Seit den wegweisenden internationalen Vergleichsstudien wie PISA in den frühen 2000er-Jahren ist klar: In Deutschland ist der Bildungserfolg von Jugendlichen maßgeblich von ihrer sozialen Herkunft geprägt. Diese tief verwurzelte Ungleichheit ist unter anderem in der besonderen Betonung der Familie im Grundgesetz verankert. Artikel 6 besagt unmissverständlich: „Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern.“ Dies stuft Kindertagesstätten und Schulen in eine sekundäre Rolle als unterstützende Einrichtungen herab.
Die damals ernüchternden PISA-Ergebnisse lösten jedoch ein dringend notwendiges Umdenken aus. Angesichts der Tatsache, dass andere europäische Länder durch flächendeckende Vorschulerziehung und schulische Ganztagsbetreuung eine deutlich höhere Bildungsgerechtigkeit erreichten, schlug auch Deutschland diesen Weg ein. Bedauerlicherweise erfolgte die Umsetzung nicht immer konsequent, was heute zu einem vielfältigen Bild aus zu vielen „offenen“ Ganztagsschulen ohne rhythmisierte Tagesabläufe und zu wenigen „gebundenen“ Modellen mit durchdachten Stundenplänen führt. Immerhin wurde ein erster Schritt getan.
Die jüngste PISA-Studie von 2018 bestätigte erfreulicherweise eine leichte Abschwächung der Bildungsungleichheit. Trotz dieses Fortschritts bleibt die Diskrepanz erschreckend groß, was sich in hohen Quoten junger Menschen aus bildungsfernen Familien ohne Schulabschluss (fast 7 Prozent), ohne abgeschlossene Berufsausbildung (14 Prozent) oder mit sehr geringen Kompetenzen in Lesen, Schreiben und Rechnen (18 Prozent) widerspiegelt. Alarmierend ist auch der Anteil von über zwölf Prozent funktioneller Analphabeten unter Erwachsenen. Die international vergleichende ICILS-Studie zeigte im Hinblick auf die Anforderungen des digitalen Arbeitens jedoch auch einige positive Trends auf, die Hoffnungen wecken.
Die Corona-Krise als Verstärker der Bildungsungleichheit
Drohen die Fortschritte durch die Schulschließungen der Corona-Pandemie nun wieder zunichte gemacht zu werden? Diese Befürchtung äußert sich deutlich im „Deutschen Schulbarometer Spezial“, einer aktuellen Forsa-Befragung von Lehrkräften zur Corona-Krise im Auftrag der Robert Bosch Stiftung in Kooperation mit der ZEIT. Die Mehrheit der Lehrkräfte schätzte die Durchführung eines effizienten Unterrichts während der Pandemie als nahezu unmöglich ein. Demnach brachen die Unterschiede zwischen Schulen sowie in der häuslichen Ausstattung der Schülerinnen und Schüler erneut verstärkt auf. Gerade im Bereich der disruptive technologien wurde deutlich, welche Lücken in der Ausstattung bestanden.
Ungünstige Voraussetzungen multiplizierten sich in dieser Zeit und verstärkten die bereits bestehende Bildungsungleichheit dramatisch. Das Thema rückte plötzlich wieder in den Mittelpunkt der öffentlichen Debatte. Die befragten Lehrkräfte gaben an, dass über ein Viertel der Schülerinnen und Schüler eine für den Fernunterricht unzureichende technische Ausstattung besaß. Fast ebenso viele beklagten eine mangelnde Kommunikation mit Eltern und Schülern, das Fehlen persönlichen Kontakts und unzureichende Möglichkeiten der Hilfestellung. Diese Nachteile summierten sich besonders an Grundschulen sowie an Haupt-, Real- und Gesamtschulen. Gymnasien, die überwiegend von Schülern aus bildungsnahen Familien besucht werden, schnitten hingegen deutlich besser ab.
Digitale Kluft und Lernrückstände: Die Folgen der Schulschließungen
80 Prozent der befragten Lehrerinnen und Lehrer gingen davon aus, dass die Schulschließungen zu erheblichen Lernrückständen führen und die sozialen Ungleichheiten weiter verschärfen würden. Es entstand ein Teufelskreis: Wer nicht über die notwendigen digitalen Geräte verfügte, konnte am digitalisierten Unterricht gar nicht oder nur eingeschränkt teilnehmen. Wer sich nicht selbst strukturieren konnte und keine Eltern hatte, die beim häuslichen Lernen motivierten und fachlich unterstützten, lernte zwangsläufig weniger als unter normalen Umständen. Der Anteil digitaler Analphabeten war unter Haupt-, Real- oder Sekundarschülern deutlich höher als unter Gymnasiasten. Angesichts dieser Umstände überrascht es nicht, dass zwei Drittel der Lehrkräfte befürchteten, die entstandenen Lernrückstände bis zum Schuljahresende nicht mehr aufholen zu können. Die Notwendigkeit, sich mit smarte technologien vertraut zu machen, war für viele eine plötzliche und oft unüberwindbare Hürde.
Aktuelle Studien, wie die „Mannheimer Corona-Studie“, bestätigen diese gravierenden Sorgen. Es zeigte sich, dass mehr als die Hälfte der befragten Berufstätigen am Arbeitsplatz und nur ein Viertel im Homeoffice tätig war. Zudem war das Arbeiten von zu Hause aus ein Privileg gut gebildeter Berufstätiger, insbesondere von Akademikern. Diese waren es auch, die sich intensiv und meist erfolgreich bemühten, Homeoffice und Homeschooling miteinander zu verbinden. Die Mehrheit der Eltern jedoch konnte diese Doppelbelastung nur sehr eingeschränkt bewältigen. Oft konnten sie sich erst nach Feierabend um ihre Kinder kümmern und ihnen beim Lernen helfen – sofern sie dann noch die nötigen Nerven und das fachliche Wissen für den Lernstoff besaßen.
Das Resultat war eine wachsende Kluft: Während motivierte und in der Schule meist leistungsstärkere Schüler zumindest zeitweise am Schreibtisch saßen und sich mit Aufgaben und Lernanleitungen beschäftigten, war dies bei ihren weniger motivierten, oft leistungsschwächeren Altersgenossen selten der Fall. Akademikerkinder entfernten sich auf diese Weise immer weiter von ihren Mitschülern, da deren Eltern fachlich weniger helfen konnten und den Großteil des Tages nicht zu Hause waren. Lehrer, die tagsüber versuchten, Eltern zu erreichen, sprachen oft nur jene an, die im Homeoffice, in Kurzarbeit oder arbeitslos waren. Die Mehrheit der Erwerbstätigen, die an ihrem normalen Arbeitsplatz waren, konnten sie nicht erreichen – erst am späten Nachmittag oder frühen Abend, wenn überhaupt noch ein Kontaktversuch stattfand. Das unterstreicht die Notwendigkeit, wie Unternehmen wie infineon unternehmen mit Bildungsinitiativen zur Fachkräftesicherung beitragen können.
Wege aus der Misere: Priorisierung und gezielte Förderung
Wie lässt sich diese Misere überwinden? Wenn über die schrittweise Wiederöffnung von Kitas und Schulen diskutiert wird, muss der Fokus unbedingt auf der Verringerung der sozialen Schieflagen und Bildungsbenachteiligungen liegen. Daher sollten im Prinzip die Grundschulen in sozial benachteiligten Quartieren als Erste öffnen, gefolgt von Mittel-, Real- und Gesamtschulen im Sekundarschulbereich, noch vor den Gymnasien. Werden zur Reduzierung der Klassengrößen Schichtsysteme oder Unterricht für einen Teil der Schüler in Betracht gezogen, sollten auch hier die benachteiligten oder leistungsschwächeren Kinder und Jugendlichen Vorrang haben. Dies berücksichtigt die dringenden Bedürfnisse der am stärksten Betroffenen.
Um der Bildungsungleichheit entgegenzuwirken, ist eine positive Diskriminierung, also eine gezielte Bevorzugung von benachteiligten Gruppen, unvermeidlich. Die Empfehlungen des Leopoldina-Expertenkreises weisen in ihren Ansätzen ebenfalls in diese Richtung. Die Umsetzung ist jedoch komplex: Bereits die Festlegung, wer zu den vorrangigen Zielgruppen gehört, stellt eine Art positive Diskriminierung dar, die naturgemäß zu Friktionen führen kann und daher eigentlich vermieden werden sollte. In der aktuellen Situation scheint dies jedoch kaum vermeidbar zu sein.
Statt nach Schulformen könnte man sich auch an Kriterien des Kinderschutzes orientieren, wie beengten Wohnverhältnissen (viele Personen in der Wohnung) oder der elterlichen Erwerbssituation (Beschäftigung am normalen Arbeitsplatz). Eine enge Zusammenarbeit zwischen Schulamt, Sozialarbeit, Jugendamt, schulpsychologischem Dienst, Kinder- und Jugend(freizeit)- oder Familienzentren und Kinderärzten wäre hierbei sinnvoll. Es muss dringend eine Diskussion darüber geführt werden, wie verhindert werden kann, dass der im Grunde sinnvolle Datenschutz Maßnahmen zum Wohl der Zielgruppe der benachteiligten Kinder immer wieder blockiert. Wir dürfen nicht zulassen, dass die Integration von neue technologien 2023 an Datenschutzbedenken scheitert.
Langfristige Weichenstellungen für mehr Bildungsgerechtigkeit
Zweifellos ist die praktische Umsetzung dieser Prinzipien sehr schwierig und hängt von zahlreichen personellen und räumlichen Bedingungen ab. Doch diese Überlegungen müssen bereits jetzt in die Planungen für die langfristig anstehende Wiedereröffnung von Kitas und Schulen einfließen und den Ausgangspunkt für weiterführende Fördermaßnahmen bilden. Wenn die Corona-Krise nicht dauerhaft zu einer erneuten bedrohlichen Schieflage der Bildungschancen führen soll, sind jetzt eindeutige Weichenstellungen notwendig.
Dazu gehören:
- Die technische Ausstattung der Schulen und der Schülerinnen und Schüler mit geeigneten digitalen Endgeräten.
- Der Aufbau zentraler Online-Lehrangebote, die allen zugänglich sind.
- Ein gezieltes Übungs- und Lernprogramm in den Sommerferien, um Lernrückstände aufzuholen.
- Leicht zugängliche, spannend und abwechslungsreich gestaltete Nachhilfeangebote.
- Eine systematische Elternarbeit, also die aktive Einbeziehung der Mütter und Väter in den Lernprozess ihrer Kinder. Denn gerade bei sozial benachteiligten Kindern hapert es besonders an der funktionierenden Kommunikation zwischen Lehrkräften und Eltern. Begleitet werden sollten diese Elternkontakte durch gut verständliche Informationen über die von ihnen häufig genutzten Medien und die persönliche Ansprache über geeignete Kanäle sozialer Netze. Hier sollten vor allem die häufig greifenden Berührungsängste überwunden werden. Viele dieser Aspekte diskutieren wir seit Langem; es ist angesichts der vor uns liegenden Herausforderungen in den frühen 2020er-Jahren höchste Zeit, endlich zu handeln, anstatt sich hinter Ausreden zu verstecken und die nouvelles de la technologie nicht für den Bildungssektor zu nutzen.
Die Stärkung der Bildungsgerechtigkeit ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die jetzt mutige Entscheidungen und eine konsequente Umsetzung erfordert, um allen Kindern in Deutschland faire Chancen auf Bildung und Teilhabe zu ermöglichen.
