Im März 2020 löste eine Warnung der französischen Behörden vor der Anwendung von Ibuprofen bei Symptomen der Coronavirus-Krankheit 2019 (COVID-19) eine breite Diskussion aus. Diese Empfehlung basierte auf unbestätigten Berichten und theoretischen Überlegungen, insbesondere zur möglichen Hochregulierung des Angiotensin-Converting-Enzyms (ACE)-2-Rezeptors, der als Eintrittstor für das SARS-CoV-2-Virus in menschliche Zellen dient. Die Sorge war, dass Ibuprofen die Expression dieses Rezeptors erhöhen und somit das Infektionsrisiko oder den Schweregrad von COVID-19 steigern könnte. Diese Nachricht verbreitete sich schnell und führte in Frankreich zu einem Rückgang der Ibuprofen-Anwendung um 80 %. Auch internationale Gesundheitsorganisationen und Regulierungsbehörden rieten zunächst zur Vorsicht, revidierten ihre Empfehlungen jedoch später, da keine eindeutigen wissenschaftlichen Beweise für ein erhöhtes Risiko vorlagen.
Theoretische Grundlagen der Bedenken
Die Bedenken der französischen Behörden stützten sich im Wesentlichen auf drei Annahmen:
- Hochregulierung von ACE-2: Es wurde postuliert, dass Ibuprofen die Expression des ACE-2-Rezeptors erhöhen könnte. Dies stützte sich auf eine einzelne Tierstudie an diabetischen Ratten, bei der Ibuprofen eine kardiale Fibrose reduzierte. Es gab jedoch keine entsprechenden Humanstudien, die diese Annahme bestätigten. Die Relevanz einer solchen Hochregulierung für den Krankheitsverlauf von COVID-19 ist bis heute umstritten. Einige Studien deuteten sogar darauf hin, dass eine solche Hochregulierung die Schwere der COVID-19-Infektion begrenzen könnte.
- Analogie zu bakteriellen Infektionen: Eine Parallele wurde zu bakteriellen Weichteilinfektionen gezogen, bei denen die Einnahme von nichtsteroidalen Antirheumatika (NSAR) mit schwereren Verläufen assoziiert wurde. Dies wurde auf immunsuppressive Wirkungen der NSAR oder eine verzögerte Behandlung aufgrund der anfänglichen Symptomunterdrückung zurückgeführt. Diese Analogie ist jedoch für virale Infektionen wie COVID-19 fragwürdig.
- Unterdrückung natürlicher Abwehrreaktionen: Fieber wird als natürliche Reaktion des Körpers auf eine Virusinfektion angesehen, die die Virusaktivität reduzieren kann. Die fiebersenkende Wirkung von Ibuprofen könnte somit theoretisch die körpereigenen Abwehrmechanismen beeinträchtigen. Diese Argumentation würde jedoch gleichermaßen für alle fiebersenkenden Mittel, einschließlich Paracetamol, gelten.
Kritische Bewertung der Evidenz
Die wissenschaftliche Evidenz, die die französischen Bedenken stützte, war spärlich und oft nicht direkt auf COVID-19 übertragbar. Mehrere entscheidende Punkte verdienen Beachtung:
- Fehlende eindeutige Beweise: Zum Zeitpunkt der französischen Warnung und auch danach gab es keine soliden wissenschaftlichen Daten, die ein erhöhtes Risiko für SARS-CoV-2-Infektionen oder einen schwereren COVID-19-Verlauf durch die Einnahme von Ibuprofen belegten.
- Widersprüchliche Forschungsergebnisse: Während einige theoretische Überlegungen eine Rolle spielten, zeigten andere Studien, dass die frühere Einnahme von Medikamenten wie ACE-Hemmern oder Angiotensin-Rezeptor-Blockern (ARBs) keinen Einfluss auf die Häufigkeit von COVID-19 hatte und die Absetzung dieser Medikamente nicht empfohlen wurde.
- Chronischer vs. akuter Gebrauch: Die von einigen Studien untersuchte Hochregulierung von ACE-2 bezog sich auf den chronischen Gebrauch von NSAR. Die Warnung der französischen Behörden betraf jedoch primär die akute Anwendung zur Symptomlinderung bei bestehender COVID-19-Infektion. Die zeitlichen Zusammenhänge und Auswirkungen einer möglichen Hochregulierung in der akuten Phase sind unklar.
- Potenzielle Vorteile von Entzündungshemmern: Angesichts der Möglichkeit einer überschießenden Immunreaktion (“Zytokinsturm”) bei schwerem COVID-19 wurde sogar diskutiert, ob eine entzündungshemmende Wirkung von NSAR, ähnlich wie bei Kortikosteroiden, potenziell vorteilhaft sein könnte.
- Risiken von Paracetamol: Die gleichzeitige Discouragierung von Ibuprofen und die implizite Förderung von Paracetamol könnten zu einer Überdosierung von Paracetamol führen, was das Risiko einer Leberschädigung erhöht, insbesondere in Kombination mit möglichen leberfunktionsverändernden Effekten von COVID-19 selbst.
- Schutzwirkung bei chronischer Anwendung?: Eine Studie in Massachusetts untersuchte die Voreinnahme verschiedener Medikamente bei Patienten mit COVID-19. Die Exposition gegenüber Ibuprofen, Naproxen, Oseltamivir oder Atenolol war mit einem geringeren Risiko für eine Krankenhauseinweisung verbunden, und Ibuprofen zeigte sogar ein geringeres Risiko für die Notwendigkeit einer künstlichen Beatmung.
Schlussfolgerung und Ausblick
Die anfängliche Warnung Frankreichs vor Ibuprofen im Zusammenhang mit COVID-19 war voreilig und basierte auf unzureichender wissenschaftlicher Grundlage. Während die Forschung zu den Wechselwirkungen zwischen Medikamenten und COVID-19 weiterging, bestätigte sich die Befürchtung eines signifikant erhöhten Risikos durch die akute Anwendung von Ibuprofen nicht. Im Gegenteil, es gab Hinweise auf mögliche Vorteile oder zumindest keine negativen Auswirkungen.
Diese Situation unterstreicht die Bedeutung einer sorgfältigen wissenschaftlichen Bewertung, bevor öffentliche Gesundheitsempfehlungen ausgesprochen werden, die auf anekdotischen Berichten oder unbestätigten Theorien beruhen. Für Patienten ist es wichtig, sich auf verlässliche Informationen von Gesundheitsbehörden und Ärzten zu verlassen und bei Unsicherheiten Rücksprache zu halten. Eine fundierte Auseinandersetzung mit den verfügbaren Daten ist entscheidend, um die bestmögliche Behandlung und Linderung von Symptomen zu gewährleisten.
