Seit Jahrzehnten prägt ein Klischee die Wahrnehmung Deutschlands in Großbritannien: die Anspielung auf den Zweiten Weltkrieg und die Nazis. Selbstironisch nahmen die Briten dieses Thema jedoch zunehmend leichter, wie der Titel “Don’t mention the four!” der “Sun” nach dem WM-Spiel 2010 gegen England zeigte. Doch die aktuelle Kritik aus britischer Feder richtet sich weniger gegen die Vergangenheit als vielmehr gegen die “Ossis”, die Ostdeutschen. Dies spiegelt sich in James Hawes’ Bestseller “The Shortest History of Germany” wider, einem Buch, das die britischen Bestsellerlisten eroberte und nun auf Deutsch erscheint.
Merkels seltsamer Herbst und die Folgen
Hawes beginnt seine Darstellung mit einem Rückblick auf das Frühjahr 2015, als Bundeskanzlerin Angela Merkel weltweit beliebt war und Deutschland als Vorbild für Europa galt. Nur drei Jahre später, im Frühjahr 2018, hat sich die globale Stimmung gewandelt: Die Flüchtlingskrise, der Brexit, die Wahl Trumps und der Aufstieg des Rechtspopulismus haben auch Deutschland verändert. Hawes sieht die Ursache für diese Entwicklung in Angela Merkels “seltsamem Herbst” im September 2015. Er argumentiert, dass die kurzzeitige Aussetzung des Dubliner Abkommens und die Fotos der Kanzlerin mit Flüchtlingen dazu beitrugen, den Populismus in Form der AfD zu stärken. Obwohl Merkel vier Wahlen gewann, beschreibt Hawes sein Buch ursprünglich als harmlose Einführung in die deutsche Geschichte für seine Landsleute.
Ostelbien als roter Faden
Das zentrale Argument von James Hawes ist jedoch, dass die eigentlichen Probleme Deutschlands in “Ostelbien” liegen, dem Gebiet der ehemaligen DDR. Er beobachtet bereits vor dem Aufstieg der AfD eine “besorgniserregende und ernst zu nehmende Sehnsucht nach einem Deutschsein, das mit westlichen Werten und Bündnissen nichts zu tun hatte”. Dieses Gefühl wurzelt laut Hawes in einer zweitausendjährigen Geschichte, die er auf den geografischen Begriff “Ostelbien” reduziert. Dieses Gebiet, östlich der Elbe, war historisch von Kolonisten und Siedlern besiedelt, was laut Hawes zu einem tiefen Misstrauen gegenüber Fremdgruppen und einem Verlangen nach Einheit innerhalb der eigenen Gruppe führte. Diese Haltung, die er heute im Zulauf zur AfD wiedererkennt, sei keine genetische oder typisch deutsche Eigenschaft, sondern charakteristisch für unsichere Siedler in Kolonien.
Als Westdeutschland war Deutschland am besten: So lautet einer der Thesen von James Hawes
Eine “preußische Anomalie”
Auf knapp 300 Seiten nimmt Hawes die Leser mit auf eine rasante Reise durch 2000 Jahre deutscher Geschichte. Den Dreißigjährigen Krieg widmet er nur wenige Seiten, die DDR-Geschichte fasst er unter der provokanten Überschrift “Die DDR, oder die allerkürzeste Geschichte Ostelbiens” auf vier Seiten zusammen. Die deutsche Wiedervereinigung sieht er als “Rückkehr Ostelbiens”. Hawes’ These, dass die Elbe die “große Bruchlinie der deutschen Geschichte” darstellt und die Verhältnisse östlich des Flusses stets andere waren, wirft ein erfrischendes Licht auf die Debatte um den “deutschen Sonderweg”. Er bezeichnet die Jahre 1871 bis 1945 als “preußische Anomalie” für das Land zwischen Rhein, Elbe und Alpen, das sich von Staatsverehrung, puritanischem Eifer und Militarismus stets ferngehalten habe.
Karte der deutsche Ostkolonisation aus Putzgers Historischem Weltatlas
Besorgnis über die Zukunft
Für Hawes ist Ostelbien eine “preußische Verirrung” der deutschen Geschichte, die 1945 glücklicherweise ihr Ende fand. Doch die Sorge bleibt: “Nur wenige Deutsche verstanden 1990, dass sie in eine schon fast vergessene preußische Melodie einstimmten”, so Hawes. Sein Buch endet mit der ernsten Warnung, dass gravierende Folgen für Deutschland und darüber hinaus drohen, falls Parteien mit Schwerpunkt in Ostelbien die deutsche Politik erneut deformieren sollten. Hawes’ Blick auf Ostdeutschland ist wenig schmeichelhaft und wirft die Frage auf, wohin sich diese Region entwickeln soll.
James Hawes: Die kürzeste Geschichte Deutschlands. Propyläen, 336 S., 18 €.
