Es ist eine faszinierende Entwicklung: Frauen prägen zunehmend die deutsche Weinlandschaft und bringen eine frische Perspektive in Weinberg und Keller. Obwohl es eigentlich keine Rolle spielen sollte, ob ein Mann oder eine Frau einen Wein herstellt, sind die stilistischen Unterschiede, die von Winzerinnen produzierte Weine oft aufweisen, bemerkenswert. Sie zeigen eine Eleganz und Finesse, die viele Weinliebhaber schätzen.
Winzerinnen selbst legen meist keinen großen Wert darauf, dass ihr Geschlecht in den Vordergrund gerückt wird. Ihnen geht es um die Qualität ihrer Weine, ihre harte Arbeit im Weinberg, die sorgfältige Vinifikation im Keller und ihre umfassende Philosophie des Weinmachens. Die Erwähnung, dass dies alles von einer Frau geleistet wird, ist für sie eher nebensächlich. Die Selbstverständlichkeit, mit der Frauen heute in allen Bereichen der Weinwelt ihren Weg gehen, spricht für sich. Doch gerade weil sie oft still und leise Großes leisten, ist es wichtig, ihre Beiträge hervorzuheben und ihnen die Anerkennung zukommen zu lassen, die sie verdienen. Oft verbirgt sich hinter renommierten Namen eine starke Frau, ohne dass dies auf den ersten Blick ersichtlich ist – ein unfreiwilliger „Etikettenschwindel“, der bei genauerer Betrachtung für positive Überraschungen sorgt und das Engagement für deutsche Qualitätsweine weiter stärkt.
Die Stärke der Winzerinnen: Mehr als nur Geschlecht
Die Präsenz von Frauen in leitenden Positionen deutscher Weingüter ist heute selbstverständlicher denn je. Doch der Weg dorthin war oft steinig. Sie mussten sich nicht nur gegen traditionelle Rollenbilder durchsetzen, sondern auch mit körperlich anspruchsvoller Arbeit und komplexen Managementaufgaben auseinandersetzen. Heute zeigen sie, dass sie nicht nur handwerkliches Geschick und tiefes Weinwissen besitzen, sondern auch visionäre Entscheidungen treffen können, die den Weinbau voranbringen. Ihr Erfolg ist ein Beweis dafür, dass Leidenschaft und Fachkenntnis keine Geschlechtergrenzen kennen.
Prägende Persönlichkeiten im deutschen Weinbau
Deutschland ist reich an talentierten Winzerinnen, die mit ihrer Arbeit international Anerkennung finden. Ihre Geschichten sind inspirierend und zeigen die Vielfalt und Innovationskraft des deutschen Weinbaus.
Meyer-Näkel: Schwesterliche Erfolgsgeschichte an der Ahr
Das Weingut Meyer-Näkel an der Ahr wurde von Werner Näkel zu internationaler Bekanntheit geführt, insbesondere für seine herausragenden Spätburgunder. Heute liegt die Zukunft des Weinguts in den Händen seiner Töchter, den Schwestern Meike und Dörte Näkel. Beide absolvierten zunächst eine Winzerausbildung und studierten anschließend Weinbau an der Fachhochschule Geisenheim. Mit ihrer Rückkehr ins elterliche Weingut übernahmen sie schrittweise mehr Verantwortung, konnten aber stets auf den erfahrenen Rat ihres Vaters zurückgreifen. Der Erfolg des VDP-Weinguts Meyer-Näkel ist ungebrochen; Weinkritiker und Spätburgunder-Fans sind gleichermaßen von der Handwerkskunst der beiden Schwestern überzeugt. Ihre große Anerkennung spiegelt sich auch im Verband der Deutschen Prädikatsweingüter (VDP) wider: 2019 wurde Meike Näkel als erste Frau in der Geschichte des VDP in den Vorstand des Bundesverbandes gewählt.
Judith Dorst: Von der Weinkönigin zur Lady des Weins
Weinkönigin und Winzerin: Judith Dorst zaubert mit ihrem Grauburgunder schmeichelnde Aromen von Pfirsich, Aprikose und Birnen ins Glas.Judith Dorst hat nicht nur die Krone als Weinkönigin in Rheinhessen und als Deutsche Weinprinzessin getragen, sondern sich ihren eigentlichen Titel selbst verliehen: den einer Lady. Ihre Weine, die diesen Zusatz im Namen tragen, verraten tatsächlich, dass sich hinter der Lady auch eine echte Lady verbirgt. Judith Dorsts große Stärke sind ihre geradlinig und schlank im Stahltank ausgebauten Weißweine. Sie bestechen durch eine präzise Fruchtaromatik, die Noten von Pfirsich, Aprikose und Birne ins Glas zaubert, und bieten dabei unkomplizierten Weingenuss. Mit diesem unverwechselbaren Stil und der gleichbleibend hohen Qualität hat Lady Dorst eine treue Anhängerschaft gewonnen.
Winzerin Judith Dorst beim Rebschnitt
Julia Oswald: Das vielversprechende Nachwuchstalent
Auch um den Winzerinnen-Nachwuchs ist es in Rheinhessen gut bestellt. So gewann Julia Oswald bei der Auflage 2020 des renommierten DLG-Wettbewerbs „Jungwinzerin und Jungwinzer des Jahres“ den zweiten Platz. Obwohl erst 24 Jahre alt, trägt sie bereits die volle Verantwortung auf dem elterlichen Weingut Burghof Oswald. Bereits im Vorjahr kam mit Anika Hattemer-Müller eine weitere Preisträgerin aus Rheinhessen, was die starke Präsenz junger Talente in dieser Region unterstreicht.
Bettina Bürklin von Guradze: Eine Pionierin mit visionärem Blick
Auf die Frage nach Vorbildern unter den Winzerinnen wird oft Bettina Bürklin von Guradze genannt. Sie gilt als Pionierin und erfolgreiche Leiterin eines der renommiertesten Weingüter Deutschlands. Seit über 30 Jahren führt sie die Geschicke des VDP-Weinguts Bürklin-Wolf aus der Pfalz. Eine ihrer wegweisenden Entscheidungen war die Klassifizierung der Weine nach einem vierstufigen, vom Burgund entlehnten System in Grand Cru, Premier Cru, Ortsweine und Gutsweine, lange bevor es eine offizielle Lagenklassifikation des VDP gab. Mit großer Entschlusskraft und Weitsicht stellte sie das Weingut 2005 auf biodynamischen Anbau um – ein immenser Kraftakt, aber ein notwendiger Schritt, um die Weine naturnäher und noch besser zu machen, wie Bürklin von Guradze stets betonte. Es war nicht das einzige Mal, dass sie mit ihrer Vision Recht behielt.
Vera Keller: Die vierte Generation mit eigenem Stil
Die Pfälzerin Vera Keller gehört ebenfalls zu den diesjährigen Preisträgerinnen des DLG-Wettbewerbs „Jungwinzerin und Jungwinzer des Jahres“. Auch sie ist die Tochter einer Winzerfamilie, bestens ausgebildet und fest entschlossen, die vierte Generation auf dem Familienweingut zu prägen. Mit einer eigenen Weinlinie hat sie bereits ihren individuellen Stil bewiesen. Vera Keller ist aktuell 26 Jahre alt und verfolgt mit Ausdauer und Beharrlichkeit genau den Weinstil, der ihr vorschwebt. Ihre Erfolge zeigen, dass es nicht allein auf das Geschlecht ankommt, sondern auf das Talent und die Entschlossenheit, die eigene Vision zu verwirklichen.
Stilfragen und die Zukunft der Winzerinnen
Die Diskussion um einen „typisch weiblichen Weinstil“ kommt oft auf, sobald über Winzerinnen gesprochen wird. Gehen weibliche Weinmacherinnen tatsächlich feinfühliger mit den Trauben um? Sind ihnen Finesse und Eleganz generell wichtiger als Körper und Statur? Solche Kategorisierungen sind oft zu einschränkend und können die Stilfrage nicht abschließend beantworten. Die Vielfalt der Weine, die von Frauen produziert werden, zeigt, dass es keine universelle „weibliche“ Handschrift gibt, sondern eine Bandbreite individueller Ausdrucksformen.
Die vorgestellten Frauen sind jedoch beispielhaft für ihre starke Position im Wein-Business. Sie zeigen, dass Kompetenz, Leidenschaft und Innovationsgeist über Geschlechtergrenzen hinweg zum Erfolg führen. Trotzdem gibt es noch so viele weitere Winzerinnen zu entdecken, nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Ihr Einfluss wird weiterhin wachsen und die Weinwelt mit ihrer Expertise und ihren einzigartigen Perspektiven bereichern.
Fazit
Die Rolle der Winzerinnen in Deutschland ist heute unbestreitbar und entscheidend für die Weiterentwicklung des Weinbaus. Persönlichkeiten wie die Schwestern Näkel, Judith Dorst, Julia Oswald, Bettina Bürklin von Guradze und Vera Keller sind leuchtende Beispiele dafür, wie Frauen mit Fachwissen, Entschlossenheit und visionärem Denken die Branche prägen und zu neuen Höhen führen. Ihre Geschichten beweisen, dass die Qualität und der Charakter eines Weins das Ergebnis von Expertise und Hingabe sind – unabhängig vom Geschlecht des Winzers. Wir laden Sie ein, die Vielfalt und Exzellenz der deutschen Weine zu entdecken, die von diesen außergewöhnlichen Winzerinnen mit Leidenschaft und Können geschaffen werden. Tauchen Sie ein in die Welt der feinen Tropfen und lassen Sie sich von ihrer Handwerkskunst begeistern!
