Der Zusammenhang zwischen Bildungserfolg und Migrationshintergrund ist in Deutschland ein seit Langem diskutierter Sachverhalt. Statistiken zeigen immer wieder, dass Kinder und Jugendliche mit familiärer Zuwanderungsgeschichte tendenziell als bildungsbenachteiligt gelten. Diese pauschale Feststellung greift jedoch zu kurz, da der Begriff „Migrationshintergrund“ eine Vielzahl unterschiedlicher Lebensrealitäten und individueller Voraussetzungen umfasst. Die Auswirkungen von Zuwanderung auf den Bildungserfolg sind facettenreich und manifestieren sich in verschiedenen Bildungsbereichen unterschiedlich. Es ist daher entscheidend, diese Dynamiken genauer zu analysieren, um effektive Strategien zur Förderung von Chancengerechtigkeit in der Bildung zu entwickeln.
Ein tiefergehendes Verständnis der Faktoren, die den Bildungserfolg beeinflussen, erfordert eine detaillierte Betrachtung der unterschiedlichen Generationen von Zugewanderten. Nur so lassen sich die spezifischen Herausforderungen und Potenziale erkennen, die mit einem Migrationshintergrund verbunden sind.
Was bedeutet “Migrationshintergrund” im Bildungskontext?
Der Migrationshintergrund kann auf verschiedene Weisen definiert werden, oft basierend auf der Staatsangehörigkeit oder dem Geburtsland der Befragten und ihrer Familienangehörigen. In der Forschung wird typischerweise eine Unterscheidung nach Zuwanderungsgenerationen vorgenommen, um die Komplexität besser abzubilden:
- 1. Generation: Schüler:innen, die selbst im Ausland geboren und nach Deutschland zugewandert sind. Sie stehen oft vor der Herausforderung, sich in ein völlig neues Bildungssystem zu integrieren und gleichzeitig eine neue Sprache zu erlernen.
- 2. Generation: In Deutschland geborene Schüler:innen, deren Elternteile beide aus dem Ausland zugewandert sind. Sie wachsen in der Regel zweisprachig auf und sind mit den deutschen Bildungseinrichtungen vertraut, können aber weiterhin familiäre Prägungen und kulturelle Unterschiede erfahren.
- 2,5. Generation: Schüler:innen, bei denen nur ein Elternteil im Ausland geboren und zugewandert ist. Hier vermischen sich oft Einflüsse aus beiden Kulturen und Bildungstraditionen.
- 3. Generation: Schüler:innen, deren Migrationshintergrund auf die Großeltern zurückgeht, die im Ausland geboren und zugewandert sind. Bei ihnen sind die Verbindungen zum Herkunftsland oft weniger prägend im direkten Alltag.
Diese Differenzierung ist von entscheidender Bedeutung, da die Stärke der Bildungsbenachteiligung stark davon abhängt, welcher Teil der Familie im Ausland geboren wurde und wann die Zuwanderung erfolgte. Individuelle Bildungs- und Lerngeschichten variieren stark innerhalb dieser Gruppen und müssen bei der Betrachtung berücksichtigt werden.
Der Zugang zum Gymnasium: Ein Indikator für Bildungschancen
Ein zentraler Aspekt des Bildungserfolgs in Deutschland ist der Zugang zum Gymnasium, der als wichtiger Wegbereiter für ein Hochschulstudium und höhere berufliche Qualifikationen gilt. Die PISA-Studie 2018 liefert hierzu aufschlussreiche Daten, die deutliche Unterschiede entlang der Zuwanderungsgenerationen aufzeigen:
Von den Neuntklässler:innen der 1. Generation, also jenen, die selbst nach Deutschland zugewandert sind, besuchten lediglich 16,1 Prozent das Gymnasium. Dieser Anteil ist alarmierend niedrig und unterstreicht die massiven Hürden, die neu zugewanderte Schüler:innen überwinden müssen. Bei der 2. Generation, deren Eltern zugewandert sind, verdoppelt sich der Anteil der Gymnasiast:innen auf 30,3 Prozent. Dies deutet darauf hin, dass die Integration in das deutsche Bildungssystem mit jeder Generation Fortschritte macht.
Noch besser schneiden Schüler:innen der 2,5. Generation ab, bei denen nur ein Elternteil im Ausland geboren und zugewandert ist. Hier erreichten 35,7 Prozent das Gymnasium. Obwohl der Abstand zu Schüler:innen ohne Migrationshintergrund (43,0 Prozent am Gymnasium) mit 7,3 Prozentpunkten immer noch besteht, ist er wesentlich geringer als der eklatante Unterschied von 26,9 Prozentpunkten zwischen neu zugewanderten Schüler:innen und ihren Peers ohne Migrationshintergrund. Diese Zahlen verdeutlichen, dass Bildung und Armut sowie der sozioökonomische Status der Familien oft eng mit dem Bildungserfolg verknüpft sind, was sich besonders in den ersten Zuwanderungsgenerationen manifestiert.
Lesekompetenz als Schlüssel zum Bildungserfolg
Neben dem Zugang zu weiterführenden Schulen ist die Lesekompetenz ein fundamentaler Pfeiler für den gesamten schulischen und beruflichen Werdegang. Auch hier weichen die Ergebnisse der PISA-Studie 2018 für Schüler:innen mit unterschiedlichem Migrationshintergrund signifikant voneinander ab:
Jugendliche der 2,5. Generation erreichten durchschnittlich 497 Kompetenzpunkte in der Lesekompetenz. Dieser Wert liegt relativ nah am Durchschnitt ihrer nicht zugewanderten Mitschüler:innen, die 524 Kompetenzpunkte erzielten. Bei Jugendlichen der 2. Generation, deren Elternteile beide zugewandert sind, sinkt dieser Wert jedoch auf 477 Punkte – ein Unterschied von weiteren 20 Kompetenzpunkten.
Die erwartbar niedrigsten Lesekompetenzwerte weisen die neu zugewanderten Schüler:innen der 1. Generation auf. Mit nur 405 Kompetenzpunkten liegen sie ganze 119 Kompetenzpunkte hinter ihren Mitschüler:innen ohne Zuwanderungsgeschichte und immerhin noch 72 Kompetenzpunkte hinter den Schüler:innen der 2. Generation. Diese signifikanten Unterschiede sind maßgeblich auf die sprachlichen Hürden zurückzuführen, die neu zugewanderte Kinder und Jugendliche nach ihrer Ankunft in Deutschland zu bewältigen haben. Eine umfassende Förderung der Sprachkenntnisse ist daher ein entscheidender Ansatzpunkt für eine erfolgreiche Integration in das Bildungssystem.
Weitere Faktoren und der Blick auf mathematische Kompetenzen
Während die Unterschiede in der Lesekompetenz und beim Zugang zum Gymnasium deutlich ausgeprägt sind, fallen die Disparitäten im mathematischen Bereich tendenziell geringer aus. Dies könnte darauf hindeuten, dass mathematische Konzepte universeller sind oder weniger stark an spezifische sprachliche und kulturelle Kontexte gebunden sind als die Lesekompetenz. Trotzdem bleiben auch hier Herausforderungen bestehen, die über die reine Sprachbarriere hinausgehen. Faktoren wie die Bildungsnähe des Elternhauses, der sozioökonomische Status der Familie und die Qualität der frühkindlichen Bildung spielen eine entscheidende Rolle für den gesamten Bildungsweg.
Politische Maßnahmen, wie sie beispielsweise von den Grünen in der Bildungspolitik oder auch von der Bildungspolitik der SPD diskutiert werden, müssen diese komplexen Zusammenhänge berücksichtigen. Es geht darum, allen Kindern und Jugendlichen, unabhängig von ihrem familiären Hintergrund, die gleichen Chancen auf Bildungserfolg zu ermöglichen. Vertiefende Informationen zu ethnischen Bildungsungleichheiten finden sich im Beitrag von Dollmann/Kristen “Ethnische Bildungsungleichheiten”.
Fazit
Der Bildungserfolg von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund in Deutschland ist ein komplexes Thema, das eine differenzierte Betrachtung erfordert. Es ist nicht ausreichend, von “dem” Migrationshintergrund zu sprechen, da die Generation der Zuwanderung und damit verbundene individuelle Erfahrungen einen erheblichen Einfluss auf die Bildungschancen haben. Die Daten der PISA-Studie 2018 belegen deutliche Unterschiede beim Zugang zum Gymnasium und insbesondere bei der Lesekompetenz, wobei die 1. Generation der Zugewanderten die größten Herausforderungen zu meistern hat.
Um Chancengerechtigkeit in der Bildung zu gewährleisten und das volle Potenzial aller Schüler:innen zu entfalten, sind gezielte Fördermaßnahmen und eine Bildungspolitik gefragt, die die spezifischen Bedürfnisse der verschiedenen Zuwanderungsgenerationen berücksichtigt. Dies umfasst die Stärkung sprachlicher Kompetenzen, die Förderung einer bildungsnahen Umgebung und die Bekämpfung sozioökonomischer Ungleichheiten. Nur so kann Deutschland sicherstellen, dass Bildungserfolg nicht länger primär vom familiären Hintergrund abhängt, sondern von Talent und Engagement.
