In einem aufschlussreichen Interview mit Christoph Gisiger von der Schweizer Wirtschaftszeitung Finanz und Wirtschaft beleuchtet Jim Bianco, ein renommierter Finanzexperte, die zunehmenden Gefahren und systemischen Risiken, die sich im globalen Finanzsystem abzeichnen. Insbesondere negative Zinsen, die fragwürdige Stabilität europäischer Großbanken und die potenzielle Rolle des Energiesektors als Auslöser für eine neue Krise stehen im Mittelpunkt seiner Analyse. Biancos Perspektive bietet einen tiefen Einblick in die komplexen Herausforderungen, denen sich Märkte und Institutionen gegenübersehen, und unterstreicht die hohe Wahrscheinlichkeit eines “Unfalls” in einem System, dessen Komplexität zunehmend die menschliche Vorstellungskraft übersteigt.
Auswirkungen negativer Zinsen
Die Ära der negativen Zinsen hat weitreichende und oft irrationale Konsequenzen für die Finanzwelt. In einem Umfeld, in dem Währungen effektiv eine Rendite von null bieten, ist dies laut Bianco bereits eine relativ hohe Verzinsung. Eine vom ehemaligen Fed-Chef Ben Bernanke zitierte Studie der US-Notenbank untersuchte das gesamte Tresorvolumen der großen US-Banken und berechnete einen Break-Even-Punkt: Fiele der Fed Funds Rate unter -35 Basispunkte, wäre es für Banken rentabler, ihre Tresore mit 100-Dollar-Scheinen zu füllen, die null Zinsen abwerfen, anstatt eine Rate von -35 Basispunkten in Kauf zu nehmen. Für europäische Banken, die zudem 500-Euro-Noten besitzen, welche das Sechsfache des Geldwerts eines 100-Dollar-Scheins bei ähnlicher Größe aufweisen, läge dieser Break-Even-Punkt Bernanke zufolge sogar näher bei -15 oder -20 Basispunkten. Doch Jim Bianco stellt fest, dass europäische Banken keinerlei Anstalten machen, 500-Euro-Noten in ihren Tresoren zu stapeln. Dieses Verhalten deutet auf eine Irrationalität hin, die im Finanzsektor vorherrscht, und die Branche tappt weiterhin im Dunkeln, was die langfristigen Auswirkungen dieser Politik angeht. Dies erhöht das Risiko eines unerwarteten Finanzereignisses erheblich.
Europäische Banken unter Druck
Die besorgniserregende Performance europäischer Bankaktien verdeutlicht, dass Anleger im Finanzsektor ernsthafte Bedenken hinsichtlich der Auswirkungen negativer Zinsen haben. Die Aktie der Deutschen Bank notiert unter ihrem Tiefststand von 2009 – einem Zeitpunkt, an dem das Ende der Welt für viele greifbar schien. Was bedeutet es, dass der Kurs heute noch niedriger ist? Bedeutet dies das Ende der weltweit größten europäischen Bank nach Vermögenswerten? Auch die Credit Suisse ist nicht weit davon entfernt. Die Deutsche Bank ist zudem durch eine Vielzahl weiterer Probleme belastet, darunter Defizite bei der Regulierung und den Eigenkapitalanforderungen, die Konzentration auf das falsche Geschäftsfeld und erhebliche Risiken. Sie ist der größte Halter von auf Euro lautenden Derivaten. Jim Bianco fragt sich, was geschieht, wenn es zu einem Brexit oder gar einem Grexit kommt – die Probleme Griechenlands seien nie wirklich verschwunden, wir hätten lediglich beschlossen, nicht mehr darüber zu sprechen.
Abstrakte Darstellung von Verbindungsproblemen, die Finanzrisiken symbolisieren
Das “Too-Big-To-Fail”-Problem in den USA
Auch die großen Banken in den Vereinigten Staaten zeigen eine enttäuschende Performance. Nach der Finanzkrise besitzen die fünf größten Finanzinstitute der USA eine höhere Konzentration an Finanzvermögen als je zuvor. Diese Konzentration ist nicht nur höher als vor der Finanzkrise, sondern die höchste, die jemals verzeichnet wurde. Damit hat sich das “Too-Big-To-Fail”-Problem noch verschärft, da wir heute größere, systemisch relevantere Finanzinstitute haben als 2007. Jim Bianco kritisiert, dass niemand eine Lösung für dieses Dilemma zu haben scheint, was die systemischen Risiken weiter verstärkt.
Die Illusion der Sicherheit und die Energiebranche als Trigger
Trotz gegenteiliger Behauptungen der Regulierungsbehörden, das Finanzsystem sei seit der Finanzkrise viel sicherer geworden, besteht weiterhin eine tiefe Besorgnis. Jim Bianco beschreibt die Ironie in Finanzkreisen: Wenn jemand über große Finanzinstitute spricht, gibt es oft nur zwei Antworten: “Ich verstehe es nicht, weil es zu kompliziert ist” oder “Sie lügen.” Darin liege das eigentliche Problem. Die Komplexität der Bilanzen von Institutionen wie JP Morgan ist laut Bianco jenseits des menschlichen Begriffsvermögens; selbst Jamie Dimon verstehe sie womöglich nicht vollständig. Angesichts konzentrierter und komplexerer Banken ist Bianco besorgt über das Finanzsystem. Eine zusätzliche, drängende Sorge ist der Energiesektor.
Die Energiebranche könnte der Auslöser für den nächsten “Unfall” sein, da niedrige Ölpreise die Wahrscheinlichkeit eines Kreditereignisses erhöhen. Die Situation ähnelt der Immobilienkrise von 2007, als man sagte: “Immobilienpreise fallen nie, und wenn doch, ist es eine Kaufgelegenheit.” Heute sind Rohölpreise für die Finanzmärkte von entscheidender Bedeutung. Ein Einbruch der Rohölpreise wäre verheerend, da er zu Insolvenzen, Abschreibungen und dem Rückzug von Investoren führen würde, was wiederum die Verluste anhäuft. Dann würde man sich erneut den Finanzinstituten zuwenden und fragen: Wie viele dieser Energiekredite halten sie tatsächlich? Banken würden beteuern, nicht exponiert zu sein und keine Probleme zu haben – genau wie 2007, als sie jegliche Subprime-Exposition bestritten. Dies stellte sich jedoch als falsch heraus. Es besteht die Möglichkeit, dass eine ähnliche umfassende Aufstellung aller Bankenabschreibungen wie während der Finanzkrise erneut notwendig wird.
Wie schlimm könnte es werden?
Jim Bianco prognostiziert, dass die bevorstehenden Probleme nicht das Ausmaß der Immobilienkrise erreichen oder eine weitere große Rezession hervorrufen werden. Dennoch werden sie schmerzhaft sein und echte Herausforderungen mit sich bringen. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich schätzt das weltweite Volumen der Energiekredite auf rund 3 Billionen US-Dollar. Ein Markt dieses Umfangs, dessen primäre Preisgestaltung – der weltweite Ölpreis – zusammengebrochen ist, birgt immense Gefahren. Der Ölpreis muss nicht einmal viel weiter fallen; ein Rückgang auf etwa 35 US-Dollar würde ausreichen, um die Investitionen und Kredite in der Ölbranche in den Fokus zu rücken. Sollten Anleger das wahre Ausmaß dieser Verflechtungen erkennen, könnte die Situation sehr ernst werden.
Fazit: Eine anhaltende Wachsamkeit ist geboten
Jim Biancos detaillierte Analyse legt die Bruchstellen des heutigen Finanzsystems offen. Von den irrationalen Reaktionen auf negative Zinsen über die anhaltenden Schwachstellen europäischer Großbanken bis hin zur systemischen Gefahr des “Too-Big-To-Fail”-Problems in den USA – die Risiken sind vielfältig und miteinander verknüpft. Die Energiebranche wird als potenzieller Katalysator für ein Kreditereignis identifiziert, das zwar keine globale Rezession auslösen, aber dennoch erhebliche wirtschaftliche Schäden verursachen könnte. Für Anleger und Entscheidungsträger ist es entscheidend, diese komplexen Zusammenhänge zu verstehen und eine hohe Wachsamkeit an den Tag zu legen. Das Vertrauen in die Stabilität des Systems erfordert eine kritische Auseinandersetzung mit dessen tiefer liegenden Problemen und eine fundierte Informationsbasis, um fundierte Entscheidungen treffen zu können.
