Deutschland, bekannt für seine reiche Brautradition und strengen Reinheitsgebote, hat auch eine faszinierende, wenn auch oft übersehene Biergeschichte in der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (DDR). Während der Teilung prägte ein eigenes Normensystem, die Technischen Normen, Gütevorschriften und Lieferbedingungen (TGL), maßgeblich die Produktlandschaft. Besonders interessant für Bierliebhaber ist die TGL 7764, das offizielle Standarddokument für Bier in der DDR, welches die Vielfalt und Charakteristika der damaligen Biersorten detailliert festlegte. Dieses Dokument bietet einen einzigartigen Einblick in die Braukunst und den Bierkonsum jener Zeit und enthüllt, welche Biere die Gaumen der Ostdeutschen erfreuten und welche speziellen Merkmale sie aufwiesen.
Die DDR war eine Planwirtschaft, in der Qualität und Spezifikationen von Produkten durch staatliche Normen, die TGL, geregelt wurden. Diese Normen betrafen nahezu alle Bereiche des täglichen Lebens, von Industriemaschinen bis hin zu Konsumgütern wie Lebensmitteln und Getränken. Ihr Ziel war es, eine gleichbleibende Produktqualität sicherzustellen und Produktionsprozesse zu standardisieren. Für das Brauwesen bedeutete dies, dass jeder Brauerei genau vorgeschrieben war, welche Zutaten und Verfahren für bestimmte Biersorten zu verwenden waren und welche Endprodukteigenschaften erzielt werden mussten. TGL 7764 war somit nicht nur eine technische Richtlinie, sondern auch ein Spiegel der damaligen deutschen Bierkultur im Osten. Es ermöglichte eine gewisse Einheitlichkeit im gesamten Staatsgebiet, auch wenn regionale Brauereien ihre eigenen Nuancen einbringen konnten.
Das Dokument TGL 7764 enthielt eine detaillierte Tabelle, die die wesentlichen Merkmale jeder Biersorte auflistete. Es wurden Parameter wie der Stammwürzegehalt in Plato (OG Plato), der scheinbare Vergärungsgrad (App. Attenuation), der CO2-Gehalt, der Isohumulongehalt (ein Maß für die Bitterkeit) und die EBC-Farbe (European Brewery Convention) angegeben. Der Alkoholgehalt in Volumenprozent (ABV) wurde zwar nicht direkt in der Tabelle der TGL 7764 aufgeführt, konnte jedoch aus dem Stammwürzegehalt und dem Vergärungsgrad berechnet werden. Diese Berechnungen zeigen ein relativ enges Spektrum an Alkoholgehalten, wobei die meisten Sorten zwischen 3,5 und 5 % lagen. Dies deutet auf eine Präferenz für zugängliche und alltagstaugliche Biere hin.
Ein besonders auffälliger Eintrag in der TGL 7764 ist das Doppel-Karamelbier. Obwohl es als “Vollbier” klassifiziert wurde – eine Bezeichnung, die üblicherweise auf Biere mit höherem Stammwürzegehalt (mindestens 11 % Plato) hindeutet – war sein tatsächlicher Alkoholgehalt erstaunlich niedrig. Mit einem ABV zwischen 0,63 % und 1,5 % war es kaum vergoren. Dies machte es zu einer einzigartigen Kategorie: ein kräftiges, malziges Getränk mit vollem Geschmack, aber sehr geringem Alkoholgehalt. Es war wahrscheinlich besonders beliebt als Erfrischungsgetränk oder für jene, die den vollen Biergeschmack ohne die alkoholische Wirkung genießen wollten. Die fehlende Angabe des Vergärungsgrades im Standard untermauert die Besonderheit dieser nur minimal vergorenen Biersorte.
Die TGL 7764 überrascht auch mit einer Vielzahl von Pilsner- und Lagerbierstilen, von denen einige auf den ersten Blick identisch erscheinen. Vier verschiedene Pilsner-Sorten – Deutsches Pilsner, Diabetiker-Pils, Deutsches Pilsator und Deutsches Pilsner Spezial – sind aufgeführt. Ähnlich verhält es sich mit den Lagerbieren: Lagerbier Hell, Lagerbier Dunkel, Lagerbier Spezial und Lagerbier Dunkel Spezial. Es ist unklar, warum beispielsweise “Deutsches Pilsator” und “Deutsches Pilsner Spezial” separate Einträge erhielten, da ihre Spezifikationen nahezu identisch zu sein scheinen. Dies könnte auf subtile regionale Unterschiede, unterschiedliche Brauverfahren oder auch einfach auf Marketingstrategien hinweisen, um den Konsumenten eine größere Auswahl vorzugaukeln, selbst wenn die sensorischen Unterschiede gering waren. Es zeigt die Detailverliebtheit des DDR-Standards und den Versuch, ein breites Spektrum an Geschmäckern abzudecken, auch innerhalb eng definierter Kategorien.
Neben diesen Massenbieren umfasste die TGL 7764 auch spezialisiertere Sorten wie das Schwarzbier, ein dunkles, vollmundiges Bier mit einer langen Tradition in Mitteldeutschland, oder das Märzen, ein stärkeres, malzbetontes Lagerbier, das traditionell im Frühjahr gebraut wurde. Die verschiedenen Bockbier-Varianten, Weißer Bock und Dunkler Bock, spiegeln die deutsche Tradition der Starkbiere wider, die oft zu besonderen Anlässen genossen wurden. Auch der Deutsche Porter, ein kräftiges, dunkles Bier, wurde standardisiert, was auf eine bemerkenswerte Vielfalt im DDR-Brauwesen hindeutet.
Die TGL 7764 gab auch einen Hinweis auf die Bitterkeit des Bieres durch den “Isohumulon Content” in mg/l. Isohumulone sind die Hauptbestandteile des Hopfens, die für die Bitterkeit im Bier verantwortlich sind. Obwohl keine direkte Umrechnung in die heute gängigen International Bitterness Units (IBU) angegeben ist, erlauben diese Werte einen relativen Vergleich der Bitterkeit zwischen den verschiedenen DDR-Bierstilen. Pilsner-Sorten zeigten erwartungsgemäß höhere Isohumulonwerte, was ihre charakteristische Herbe unterstreicht, während Doppel-Karamelbier oder dunklere Bockbiere geringere Werte aufwiesen, passend zu ihrem malzbetonten Profil.
Es ist bemerkenswert, dass auf nahezu jedem DDR-Bieretikett irgendwo die Kennzeichnung “TGL 7764” zu finden war. Dies unterstrich die Einhaltung der staatlichen Standards und diente als Qualitätsmerkmal für den Verbraucher. Es war ein Siegel, das Vertrauen in die Konsistenz und Konformität des Produkts schuf, eine gängige Praxis in der standardisierten Produktwelt der DDR. So wie heute viele moderne Produkte Qualitätszertifikate oder Normen wie DIN oder ISO tragen, so war TGL 7764 ein allgegenwärtiger Hinweis auf die Herkunft und die geprüfte Qualität des Bieres in der DDR. Ein Produkt wie ein lidl grundig staubsauger hätte, wenn es damals in der DDR hergestellt worden wäre, ebenfalls TGL-Standards unterlegen, um Qualität und Leistung zu gewährleisten.
DDR-Bierstile 1987 – 1990
| Typ | Stammwürze Plato | ABV | Scheinbarer Vergärungsgrad | CO2-Gehalt | Isohumulon-Gehalt | EBC Farbe |
|---|---|---|---|---|---|---|
| % | % | % min. | Mg/l | |||
| Dunkel (Einfachbier) | 5.7 – 6.2 | 1.84 | 55 – 65 | 0.35 | 3 – 11 | min 79 |
| Alkoholfreies Bier | 6.5 – 7.0 | 10 – 15 | 0.42 | 22 – 28 | max 12 | |
| Weissbier | 7.0 – 8.0 | 2.90 | min 75 | 0.60 | nichts angegeben | 9 – 15 |
| Extra | 8.5 – 9.0 | 3.41 | min 75 | 0.45 | 22 – 34 | max 12 |
| Hell | 9.5 – 10.0 | 3.82 | min 75 | 0.40 | 16 – 26 | max 14 |
| Edel-Bräu Hell | 10.5 – 11.0 | 4.23 | min 75 | 0.42 | 16 – 28 | max 14 |
| Dunkel |
