Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen (CED) wie Colitis ulcerosa und Morbus Crohn stellen für über 400.000 Menschen in Deutschland eine ständige Herausforderung dar. Lange Zeit als Erkrankungen des Jugendalters abgetan, verändert sich diese Wahrnehmung zunehmend: Experten prognostizieren, dass in wenigen Jahren jeder dritte CED-Patient über 60 Jahre alt sein wird. Dies liegt daran, dass viele Betroffene mit ihrer Krankheit altern oder die Diagnose erst spät im Leben erhalten. Der folgende Artikel beleuchtet die Besonderheiten von CED im höheren Lebensalter, die Herausforderungen bei der Diagnose und Behandlung sowie die Bedeutung eines aktiven Lebensstils für die Betroffenen.
CED im Alter: Eine wachsende Herausforderung
Die demografische Verschiebung hin zu einer älteren Bevölkerung spiegelt sich auch in der Zahl der CED-Patienten wider. Viele Betroffene haben die Diagnose bereits in jüngeren Jahren erhalten und leben nun mit der chronischen Erkrankung im Alter. Gleichzeitig erhalten immer mehr ältere Menschen erstmals die Diagnose einer chronischen Darmentzündung. Christian Maaser, Gastroenterologe und Geriater, betont, dass die Krankheit im Alter zwar oft milder verlaufen kann, jedoch Begleiterkrankungen und die Einnahme weiterer Medikamente die Behandlung erschweren. Dies erfordert eine besondere Aufmerksamkeit des Arztes und die zuverlässige Mitarbeit des Patienten.
Späte Diagnose: Wenn Durchfall viele Ursachen haben kann
Die Erkennung von CED bei älteren Menschen ist oft verzögert. Gudrun M. beispielsweise litt jahrelang unter starken Unterbauchschmerzen, die zunächst fälschlicherweise auf Myome zurückgeführt wurden. Erst nach einer Operation zur Gebärmutterentfernung wurde die eigentliche Darmkrankheit entdeckt, Morbus Crohn, die bereits so weit fortgeschritten war, dass ein großer Teil des Dünndarms und des oberen Dickdarms entfernt werden musste.
Ein Hauptgrund für die späte Diagnose im Alter ist, dass Durchfall, das Leitsymptom vieler CED, auch auf andere Ursachen zurückgeführt werden kann. Dazu zählen Infekte, Unverträglichkeiten gegenüber Laktose oder Fruktose, Medikamentennebenwirkungen oder auch eine Divertikulitis, eine Entzündung von Ausstülpungen der Dickdarmwand. Diese Vielfalt an möglichen Ursachen erschwert die Identifizierung der CED und verzögert den Behandlungsbeginn.
Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen
Colitis ulcerosa und Morbus Crohn im Detail
Colitis ulcerosa
Diese Form der CED beschränkt sich typischerweise auf den Dickdarm und betrifft primär die Schleimhaut.
Häufige Symptome: Anfänglich schleimiger Stuhl, häufiger Stuhldrang und leichte Bauchschmerzen. Im fortgeschrittenen Stadium treten häufiger Durchfall, oft blutig oder schleimig, Bauchkrämpfe (typischerweise im linken Unterbauch), ein ständiger und schmerzhafter Stuhldrang, Gewichtsverlust, Müdigkeit und Fieber auf.
Diagnose: Die Diagnose erfolgt durch ein ausführliches Arztgespräch, körperliche Untersuchung, Blut- und Stuhltests. Eine Darmspiegelung mit Entnahme von Schleimhautproben sowie Ultraschall und Röntgenuntersuchungen sichern die Diagnose.
Behandlung: Die Therapie wird individuell angepasst. Während eines akuten Schubs und gegebenenfalls langfristig werden Medikamente eingesetzt, die je nach betroffenem Darmabschnitt auch als Zäpfchen oder Schaum verabreicht werden können. Bei ausbleibendem Erfolg kann eine Operation notwendig sein, wobei ein künstlicher Darmausgang oft nur temporär angelegt wird.
Wichtiger Hinweis: Aufgrund eines erhöhten Risikos für Dickdarmkrebs sind regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen unerlässlich.
Morbus Crohn
Bei Morbus Crohn können alle Abschnitte des Verdauungstrakts betroffen sein, wobei sich die Entzündung auch auf tiefere Darmwandschichten erstreckt. Krankhafte Veränderungen können sich mit gesunden Abschnitten abwechseln.
Häufige Symptome: Initial oft Blähungen, Durchfall oder allgemeines Unwohlsein. Später entwickeln sich anhaltender wässriger oder breiiger Durchfall, Bauchkrämpfe (häufig nach dem Essen und lokal begrenzt), Gewichtsverlust und Abgeschlagenheit.
Diagnose: Nach dem Arztgespräch und der körperlichen Untersuchung folgen Blut- und Stuhltests. Bei Verdacht kann eine Spiegelung des gesamten Verdauungstrakts sowie Ultraschall und MRT zurate gezogen werden. Eine Unterscheidung von Colitis ulcerosa ist mitunter erst im Verlauf möglich.
Behandlung: Ähnlich wie bei Colitis ulcerosa kommen im Schub und bei Bedarf auch langfristig Medikamente zum Einsatz. Bei schweren Verläufen oder Komplikationen wie Vernarbungen, Fisteln oder Darmverschluss kann eine Operation erforderlich sein.
Wichtiger Hinweis: Regelmäßige Untersuchungen zur Früherkennung von Komplikationen sind essenziell.
Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen
Einflussfaktoren und Therapieansätze
Ernährung und Nährstoffversorgung
Obwohl es keine spezifische Diät gibt, die nachweislich Schüben vorbeugt, empfehlen Ärzte, Nahrungsmittel zu konsumieren, die gut vertragen werden. Eine regelmäßige Überprüfung der Nährstoffaufnahme ist wichtig. Bei Bedarf können Eisen, Vitamin B12 und fettlösliche Vitamine, insbesondere Vitamin D, ergänzt werden.
Entzündungshemmende Medikamente
Medikamente können die Symptome lindern, auch wenn sie die Krankheit nicht heilen können. Ziel ist es, die übermäßige Immunreaktion zu dämpfen. Bei akuten Schüben kommen primär Entzündungshemmer wie Cortison zum Einsatz, die meist schnell Linderung verschaffen. Aufgrund möglicher Nebenwirkungen, die sich auf Blutzucker, Blutdruck, Cholesterin und Knochendichte auswirken können, wird Cortison im Alter besonders vorsichtig und möglichst kurzzeitig eingesetzt. In der Remissionsphase kommen viele Patienten ohne Medikamente aus. Bei häufigen Schüben sind jedoch dauerhafte Therapien notwendig.
Wenn lokale Entzündungshemmer oder Immunsuppressiva nicht ausreichen, können sogenannte Biologika, künstlich hergestellte Antikörper, infrage kommen. Diese sind zwar wirksam, können aber das Infektionsrisiko erhöhen, insbesondere bei älteren Patienten. Glücklicherweise wurden in den letzten Jahren Medikamente mit geringeren Nebenwirkungen entwickelt, die sich besser für ältere Patienten mit Begleiterkrankungen eignen.
Ein aktiver Lebensstil als Schlüssel zur Lebensqualität
Die Krankheit nicht verschweigen
Es ist entscheidend, chronische Darmentzündungen ernst zu nehmen, da sie den Organismus negativ beeinflussen können. Eine Verbesserung der Symptome, insbesondere der Durchfälle, führt zu einer deutlich höheren Lebensqualität.
Prävention und Ganzheitlichkeit
Drei wesentliche Aspekte sollten im Fokus stehen: ein guter Impfschutz (gegen Grippe, Lungenentzündung und Gürtelrose), die Knochendichte und die ausreichende Versorgung mit Vitamin D. Die Darmkrankheit kann auch andere Organe wie Gelenke, Haut oder Augen beeinträchtigen. Ein Austausch zwischen den behandelnden Fachärzten über die verordneten Medikamente ist im Praxisalltag oft zu kurz gekommen.
Bewegung und Selbsthilfe
Gudrun M. kämpft aktiv gegen ihre Osteoporose, indem sie täglich walkt. Dieses Engagement unterstreicht die Bedeutung der Eigeninitiative für die Gesundheit. Die Selbsthilfegruppen bieten einen wichtigen Rückhalt und ermutigen andere Betroffene, mit der Krankheit zu leben, anstatt sich von ihr beherrschen zu lassen.
Mitbestimmung in der Therapie
Heiner V. lebt mit der Sorge vor Darmkrebs, wird jedoch regelmäßig untersucht und erhält Entwarnung. Das Risiko für Darmkrebs bei Colitis-Patienten wird zwar heute anders bewertet, aber regelmäßige Kontrollen bleiben essenziell. Die Entscheidung über eine eventuell notwendige Operation wird stets gemeinsam von Arzt und Patient getroffen, basierend auf dem Ansprechen auf die Therapie, den Nebenwirkungen der Medikamente und der Lebensqualität.
Gudrun M. betont abschließend: “Ich bestimme über mein Leben, nicht meine Krankheit. Ich habe gelernt, mit ihr zu leben.” Diese Haltung, gepaart mit Unterstützung durch Familie, Freunde und Selbsthilfegruppen, ist entscheidend für ein erfülltes Leben trotz chronisch-entzündlicher Darmerkrankung.
