Bockshornklee und Stillen: Was die Wissenschaft wirklich sagt

Wenn ein Baby hungrig ist, häufig weint oder nicht gut zunimmt, taucht schnell der gut gemeinte Rat auf: „Deine Milch reicht nicht – nimm doch ein bisschen Bockshornkleesamen, um die Menge zu erhöhen.“ Doch ist an dieser traditionellen Empfehlung wirklich etwas dran? Als Experten für Stillfragen und evidenzbasierte Informationen wollen wir diesem weit verbreiteten Glauben auf den Grund gehen und beleuchten, was die aktuelle Wissenschaft über die Wirkung von Bockshornklee beim Stillen aussagt.

Bockshornklee beim Stillen: Traditionelle Anwendung und vermutete Wirkung

Der griechische Bockshornklee (Trigonella foenum-graecum) wird seit langem in vielen Kulturen als Heilkraut eingesetzt, insbesondere zur Steigerung der Milchbildung bei stillenden Müttern. Ihm wird eine milchbildungsfördernde, sogenannte galaktogoge Wirkung zugeschrieben. Viele Frauen greifen daher auf Bockshornklee-Tee oder in jüngerer Zeit auf Bockshornklee-Kapseln zurück, um Stillproblemen wie einer vermeintlich zu geringen Milchmenge entgegenzuwirken. Die Empfehlung lautet oft, dreimal täglich drei Kapseln mit einer hohen Konzentration an Bockshornkleesamen-Pulver einzunehmen, wobei eine Wirkung nach drei bis vier Tagen eintreten soll.

Die theoretische Annahme hinter dieser Anwendung ist, dass die Inhaltsstoffe der Bockshornklee-Samen den Prolaktinspiegel im Blut der stillenden Mutter anheben könnten. Prolaktin ist ein entscheidendes Hormon, das nach der Geburt auf natürliche Weise vom Körper ausgeschüttet wird. Es spielt eine zentrale Rolle bei der Anregung und Aufrechterhaltung der Milchproduktion. Medikamente oder pflanzliche Mittel, die die Milchbildung steigern, werden in der Fachsprache als Galaktogoga bezeichnet. Während die traditionelle Anwendung und die theoretische Wirkungsweise auf den ersten Blick plausibel erscheinen, stellt sich die entscheidende Frage: Kann eine messbare Erhöhung der Muttermilchmenge tatsächlich wissenschaftlich belegt werden? Um diese Frage zu beantworten, haben wir uns an eine anerkannte Instanz gewandt.

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Die wissenschaftliche Einschätzung von Embryotox zu Bockshornklee

Um eine fundierte und evidenzbasierte Antwort auf die Wirksamkeit von Bockshornklee beim Stillen zu erhalten, haben wir die Experten des Pharmakovigilanz- und Beratungszentrums für Embryonaltoxikologie der Charité – Universitätsmedizin Berlin, besser bekannt als Embryotox, kontaktiert. Embryotox ist eine führende Institution in Deutschland, die sich auf die Bewertung der Sicherheit von Arzneimitteln und pflanzlichen Mitteln in Schwangerschaft und Stillzeit spezialisiert hat. Ihre Empfehlungen basieren auf der aktuellsten wissenschaftlichen Datenlage.

Die Antwort von Embryotox auf unsere Anfrage vom 02.02.2022 war eindeutig: „Laut einem aktuellen Kommentar, in dem eine Metastudie von 2018 neu ausgewertet wurde, gibt es hier jedoch keine Wirkung, die über den Placeboeffekt hinausgeht! Auch Embryotox empfiehlt die Gabe von Bockshornklee zur Erhöhung der Muttermilchmenge nicht – wegen mangelnder Wirkung und möglichen Nebenwirkungen!“

Diese Aussage ist von großer Bedeutung für stillende Mütter. Sie bedeutet, dass die Annahme einer milchsteigernden Wirkung von Bockshornklee wissenschaftlich nicht haltbar ist. Konkret bezieht sich Embryotox auf eine Neubewertung einer ursprünglich positiven Metastudie von Khan et al. aus dem Jahr 2018. Diese ursprüngliche Studie hatte zunächst den Eindruck erweckt, dass Bockshornkleesamen tatsächlich einen positiven Effekt auf die Milchproduktion haben könnten.

Die Neuinterpretation dieser Daten durch Grzeskowiak LE deckte jedoch statistische Mängel auf, die die ursprünglichen Schlussfolgerungen infrage stellten. Nach dieser gründlichen Neuberechnung zeigte sich, dass Bockshornkleesamen keinen Effekt auf die Milchmenge haben, der über einen reinen Placebo-Effekt hinausgeht. Das bedeutet, wenn überhaupt eine Wirkung beobachtet wurde, könnte diese eher auf die Erwartungshaltung der Mutter als auf eine direkte physiologische Reaktion auf den Bockshornklee zurückzuführen sein. Embryotox schließt sich dieser kritischen Einschätzung an und spricht sich daher gegen die Einnahme von Bockshornklee zur Steigerung der Milchmenge aus. Dies geschieht nicht nur aufgrund der mangelnden Wirksamkeit, sondern auch explizit wegen möglicher Nebenwirkungen, die bei der Einnahme auftreten können.

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Fazit und Empfehlungen für stillende Mütter

Die wissenschaftliche Evidenz, insbesondere die klare Stellungnahme von Embryotox, widerlegt die verbreitete Annahme, dass Bockshornklee eine effektive Methode zur Steigerung der Muttermilchmenge darstellt. Trotz der traditionellen Anwendung zeigt sich, dass seine Wirkung nicht über einen Placebo-Effekt hinausgeht und zudem potenzielle Nebenwirkungen nicht ausgeschlossen werden können.

Für stillende Mütter, die sich Sorgen um ihre Milchproduktion machen, ist es entscheidend, sich auf bewährte Methoden und professionelle Beratung zu verlassen. Anstatt auf ungesicherte pflanzliche Mittel zurückzugreifen, sollten bei Fragen oder Problemen bezüglich der Milchmenge immer qualifizierte Fachkräfte konsultiert werden. Stillberatungen durch ausgebildete Hebammen oder Stillberaterinnen (IBCLC) sowie ärztlicher Rat bieten die beste Unterstützung, um die Ursachen für eine vermeintlich geringe Milchmenge zu identifizieren und individuelle, evidenzbasierte Lösungen zu finden. Ihr Wohl und das Ihres Babys stehen dabei immer an erster Stelle. Suchen Sie bei Unsicherheiten stets professionellen Rat.

Referenzen

Khan T.M., et al. (2018). Fenugreek (Trigonella foenum-graecum) as a galactagogue: A meta-analysis. Journal of Pharmacy and Pharmaceutical Sciences, 21, 107-116.
Grzeskowiak L.E. (2020). Reanalysis of Fenugreek as a Galactagogue: A Critical Appraisal. Phytotherapy Research, 34(3), 692-693.