“Clean Eating”: Wenn gesunder Appetit zur Gefahr wird

Der Trend zum “Clean Eating” erfreut sich wachsender Beliebtheit, birgt jedoch ernsthafte Risiken, insbesondere für Jugendliche. Ernährungsexperten warnen, dass eine extreme Auslegung dieses Lebensstils zu Untergewicht, psychischem Leid und im schlimmsten Fall sogar zum Tod führen kann. Immer mehr junge Menschen geraten in eine Spirale aus zwanghaftem Essverhalten, das ihr Leben stark beeinträchtigt.

Was ist “Clean Eating” und wo liegen die Gefahren?

“Clean Eating” beschreibt im Grunde eine Ernährungsweise, die sich auf unverarbeitete, natürliche Lebensmittel konzentriert. Der Ursprung des Trends liegt im Wunsch, gesünder zu leben und den Körper mit hochwertigen Nährstoffen zu versorgen. Doch wie bei vielen Trends kann auch hier die Grenze zur Obsession schnell überschritten werden. Was als Bestreben nach Gesundheit beginnt, kann sich zu einer psychischen Störung entwickeln, die als Orthorexia Nervosa bekannt ist. Diese ist durch eine zwanghafte Fixierung auf die “richtige” Ernährung gekennzeichnet.

Die Folgen können gravierend sein: Betroffene entwickeln oft strenge Essensregeln, meiden bestimmte Lebensmittelgruppen oder lehnen sogar Leitungswasser ab, weil sie nur eine bestimmte Markenflasche trinken. Dies beeinträchtigt nicht nur die physische Gesundheit, sondern auch das soziale Leben und die allgemeine Lebensqualität. Rhiannon Lambert, eine registrierte Ernährungsberaterin in London, berichtet von Fällen, in denen Klienten nicht einmal mehr unterwegs essen, da sie glauben, Nahrung nur im Sitzen verarbeiten zu können. Sie verzeichnet eine Verdopplung der Fälle, die auf übersteigertes “Clean Eating” zurückzuführen sind, innerhalb des letzten Jahres.

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Einfluss von Social Media und Food-Bloggern

Ein wesentlicher Treiber für die Verbreitung von “Clean Eating” sind soziale Medien und einflussreiche Food-Blogger. Diese präsentieren oft eine idealisierte Version eines gesunden Lebensstils, der für viele junge Menschen, insbesondere Mädchen, attraktiv und erstrebenswert erscheint. Viele dieser “Influencer” sind jedoch keine qualifizierten Ernährungswissenschaftler, verbreiten aber Ratschläge ohne wissenschaftliche Grundlage. Dies kann bei anfälligen jungen Menschen zu falschen Vorstellungen von gesunder Ernährung führen und den Weg für Essstörungen ebnen. Die Bücher, Produkte und Lebensstile dieser Vorbilder inspirieren die Gedankenwelt junger Menschen, die glauben, für Erfolg vegan sein zu müssen oder auf jegliche “ungesunde” Lebensmittel verzichten zu müssen.

Orthorexia Nervosa: Die Schattenseite des gesunden Essens

Die psychische Störung Orthorexia Nervosa ist nicht als klinische Diagnose anerkannt, wird aber von Psychologen und Ernährungswissenschaftlern zunehmend beobachtet. Die gemeinnützige Organisation Beat, die sich mit Essstörungen befasst, meldet einen Anstieg von Anrufen bei ihrer Hotline, bei denen junge Menschen Probleme im Zusammenhang mit dem “Clean Eating”-Trend schildern.

Ursula Philpot, eine Diätassistentin bei der British Dietetic Association, bestätigt, dass eine Fixierung auf gesundes Essen in den letzten Jahren für anfällige Personen häufig der erste Schritt in Richtung einer Essstörung war. Besonders stark betroffen sind Mädchen, obwohl auch Jungen zunehmend darunter leiden. Die Liste der vermeintlich “schlechten” Lebensmittel wird immer länger und umfasst häufig Gluten und Milchprodukte. Manche junge Menschen entwickeln eine solche Angst vor bestimmten Lebensmitteln, dass sie den ganzen Tag über den Verzehr eines einfachen Kekses grübeln.

Die Essstörungs-Hilfsorganisation Beat äußert sich besorgt über den zunehmenden Trend des “Clean Eating” und dessen potenzielle Auswirkungen auf junge Menschen, die anfällig für die Entwicklung von Essstörungen sind. Die Ursachen von Essstörungen sind vielschichtig und komplex, wobei biologische, soziale und umweltbedingte Faktoren eine Rolle spielen.

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Der Weg zur Heilung: Entspannung und professionelle Hilfe

Deanne Jade, Gründerin des National Centre for Eating Disorders, berichtet von einer Verdopplung der Orthorexie-Fälle in den letzten fünf Jahren. Sie beobachtet, dass viele junge Menschen glauben, Essstörungen wie Bulimie oder Anorexie durch “Clean Eating” heilen zu können. Dies kann jedoch schnell zu einer Obsession werden, verstärkt durch den ständigen Druck in den Medien und insbesondere auf sozialen Plattformen, gesund auszusehen und zu leben.

Die Lösung liegt oft darin, die rigiden Vorstellungen vom “Clean Eating” zu lockern und einen entspannteren Umgang mit Nahrungsmitteln zu finden. Die Erkenntnis, dass Essstörungen ernsthafte psychische Erkrankungen sind, die professionelle Hilfe erfordern, ist entscheidend. Während Orthorexie Merkmale mit Zwangsstörungen (OCD) und Anorexie teilt, ist es für Kliniker wichtig zu erkennen, ob eine eigene klinische Diagnose sinnvoll ist, um einen klaren Behandlungsplan zu ermöglichen. Anorexie hat die höchste Sterblichkeitsrate aller psychischen Erkrankungen, was die Dringlichkeit einer angemessenen Behandlung unterstreicht.

Wenn Sie oder jemand, den Sie kennen, mit den Gefahren des “Clean Eating” kämpft, zögern Sie nicht, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Es ist wichtig, einen gesunden und ausgewogenen Lebensstil anzustreben, der Körper und Geist guttut, ohne in extreme und gesundheitsschädliche Verhaltensweisen abzurutgleiten.