Zwischen 750 und 950 n. Chr. ereignete sich im südlichen Tiefland Mittelamerikas ein Phänomen, das Archäologen bis heute fasziniert: Der weitgehende Untergang der Maya-Kultur. Eine einst blühende Zivilisation, die von Copán bis zur mächtigen Stadt Calakmul reichte, verschwand innerhalb von rund 150 Jahren. Millionen von Menschen, die zuvor in dieser Region (heute Guatemala, Belize und Teile Südmexikos) lebten, verließen ihre Städte, und das Tiefland wurde entvölkert. Dieses Rätsel, ähnlich der Komplexität des Aufstiegs und Falls anderer alter Hochkulturen, wie der inka kultur, fordert Forscher heraus, die tieferen Ursachen dieses dramatischen Wandels zu verstehen.
Ursachenforschung: Bevölkerungsdruck und Umweltzerstörung
In den Jahrzehnten vor dem Maya-Kollaps hatte die Bevölkerungsdichte im Tiefland dramatisch zugenommen, was eine enorme Belastung für die Umwelt darstellte. Pollenanalysen aus mexikanischen Seen belegen eine massive Entwaldung und ausgelaugte Böden. Parallel dazu zeigen Sedimente aus dem Golf von Cariaco vor Venezuela, dass es um 810, 860 und 910 n. Chr. zu mehrjährigen Dürreperioden in Zentralamerika kam. Eine zentrale These besagt daher, dass diese extremen Dürren in Kombination mit der Zerstörung der natürlichen Ressourcen die Hauptgründe für den Untergang der Maya-Kultur waren.
Die wachsende Bevölkerung erforderte eine immer intensivere Landwirtschaft. Doch die dünnen tropischen Böden konnten eine derartige Nutzung nicht dauerhaft verkraften, was das gesamte System anfälliger für Naturkatastrophen und Pflanzenkrankheiten machte. Zu Beginn des 9. Jahrhunderts war das letzte verfügbare Ackerland bebaut und der Waldbestand stark reduziert. Die damaligen Herrscher, anstatt Lösungen für die knapper werdenden Ressourcen wie Trinkwasser, Holz und Palmstroh zu suchen, konzentrierten sich auf den Ausbau ihrer Paläste und den prunkvollen Versuch, ihre schwindende Autorität zu sichern.
Zweifel an einfachen Erklärungen
Diese scheinbar plausible Erklärung des Maya-Kollaps wird jedoch bei genauerer Betrachtung archäologischer Daten komplexer. Es zeigt sich, dass es keine einzelne, einfache Ursache für den Zusammenbruch der Maya im südlichen Tiefland geben kann. Die ersten Städte, die bereits im 8. und frühen 9. Jahrhundert verlassen wurden, waren beispielsweise Palenque, Dos Pilas, Piedras Negras und Yaxchilán. Bemerkenswerterweise lagen diese Zentren an Flüssen oder Seen und hatten somit stets Zugang zu Wasser, was gegen die These einer umfassenden großen Dürre als alleinigen Auslöser spricht. Darüber hinaus belegen Pollenanalysen aus der Umgebung von Dos Pilas, dass dort der Boden nicht großflächig zerstört und der Urwald sogar noch in weiten Teilen erhalten war.
Der zweistufige Untergang: Zerfall der Autorität vor dem Verlassen der Städte
Heute herrscht unter Forschern weitgehende Einigkeit, dass der Untergang der Maya-Zivilisation im südlichen Tiefland in zwei aufeinanderfolgenden Schritten erfolgte. Zuerst zerfiel die überlieferte soziale Ordnung und das System des Gottkönigtums. Dieser politische Kollaps, der als “Balkanisierung” bezeichnet wird, hatte seine Wurzeln bereits in der Blütezeit der Maya. Im späten 7. Jahrhundert wurde die mächtige Stadt Calakmul von Tikal erobert. Dem Sieger gelang es jedoch nicht, die zuvor von Calakmul beherrschten Kleinstaaten in sein eigenes Territorium zu integrieren. Die Folge war eine Zersplitterung des Tieflands in eine Vielzahl konkurrierender Herrschaften.
Diese gegenseitigen Kriege schwächten die Staaten erheblich, und kein einzelnes Reich war mehr mächtig genug, eine neue, stabile politische Ordnung zu etablieren. Das Königtum und damit die staatlichen Strukturen sowie die Infrastruktur lösten sich quasi selbst auf. In einer Epoche, in der die dichte Bevölkerung immer mehr Ressourcen einforderte, fehlte jedoch eine politische Macht, die in der Lage gewesen wäre, neue Formen der landwirtschaftlichen Produktion zu entwickeln und die notwendigen Arbeitskräfte für den Bau großer Wasserreservoire, Feldbauterrassen oder komplexer Bewässerungssysteme zu rekrutieren. Mit einer Verzögerung von 100 bis 200 Jahren nach dem politischen Zerfall folgte schließlich das Verlassen der organisations- und führerlosen Maya-Städte durch die einfache Bevölkerung. Nur in den Randbezirken des Tieflands und im Hochland von Guatemala konnte sich die Maya-Bevölkerung in bescheideneren Städten weiter halten.
Fazit: Ein komplexes Geflecht von Faktoren
Der Maya-Kollaps ist somit kein Ergebnis einer einzelnen Katastrophe, sondern ein komplexes Zusammenspiel aus ökologischen Belastungen, Bevölkerungswachstum und vor allem dem fundamentalen Zerfall der politischen Autorität. Die moderne Archäologie zeichnet ein differenziertes Bild, das die einfache Erklärung von Dürre oder Umweltzerstörung allein überwindet und die internen politischen Dynamiken als entscheidenden Faktor für den Zusammenbruch einer der faszinierendsten Zivilisationen der Geschichte hervorhebt. Es bleibt ein eindringliches Beispiel dafür, wie der Verlust zentraler Führung und staatlicher Strukturen selbst eine hochentwickelte Gesellschaft zum Verschwinden bringen kann.

