Covestro: Zukunft der Produktion in Europa unter neuer Führung

Die Übernahme von Covestro durch Adnoc und XRG markiert einen bedeutenden Meilenstein für das Leverkusener Chemieunternehmen. Doch was bedeutet diese neue Eigentümerstruktur für die Zukunft von Covestro, insbesondere hinsichtlich der Produktion in Europa, der Nachhaltigkeitsstrategie und der finanziellen Unabhängigkeit? Im Gespräch mit Christian Baier, dem Finanzvorstand von Covestro, wurden diese und weitere zentrale Fragen beleuchtet, die Aufschluss über die strategische Ausrichtung unter der neuen Führung geben.

I. Die Neuordnung: Übernahme und Unternehmensführung

Mit dem Abschluss der Übernahme treten bei Covestro wesentliche Änderungen in der Unternehmensführung in Kraft, die im Investitionsvertrag detailliert festgelegt wurden. Eine der prägnantesten Anpassungen betrifft die Zusammensetzung des Aufsichtsrates: Künftig werden vier der sechs Aktionärsvertreter von Adnoc und XRG gestellt. Trotz dieser personellen Neuausrichtung betont Baier, dass Covestro auf „Arm’s Length Basis“ operieren wird, solange externe Aktionäre involviert sind. Die angestrebte Dekotierung wird voraussichtlich die Rolle des Streubesitzes minimieren, ist jedoch noch nicht abgeschlossen.

Hinsichtlich der Umstrukturierungen in der Führungsebene von XRG können derzeit keine direkten Auswirkungen auf die Zusammenarbeit mit Covestro identifiziert werden. Die Kommunikation mit den Partnern sei breit aufgestellt und funktioniere reibungslos, so Baier.

II. Effizienz, Wachstum und Nachhaltigkeit

Covestro verfolgt seit jeher das Ziel, die operative Effizienz kontinuierlich zu steigern – ein essenzieller Faktor in der unter Druck stehenden Chemieindustrie. Auch der neue Partner sieht dies ähnlich, legt jedoch einen dualen Fokus auf Effizienzsteigerung und die Erschließung zukünftiger Wertschöpfungspotenziale, die eng mit Wachstum verbunden sind. Das Unternehmen treibt sein Kostenprogramm konsequent voran, um diesen Zielen gerecht zu werden.

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EU-Zulassung und Patente für Nachhaltigkeit

Die Europäische Union hatte ihre Zustimmung zur Übernahme an bestimmte Bedingungen geknüpft, insbesondere im Bereich der Nachhaltigkeitstechnologien. Covestro genießt hier eine starke Innovationsposition. Um den internen EU-Wettbewerb zu schützen, musste Covestro bestimmten Marktteilnehmern Zugang zu seinen Nachhaltigkeitspatenten unter transparenten und vorab vereinbarten Konditionen gewähren. Diese Regelung ist auf zehn Jahre begrenzt und wird von Covestro und XRG als akzeptabel bewertet. Der lange Genehmigungsprozess unter der Foreign Subsidies Regulation war zwar überraschend, ist aber der Neuheit der Verordnung geschuldet, die erst Mitte 2023 in Kraft trat.

III. Der Standort Europa: Eine langfristige Perspektive

Angesichts der aktuellen Standortnachteile für energieintensive Industrien in Europa, insbesondere in Deutschland, stellt sich die Frage nach Covestros Produktionszukunft nach 2028. Christian Baier äußert sich hierzu sehr zuversichtlich: „Wir sind sehr zuversichtlich, auch über 2028 hinaus in Europa in sehr relevanter Weise zu produzieren.“ Die Unternehmensstrategie „Produzieren in den Regionen für die Regionen“ untermauert diese Position und betont die Wettbewerbsfähigkeit in Europa.

Obwohl der Investitionsvertrag Werksschließungen lediglich bis 2028 ausschließt, ist dies aus Sicht einer öffentlichen Übernahme ein angemessener Zeitraum, um die Zusammenarbeit nach dem Closing zu gestalten. Ein automatisches Auslaufen der Vereinbarungen oder eine Umkehr nach 2028 sei nicht zu erwarten, vielmehr diene die Frist als Grundlage für die künftige Kooperation.

IV. Finanzielle Stabilität und strategische Investitionen

Mit dem Closing der Übernahme erhält Covestro eine Kapitalspritze von 1,17 Milliarden Euro. Dieses frische Kapital spielt eine entscheidende Rolle bei der Finanzierung der „Sustainable Future“-Strategie und der Sicherstellung einer weiterhin soliden finanziellen Basis. Obwohl das Geld nicht für spezifische Einzelinvestitionen zweckgebunden ist, unterstützt es die jährlichen Investitionen von rund 800 Millionen Euro. Baier betont, dass Covestro trotz Gegenwindes gut positioniert sei, um weiterhin wichtige Investitionen tätigen zu können.

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Die Zukunft der MDI-Anlage

Das Projekt einer neuen MDI-Anlage, das seit Jahren diskutiert und mehrfach verschoben wurde, bleibt grundsätzlich relevant für Covestro. Das Unternehmen möchte in diesem Marktsegment mit führender Technologie eine wichtige Rolle spielen. Aktuell gibt es jedoch keine Neuigkeiten bezüglich Bau oder möglicher Standorte. Sobald das Thema wieder auf der Agenda steht, werden verschiedene Standorte unvoreingenommen geprüft, wobei Produktionsbedingungen und Nachfrage die entscheidenden Kriterien sein werden.

V. Unabhängigkeit und Wettbewerbsfähigkeit

Trotz eines finanzstarken neuen Eigentümers betont der CFO die Notwendigkeit einer eigenen Bonitätsbewertung. Adnoc ist nicht verpflichtet, Covestro über die Kapitalerhöhung hinaus finanziell zu unterstützen. Für Covestro ist es daher von großer Bedeutung, jederzeit unabhängig vom neuen Eigentümer am Kapitalmarkt agieren zu können. Baier verweist auf jüngste Krisen, in denen Unternehmen ohne Bonitätsrating Schwierigkeiten hatten, am Kapitalmarkt Mittel aufzunehmen.

VI. Antwort auf Kritik: Kein “Ausverkauf”

Kritikern, die von einem „Ausverkauf der deutschen Industrie“ sprechen, begegnet Christian Baier gelassen. Er sieht es als sehr gutes Zeichen, dass Covestro für Investoren attraktiv ist und äußert sich zufrieden mit dem neuen Partner. Zudem weist er darauf hin, dass Covestro auch in der Vergangenheit nicht ausschließlich in europäischem Besitz war, was das Argument des „Ausverkaufs“ entkräftet.

Zusammenfassend blickt Covestro unter der neuen Führung optimistisch in die Zukunft. Das Unternehmen wird seinen Fokus auf operative Effizienz, nachhaltige Innovationen und eine starke Präsenz in seinen Schlüsselregionen beibehalten. Mit der gesicherten finanziellen Basis und dem strategischen Rückhalt des neuen Partners sieht sich Covestro gut aufgestellt, um seine Wachstumsziele zu verfolgen und seine Rolle als wichtiger Akteur in der globalen Chemieindustrie, insbesondere in Europa, weiter auszubauen.

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