungsmittel sein.‘ Wenn also Krankheit durch eine fehlerhafte Ernährung ausgelöst werden kann, dann sollten wir uns nochmals eingehend damit beschäftigen und die Zusammenhänge besser erforschen.“ Wer sein Immunsystem schnell stärken möchte, findet in Ballaststoffen einen wertvollen Verbündeten.
Dieser wissenschaftliche Einblick unterstreicht die tiefgreifende Verbindung zwischen unserer Ernährung, der Gesundheit unseres Darms und der Funktion unseres Immunsystems. Eine bewusste Entscheidung für ballaststoffreiche Lebensmittel kann nicht nur das allgemeine Wohlbefinden steigern, sondern auch eine wichtige präventive und unterstützende Rolle bei der Bewältigung chronisch-entzündlicher Erkrankungen spielen. Es lohnt sich, die Rolle der Ernährung für unsere Gesundheit neu zu bewerten und die Erkenntnisse der Forschung in den Alltag zu integrieren.
Weitere Informationen
Prof. Dr. Mario Zaiss spricht bei ARD „W wie Wissen“ über Ballaststoffe und ihre Wirkung.
Kontakt: Prof. Dr. Mario Zaiss, Professur für Immuntoleranz und Autoimmunität. Tel.: 09131/85-43212, mario.zaiss@fau.de
