Die Geschichte und Vielfalt des Pils – Mehr als nur ein Bier

Das Pils, auch Pilsener oder Bier nach Pilsner Brauart genannt, ist ein untergäriges Bier, das seinen Namen der böhmischen Stadt Pilsen verdankt. Was heute als die meistgetrunkene Biersorte Deutschlands gilt, hat eine faszinierende Geschichte hinter sich. Doch wie wurde aus einem einst verrufenen Gebräu ein weltweiter Erfolg? Dieser Artikel taucht tief in die Entstehungsgeschichte, die verschiedenen Sorten und den einzigartigen Geschmack des Pils ein.

Die Geburt einer Legende: Josef Grolls Erfindung in Pilsen

Die Stadt Pilsen im heutigen Tschechien war vor 1842 nicht gerade für ihr Bier berühmt. Im Gegenteil, das dort gebraute Bier war so schlecht, dass es im Jahr 1838 sogar öffentlich auf dem Marktplatz ver vergosssen wurde. Die Ursachen für den schlechten Ruf lagen wahrscheinlich in Verunreinigungen während des Brauprozesses und der mangelnden Haltbarkeit des obergärigen Bieres. Dies veranlasste die Brauberechtigten Bürger Pilsens im selben Jahr zum Bau einer neuen Brauerei, die die technischen Voraussetzungen für einen modernen, untergärigen Brauprozess erfüllen sollte.

Der entscheidende Schritt zur Rettung des Pilsener Bieres erfolgte 1842, als der damalige Braumeister Martin Stelzer den 29-jährigen bayerischen Braumeister Josef Groll nach Pilsen berief. Bayern galt zu dieser Zeit als Hochburg der Braukunst, und Groll beherrschte insbesondere den damals modernen untergärigen Brauprozess. Groll brachte nicht nur sein technisches Know-how mit, sondern auch die Erkenntnisse aus einer Art “Industriespionage”, bei der Bayern das Geheimnis der britischen Braumethoden zu ergründen versuchte.

Er fand in Pilsen ideale Bedingungen vor: aromatischer Hopfen aus Saaz, weiches, mineralarmes Wasser und hervorragende Gerstensorten für ein helles Malz, statt des sonst üblichen dunklen bayerischen Malzes. Am 5. Oktober 1842 setzte Groll den ersten Sud nach Pilsner Brauart an, aus dem etwas völlig Neues entstand: das Pils, wie wir es heute kennen, mit seinem charakteristischen goldgelben Farbton und unverwechselbaren Geschmack. Am Martinstag desselben Jahres wurde das Bier erstmals öffentlich ausgeschenkt und entwickelte sich schnell zu einem Erfolg, der bis heute unter der Marke Pilsner Urquell vertrieben wird. Josef Groll selbst kehrte nach seiner Zeit in Pilsen in seine Heimat Vilshofen an der Donau zurück und verstarb 1887 im Alter von 74 Jahren, zu einer Zeit, als seine Schöpfung bereits Europa eroberte.

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Der Siegeszug des Pils durch Europa und die Welt

Der hervorragende Geschmack, die verbesserte Haltbarkeit des untergärigen Bieres und der Ausbau des Schienennetzes trugen maßgeblich zum Siegeszug des Pilsner Bieres bei. Bald war Pilsner Urquell von Prag bis Paris in den Gaststätten zu finden. Der internationale Erfolg setzte die regionalen Brauereien unter Druck, was zu zahlreichen Nachahmungen führte und 1859 zur Markenschutz-Eintragung des Warenzeichens „Pilsner Bier“ in Pilsen führte.

Auch in Deutschland wurde das Pils 1863 in Preußen populär, während Bayern, stolz auf die eigene Brautradition, erst später nachzog. Über den Ärmelkanal und den Atlantik erreichte das Pils schließlich London und Nordamerika. Die Einführung wirtschaftlich arbeitender Kältemaschinen im Jahr 1870 beschleunigte die Verbreitung des Bieres nach Pilsner Art weiter, da die saisonale Eisproduktion nicht mehr zwingend notwendig war.

1872 brachte die Aktienbrauerei zum Kellerbier in Radeberg das erste Pilsner auf den deutschen Markt, das sich durch die Verwendung von härterem Wasser und eine stärkere Hopfenbetonung von seinem tschechischen Vorbild abgrenzte – die erste neue Pils-Sorte war geboren. 1876 fand das Pils auch in Amerika endgültig Fuß. Adolphus Busch und Carl Conrad, inspiriert von böhmischen Emigranten, brauten in den USA das Bier der Marke „Budweiser“.

Das Pils heute: Deutschlands beliebteste Biersorte

Das 1842 von Josef Groll erfundene Pilsner Urquell erfreut sich bis heute großer Beliebtheit, und die Brauerei exportiert fast die Hälfte ihres Ausstoßes ins Ausland. Im Jahr 2006 war Pilsner Urquell die meistgetrunkene ausländische Biermarke in Deutschland. Aber auch das in Deutschland gebraute Bier nach „Pilsner Art“ ist allgegenwärtig. Heute ist „Pils“ die meistgetrunkene Biersorte in Deutschland und macht über 60% des gesamten Bierausstoßes aus.

Seit 2008 ist der Begriff „Pilsner Bier“ rechtlich geschützt, sodass sich nur in Tschechien gebrautes Bier, das spezielle Vorgaben erfüllt, Pilsner nennen darf.

Vielfalt im Geschmack: Pils-Sorten und ihre Charakteristika

Pils ist ein untergärig gebrautes Lagerbier, das sich durch eine stärkere Hopfung im Vergleich zu anderen untergärigen Bieren wie Hellen oder Export auszeichnet. Der Hopfen dominiert geschmacklich, während das Malz, das primär für die goldgelbe bis strohgelbe Farbe verantwortlich ist, eine untergeordnete Rolle spielt.

Die Einheit EBC (European Brewery Convention) beschreibt die Farbstärke von Bier, wobei 1 °L (Grad Lovibond) in den USA etwa 1,2 EBC entspricht. Die Beschaffenheit des Brauwassers spielt ebenfalls eine wichtige Rolle: härteres Wasser in Norddeutschland führte historisch zu einem herberen und bittereren Pils.

Ein typisches Pils schmeckt fein bis ausgeprägt nach Hopfen, ist deutlich bitterer als andere untergärige Biere, frisch mit einem trockenen Körper und weist nur eine sehr milde Malznote oder Restsüße auf. Es hat in der Regel 25-50 Bittereinheiten, 11-15% Stammwürze (gehört damit zu den Vollbieren) und 4-5% Volumenalkohol, wobei es heute auch alkoholfreie Varianten gibt.

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Das Norddeutsche Pils

Das bekannteste norddeutsche Pils ist zweifellos das Jever Pilsener mit seinem Slogan „Friesisch Herb“. Es zeichnet sich durch einen trockenen, schlanken Körper und einen herben Geschmack aus, bei dem die Hopfennote und das Malzaroma eher in den Hintergrund treten.

Das Böhmische Pils

Das Böhmische Pils ist das UR-Pils, wie es Josef Groll 1842 erstmals braute – Pilsner Urquell. Durch eine kürzere Lagerzeit hat es einen leicht buttrigen Geschmack und ist vollmundiger als norddeutsche Pils-Sorten. Es ist meist nicht ganz so herb und wird als fein-herb beschrieben, wobei die Hopfennote etwas stärker durchkommt als im norddeutschen Pendant.

Das Bayerische Pils

In Bayern darf ein Lagerbier nur als Pils bezeichnet werden, wenn es mehr als 29 Bittereinheiten aufweist. Das weichere bayerische Wasser prägt den Charakter des bayerischen Pils, das geschmacklich dem böhmischen Pils ähnelt, aber eine deutlichere Hopfennote aufweist. Nur American Pilsner sind generell stärker gehopft.

Das American Pilsner

Das American Pilsner zeichnet sich durch eine extreme Hopfenbetonung aus. Zwar sind stark gehopfte Biere in Amerika generell beliebter, doch nicht jedes amerikanische Pilsner ist ein American Pilsner – das amerikanische Budweiser gehört eher in die Kategorie Böhmisches Pils. Geschmacklich erinnert das American Pilsner an ein Pale Ale, wird jedoch untergärig gebraut.

Richtig zapfen für den perfekten Genuss

Die alte Regel, dass ein gutes Pils sieben Minuten zum Zapfen braucht, ist längst veraltet. Früher, mit einfachen Zapfanlagen und ohne moderne Kühlung, dauerte das Zapfen tatsächlich länger. Wer heute ein Pils sieben Minuten zapft, erhält ein warmes, abgestandenes und schales Getränk.

Das richtige Zapfen eines Pils sollte nicht länger als drei Minuten dauern:

  1. Das saubere Glas wird vor dem Zapfen kurz mit frischem, kaltem Wasser ausgespült.
  2. Die Pilstulpe wird schräg und nah unter den Zapfhahn gehalten, sodass das Pils langsam an der Glaswandung hinablaufen kann, um Kohlensäureverlust zu vermeiden.
  3. Das Glas wird zu etwa zwei Dritteln gefüllt, während es langsam wieder aufgerichtet wird. Der Zapfhahn berührt dabei weder das Bier noch das Glas.
  4. Um die Schaumhaltbarkeit zu fördern, kann das Glas kurz abgestellt werden.
  5. Anschließend wird nachgezapft, bis das Glas voll ist, wobei der Zapfhahn nicht in das Bier getaucht werden darf.
  6. Zuletzt wird die Schaumkrone aufgesetzt. Der gesamte Prozess sollte maximal drei Minuten dauern.

In der Schweiz werden Biere nach Pilsner Brauart oft als „Spezialbier“ oder „Spezli“ bezeichnet, was auf Abkommen zum Schutz von Herkunftsangaben zurückzuführen ist.

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Aus Glas oder Flasche? Der Trinkgenuss zählt

Während bei einem Weißbier die Frage nach dem Trinkgefäß schnell geklärt ist, ist es bei Pils weniger eindeutig. Die Werbung, beispielsweise von Becks, hat gezeigt, dass ein Pils auch aus der Flasche genossen werden kann, ideal für unterwegs oder beim Grillen.

Experten betonen jedoch, dass der volle Geschmack eines Pils – wie bei jeder Biersorte – am besten aus dem Glas zur Geltung kommt. Der höhere Druck in der Flasche und die schnellere Trinkgeschwindigkeit beeinträchtigen die Wahrnehmung feiner Aromen. Maximalen Geschmack erreicht man aus der traditionellen Pilstulpe, oft ergänzt durch ein Pilsdeckchen, und gezapft schmeckt es ohnehin am besten.

Kreative Pils-Rezepte

Wer Biermischgetränken eine persönliche Note verleihen möchte, kann diese einfach selbst kreieren. Die meisten handelsüblichen Mischgetränke basieren auf Pils. So kann man sein Lieblingspils mit seiner Lieblingscola mischen, um ein Cola-Bier nach eigenem Geschmack zu erhalten.

Ein Verhältnis von 50/50 ist üblich, aber Experimente lohnen sich. Ein Mischungsverhältnis von 2/3 Bier zu 1/3 Mischgetränk intensiviert den Biergeschmack. Gängige Kombinationen sind Pils mit Zitronenlimonade, Cola, Sprite, Energy-Drink, Kirschsaft oder Grapefruitlimonade.

Unterschiede im Detail: Pils, Helles und Weizen

Pils vs. Helles

Beide sind untergärige Vollbiere mit denselben Zutaten nach deutschem Reinheitsgebot. Der Unterschied liegt im Brauprozess: Pils ist stärker gehopft, wodurch das Malzaroma in den Hintergrund tritt und das Bier herb schmeckt. Bei einem Hellen wird versucht, Malz und Hopfen auszugleichen, um ein harmonischeres Aroma zu erzielen. Ein Helles schmeckt weniger bitter und leicht süßlich, während Hopfen und Malz gleich stark ausgeprägt sind.

Pils vs. Weizen/Weißbier

Der Hauptunterschied liegt in der Hefe: Pils wird untergärig, Weizen obergärig gebraut. Zudem wird Weizenbier zu mindestens 50% aus Weizenmalz hergestellt. Geschmacklich ist Pils herb, frisch und trocken, während Weizenbier fruchtig bis würzig mit deutlichem Hefearoma schmeckt. Die Kohlensäure im Weizen sorgt für Erfrischung im Sommer, während Pils je nach Sorte auch aus der Flasche (als „Fußpils“) getrunken werden kann.

Pils vs. Export

Auf einer Skala untergäriger Vollbiere steht Export am oberen Ende, Pils am unteren, mit Hellem in der Mitte. Export hat einen höheren Stammwürze- und Alkoholgehalt, was ihm einen kräftigeren, malzbetonten Geschmack mit leichter Süße verleiht, während Pils eher hopfenbetont und herb ist. Historisch war Export ein Bier, das durch stärkeres Einbrauen haltbarer gemacht wurde, um über Stadtgrenzen hinaus transportiert und später verdünnt zu werden. Im Ausland wird Export manchmal auch als Beschreibung für andere Biersorten wie Starkbier verwendet.