Das Konzept der Bildung stellt einen zentralen Pfeiler der Erziehungstheorie im deutschsprachigen Raum Europas sowie in Skandinavien dar und beeinflusst darüber hinaus Bildungstraditionen in einigen südamerikanischen Ländern, wie Brasilien. Seine Wurzeln reichen über 200 Jahre zurück in eine zentraleuropäische Bildungstradition, die maßgeblich von den Werken Wilhelm von Humboldts im späten achtzehnten Jahrhundert geprägt wurde. Seitdem hat die humboldt bildungstheorie eine bedeutende Rolle in der mittel- und nordeuropäischen Bildungsphilosophie und -politik gespielt.
Bildung ist im Wesentlichen eine Theorie, die die Ziele und Zwecke jeglicher Erziehung definiert. Es handelt sich um ein komplexes pädagogisches Konzept, das sowohl Verbindungen zur Aufklärung als auch zur Romantik aufweist. Während Bildung im achtzehnten Jahrhundert hauptsächlich mit dem Begriff der Humanität verbunden war, wurde sie Ende des neunzehnten Jahrhunderts zunehmend als Wert und Gut verstanden. Nach einem Rückgang ihrer Nutzung in den 1960er und 1970er Jahren, bedingt durch den Sputnik-Schock und die Studentenbewegung, erlebte das Konzept seit den 1980er Jahren eine Wiederbelebung und wird in den letzten zwei Jahrzehnten aus spät-/postmodernen Perspektiven neu beleuchtet. Auch in einer zunehmend vernetzten Welt bleibt der bildungsbegriff pädagogik von größter Relevanz, da er sich ständig neuen gesellschaftlichen Herausforderungen anpasst.
Die Entwicklung des Bildungsbegriffs durch bedeutende Denker
Im Laufe der letzten zwei Jahrhunderte haben zahlreiche Wissenschaftler dazu beigetragen, den komplexen Begriff der Bildung zu präzisieren. Zu den wichtigsten frühen Bildung-Theoretikern aus Deutschland zählen Wilhelm von Humboldt (1767–1835) und Johann Gottfried Herder (1744–1803). Skandinavische Bildung-Gelehrte wie Nikolaj Frederik Severin Grundtvig (1783–1872), Carl Adalph Agardh (1785–1859) und Ellen Key (1849–1926) haben ebenfalls wesentliche Beiträge geleistet. Jüngere deutsche Wissenschaftler in diesem Feld sind Hans-Georg Gadamer (1900–2002), Paul Ricoeur (1913–2005), Erich Weniger (1894–1961) und Wolfgang Klafki (1927–2016).
Kernelemente und moderne Interpretationen der Bildung
Das Konzept der Bildung ist reichhaltig und vielschichtig. Es besteht im Allgemeinen aus zwei Hauptelementen: einem idealen Bild wünschenswerter Kenntnisse und Fähigkeiten sowie freien Lernprozessen. Anders ausgedrückt umfasst es sowohl „den Prozess der persönlichen Entwicklung als auch das Ergebnis dieses Entwicklungsprozesses“. Die grundlegenden Werke, die zu unserem heutigen Verständnis von Bildung führten, stammen hauptsächlich aus den 1950er bis 1970er Jahren.
Wolfgang Klafki und andere definierten Bildung (oder Allgemeinbildung, was Bildung für alle und in allen menschlichen Fähigkeiten bedeutet) als die Fähigkeit, eigene Interessen in der Gesellschaft zu erkennen und zu verfolgen und sich als verantwortungsbewusster Bürger innerhalb der Gesellschaft zu verhalten. Die klafki bildung verknüpfte dies mit der Entwicklung der Kapazität zur Selbstbestimmung, Partizipation und Solidarität innerhalb der Gesellschaft. In dieser Debatte wurde Bildung nie als etwas verstanden, das man lehren kann, sondern als ein Weg, bildungsorientierte Erziehung zu unterstützen, damit jeder seine Bildung selbst entwickeln kann. Theoretisch gesehen ist Bildung eher ein Konzept zur Erlangung von Kapazitäten und Fähigkeiten als eine Ansammlung von Fakten und Theorien, die gelernt werden müssen. Bildung wird eher als ein Prozess der Potenzialaktivierung denn als ein Lernprozess betrachtet.
Schneider beschreibt Bildung als ein reflexives Ereignis und ihre Funktion als Gestaltung und Formung des Selbst – einen komplexen Sinngebungsprozess, der von der Kindheit bis ins hohe Alter stattfindet. Sie wird als lebenslange Herausforderung und Chance verstanden und ist mit der Entwicklung kritischen Bewusstseins, einem Prozess der Charakterbildung und Selbstfindung verbunden. Sie ist eng verknüpft mit Fragen der Wahrheitsfindung, Wertebestimmung und Sinnstiftung. Für Bauer umfasst Bildung „kreative, kritische und transformative Prozesse, die das Verhältnis von Selbst und Welt in Verbindung mit einer sich wandelnden sozialen und materiellen Umgebung verändern.“ Das heißt, Bildung besteht aus autonomer Selbstformung sowie reflexivem und verantwortungsvollem Handeln in und im Zusammenspiel mit der Gesellschaft. Als humanistische Theorie weist die Bildungstheorie (oder besser: Bildungstheorien, wie unten beschrieben) Ähnlichkeiten mit einigen Theorien auf, die in der Pädagogik relevant sind, wie Systemdenken und transdisziplinäres Lehren. Zeitgenössische Ideen der kritisch-reflexiven Bildung, die in diesem Zusammenhang im Fokus stehen, fügen der Vermittlung von Wissenschaft philosophische sowie politische Dimensionen hinzu. Als solche dient sie als Vehikel zur Förderung sozio-politischen Aktivismus, d.h. sie unterstützt Schüler dabei, aktive Bürger zu werden, die wissenschafts- und technologiebezogene Themen auf lokaler und globaler Ebene angehen.
Bildung und Didaktik: Eine untrennbare Verbindung
Da es keine präzise englische Übersetzung gibt, wird der deutsche Begriff Bildung häufig in der internationalen wissenschaftspädagogischen Literatur verwendet. Die oft genutzte Übersetzung von Bildung als bloße „education“ ignoriert ihre besonderen Wurzeln und den einzigartigen philosophischen Rahmen hinter dem Konzept. Es ist wichtig zu betonen, dass die mit Bildung verbundene Bedeutung des Begriffs Didaktik im Deutschen und in skandinavischen Sprachen stark von der Verwendung des Wortes didactics im Englischen abweicht. Didaktik im Deutschen und in skandinavischen Sprachen bezeichnet sowohl das Praxiswissen über das Lehren als auch den Forschungsbereich über Lehren und Lernen. Dies zeigt die tiefgreifende Bedeutung von Bildung nicht nur in der Theorie, sondern auch in der praktischen Umsetzung und der reflexiven Auseinandersetzung mit Lernprozessen. In der heutigen Zeit wird auch die digital bildung zunehmend relevant und fordert eine Anpassung und Weiterentwicklung des traditionellen Bildungsbegriffs.
Im deutschsprachigen Raum gab es seit langem eine Debatte darüber, was unter Bildung mit ihren individuellen und gesellschaftlichen Implikationen im Hinblick auf das Lehren und Lernen von Naturwissenschaften zu verstehen ist. Auch in Skandinavien wurde diese Debatte mit Interesse verfolgt. So veröffentlichte Svein Sjøberg 1998 die erste Ausgabe seines Lehrbuchs für die Lehrerbildung Science as part of Bildung for all—a critical subject-Didaktik. Es ist zu einem Standardwerk in der naturwissenschaftlichen Lehrerbildung in ganz Skandinavien geworden. In den letzten Jahren wurde das Konzept der Bildung zur Begründung neuer Philosophien der naturwissenschaftlichen Bildung verwendet, wie zum Beispiel die Ideen der kritischen wissenschaftlichen Literalität oder der öko-reflexiven naturwissenschaftlichen Bildung.
Bevor wir das Konzept der Bildung auf das naturwissenschaftliche Lehren und Lernen anwenden und es mit dem Konzept der „scientific literacy“ verbinden, ist es wichtig, die verschiedenen Ideen im Zusammenhang mit Bildung sowie ihre Verbindung zur kritisch-konstruktiven Didaktik zu verstehen. Dies unterstreicht die Notwendigkeit einer kontinuierlichen Auseinandersetzung mit diesem facettenreichen und zukunftsweisenden Konzept.
Fazit: Die zeitlose Relevanz der Bildung
Das Konzept der Bildung ist weit mehr als nur ein Synonym für „Ausbildung“ oder „Erziehung“. Es verkörpert einen tiefgreifenden Prozess der persönlichen Entwicklung, der Selbstformung und der verantwortungsvollen Partizipation in der Gesellschaft. Von ihren historischen Ursprüngen bei Denkern wie Humboldt und Herder bis zu modernen Interpretationen durch Klafki und andere, hat sich Bildung als ein dynamisches und adaptives Ideal erwiesen. Sie fordert den Einzelnen heraus, kritisches Bewusstsein zu entwickeln, eigene Interessen zu erkennen und sich aktiv und solidarisch in das gesellschaftliche Leben einzubringen. In einer sich ständig wandelnden Welt bleibt die Auseinandersetzung mit dem Bildungsbegriff und seinen Implikationen für die Pädagogik von entscheidender Bedeutung, um zukünftige Generationen zu befähigen, mündige und reflektierte Bürger zu sein. Wir laden Sie ein, tiefer in diese faszinierende Thematik einzutauchen und die vielfältigen Facetten der Bildung selbst zu erkunden.
