Als Fachgruppen für Flucht, Migration, Rassismuskritik und Antisemitismus sowie für Internationale Soziale Arbeit der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit (DGSA) erheben wir unsere Stimme gegen den völkerrechtswidrigen Angriffskrieg der russischen Regierung auf das Staatsgebiet der Ukraine. Wir stehen entschieden an der Seite der Menschen in der Ukraine und beobachten mit tiefem Entsetzen die Bombardierung ziviler Infrastruktur sowie die gefährlichen Kampfhandlungen. Unsere Arbeit führt uns täglich mit Menschen und Gemeinschaften zusammen, die von Zwangsmigration, Gewalt, Unterdrückung und Ungerechtigkeit betroffen sind, wodurch wir die katastrophalen Folgen solcher Konflikte aus erster Hand kennen. [cite:DGSA-Position]
Eine klare Haltung gegen Krieg und Imperialismus
Wir verurteilen jede Form von Imperialismus, Stellvertreterkriegen und Nationalismus, die ein friedliches Zusammenleben in einer vielfältigen und globalisierten Welt unmöglich machen. Als Praktizierende und Angehörige der sozialarbeiterischen Wissenschaftsgemeinschaft wissen wir, wie schnell Beziehungen zerstört werden können und wie langwierig und schmerzhaft Prozesse der Regeneration und des Heilens sind. Der Krieg in der Ukraine demonstriert eindringlich, wie sich der Wandel der Gesellschaft durch Konflikte beschleunigt und oft zu einer Gesellschaft der Angst führt, in der Unsicherheit und Furcht dominieren. [cite:DGSA-Position]
Wir rufen alle russischen Amtsträger:innen dringend dazu auf, die militärischen Aktivitäten sofort einzustellen und alle notwendigen Mittel einzusetzen, um den Frieden in der Ukraine wiederherzustellen und die Sicherheit aller Menschen dort zu gewährleisten.
Solidarität mit Betroffenen und lokale Expertise stärken
Unsere Solidarität gilt den Sozialarbeitenden und anderen Unterstützer:innen in der Ukraine und den angrenzenden Ländern, die unermüdlich Notfallhilfe für alle von Gewalt und Zwangsvertreibung betroffenen Menschen leisten. Aus Erfahrungen früherer Krisen appellieren wir an alle Akteur:innen, Bedingungen zu schaffen, unter denen lokale Sozialarbeitende, Forschende und andere Expert:innen vor Ort die Hilfsmaßnahmen selbst bestimmen können. Sie kennen die lokalen Umstände am besten und müssen in ihrer Führungsrolle gestärkt werden.
Deutschlands Rolle bei der Aufnahme von Schutzsuchenden
Die Europäische Union und insbesondere die deutsche Regierung müssen politische Praktiken und Ressourcen bereitstellen, um Schutzsuchende mit einer offenen und einladenden Haltung willkommen heißen zu können. Menschen, die aus der Ukraine fliehen, müssen das Zielland ihrer Flucht selbst bestimmen dürfen. Die Bundesregierung muss sich aktiv für Bewegungsfreiheit innerhalb der EU starkmachen.
Als Sozialarbeitende aus Praxis und Forschung in Deutschland fordern wir die Bereitstellung adäquater finanzieller Mittel zur Aufnahme von Schutzsuchenden in Deutschland. Wir fordern sichere Fluchtwege und eine unbürokratische Einreise nach Deutschland mit einer sicheren Bleibeperspektive. Handlungsspielräume müssen voll ausgeschöpft werden, um den Menschen unbürokratischen Aufenthalt zu gewähren, beispielsweise durch die Verlängerung des visumfreien Aufenthalts, über ein Studium, Arbeit oder Familienzusammenführung. Angesichts der Risikogesellschaft, in der wir leben, ist es unerlässlich, dass staatliche Strukturen Schutz und Sicherheit bieten. [cite:DGSA-Position]
Unsere Erfahrungen zeigen, dass eine enge Zusammenarbeit mit den Communities und die Dezentralisierung der Unterbringung geflüchteter Menschen am effektivsten sind, um deren Sicherheitsbedürfnisse zu unterstützen und ihnen die Kontrolle über ihr Leben zurückzugeben. Die Regierung muss sicherstellen, dass aus der Ukraine fliehende Menschen ohne unnötige Verzögerung Zugang zu Bildung, dem Gesundheitssystem, angemessenem Wohnraum und dem Arbeitsmarkt erhalten. Die in den letzten Jahren implementierte restriktive Flüchtlingspolitik muss nicht nur für ukrainische Geflüchtete, sondern für alle Menschen, die in Deutschland Schutz suchen, rückgängig gemacht werden.
Gemeinsamer Dialog und Ablehnung von Diskriminierung
Wir rufen unsere Netzwerke und Communities auf, alle Menschen, die Zuflucht suchen – unabhängig von Herkunft, Hautfarbe, Geschlecht, Sexualität oder Religion – willkommen zu heißen und zu unterstützen. Dies gelingt am besten in einem gemeinsamen Dialog und mit einer partnerschaftlichen und solidarischen Haltung. Gleichzeitig weisen wir alle verallgemeinernden Ressentiments, Hass oder Diskriminierung gegenüber Menschen zurück, die sich als Russ:innen wahrnehmen oder von anderen als Russ:innen wahrgenommen werden. Wir stehen ausdrücklich hinter all den mutigen Menschen in Russland und überall auf der Welt, die Proteste initiieren und zivilen Ungehorsam zeigen, um ihren Wunsch nach Frieden und ihre Ablehnung der militärischen Aktionen ihrer Regierung deutlich zu machen.
Für Frieden und Gerechtigkeit jenseits nationaler Grenzen
Wir stehen vereint mit allen Unterstützer:innen und Menschen, die sich für Frieden und Gerechtigkeit jenseits nationaler Grenzen einsetzen. In Zeiten, in denen viele Kräfte weltweit versuchen zu spalten und zu polarisieren, streben wir als Sozialarbeitende eine gemeinsame Basis für den Kampf um Gerechtigkeit, Frieden und Solidarität an. Wir erinnern an die pazifistische Tradition und die zentrale Rolle unseres Berufsstandes in der internationalen Friedensbewegung sowie in der Verteidigung von Demokratie und Menschenrechten. Besonders wichtig ist uns die Solidarität mit all jenen, die mit der Gewalt konfrontiert werden, die Grenzen innewohnt – in der Ukraine und darüber hinaus. Wir appellieren an alle Verantwortlichen, alles Menschenmögliche zu tun, um Kriege und bewaffnete Konflikte überflüssig werden zu lassen.
Quelle: Positionspapier der Fachgruppen der DGSA (Deutsche Gesellschaft Für Soziale Arbeit) vom 27. Februar 2022, aktualisiert am 17. März 2022.
