Es ist eine zutiefst menschliche Geste, einem hilflosen Wildvogel wie einer jungen Dohle beizustehen und sie mit viel Fürsorge von Hand aufzuziehen. Die Bindung, die dabei zwischen Mensch und Tier entsteht, ist oft stark und emotional. Doch so schwer es auch fallen mag: Für das Wohl des Tieres und seine Überlebensfähigkeit in der Natur ist die erfolgreiche Auswilderung von entscheidender Bedeutung. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Leitfaden, um handaufgezogenen Dohlen den Weg zurück in die Freiheit zu ebnen und ihnen ein artgerechtes Leben zu ermöglichen.
Warum die Auswilderung von Dohlen unverzichtbar ist
Dohlen (Corvus monedula) sind hochintelligente und soziale Rabenvögel. Ihre natürliche Umgebung ist die Wildnis, wo sie in Schwärmen leben, Nahrung suchen und sich fortpflanzen. Eine von Menschenhand aufgezogene Dohle entwickelt unweigerlich eine starke Prägung und Anhänglichkeit an ihre menschlichen Bezugspersonen. Diese Zahmheit, die für uns oft reizvoll erscheint, stellt jedoch ein immenses Risiko für das Tier dar, sobald es mit der freien Natur konfrontiert wird.
Eine Dohle, die keine natürliche Scheu vor Menschen hat, ist extrem gefährdet. Sie könnte sich hilfesuchend oder neugierig fremden Menschen nähern, was fatale Folgen haben kann. Nicht jeder Mensch hat ein Herz für Vögel; viele empfinden Rabenvögel als Plage oder haben sogar Angst vor ihnen. Handzahme Dohlen werden leider häufig Opfer von Attacken, sei es durch Erschlagen, Erschießen oder Vergiften, weil Menschen sich bedroht fühlen oder die Vögel einfach nicht tolerieren. In vielen Wildvogelstationen müssen zahme Vögel, die nicht mehr ausgewildert werden können, eingeschläfert werden, um ihnen ein qualvolleres Ende zu ersparen. Das Leben in menschlicher Obhut ist für gesunde Wildvögel keine artgerechte Existenz, sondern gleicht einem Gefängnis. Eine Dohle muss in Freiheit leben können, um glücklich zu sein.
Der Prozess der Entwöhnung und erfolgreichen Auswilderung
Die Entwöhnung einer handaufgezogenen Dohle und ihre schrittweise Wiedereingliederung in die Wildnis erfordert Konsequenz, Geduld und das Überwinden der eigenen emotionalen Bindung. Der Prozess beginnt, sobald der Vogel selbstständig fliegen und fressen kann.
Schritt 1: Die Außenvoliere als Übergangszuhause
Sobald die Dohle flugfähig und selbstständig in der Lage ist, Nahrung aufzunehmen, sollte sie in eine große Außenvoliere umziehen. Dieser Schritt ist entscheidend, damit der Vogel sich an natürliche Witterungsbedingungen, Geräusche und die Anwesenheit anderer Wildvögel gewöhnen kann.
Schritt 2: Reduzierung und Einstellung der Handfütterung
Die Handfütterung muss langsam, aber konsequent eingestellt werden. Anfangs mag der Vogel betteln und versuchen, die gewohnte Aufmerksamkeit zu bekommen. Doch es ist wichtig, diesem Bettelverhalten zu widerstehen. Spätestens nach einer Woche sollte die Fütterung ausschließlich aus einem Napf erfolgen. Der Vogel muss lernen, seine Nahrung eigenständig zu finden und nicht mehr von menschlicher Zuwendung abhängig zu sein.
Schritt 3: Aufbau einer gesunden Distanz zum Menschen
Dies ist vielleicht der schwierigste, aber wichtigste Teil: Die Dohle muss lernen, Menschen als potenzielle Gefahr wahrzunehmen und ihnen auszuweichen.
- Aktives Verjagen: Wenn die Dohle versucht, einen anzufliegen oder sich zu nähern, muss sie konsequent verjagt werden. Leichte, sanfte Wegschläge mit der Hand (niemals aggressiv oder verletzend!) signalisieren dem Vogel, dass Nähe unerwünscht ist.
- Scheuchen: Regelmäßiges, leichtes Scheuchen in der Voliere hilft, die natürliche Scheu zu entwickeln.
- Hektische Bewegungen: Bewegen Sie sich in der Voliere bewusst schnell und etwas unruhig. Vögel hassen Hektik und lernen schnell, Menschen, die sich so verhalten, aus dem Weg zu gehen.
Das Ziel ist, dass der Vogel intern folgende Reaktion entwickelt: “Uaaah, Hilfe, ein Mensch! Da muss ich schnell weg!” Diese Reaktion ist sein Überlebensinstinkt.
Schritt 4: Die Freilassung und das Loslassen
Sobald die Dohle die nötige Scheu vor Menschen entwickelt hat und in der Lage ist, sich selbst zu versorgen, ist der Zeitpunkt für die endgültige Freilassung gekommen. Die Tür der Voliere sollte geöffnet werden, sodass der Vogel selbst entscheiden kann, wann er die Freiheit erkundet. Nach der Freilassung ist es wichtig, auch die Fütterung komplett einzustellen. Der Vogel muss lernen, sich vollständig in die Wildnis zu integrieren und von seinem natürlichen Lebensraum zu leben. Es mag schwerfallen, aber das vollständige Loslassen ist der größte Liebesdienst, den Sie ihm erweisen können.
Rechtliche Aspekte der Wildvogelhaltung in Deutschland
Es ist zudem wichtig zu wissen, dass das Halten von Wildvögeln wie Dohlen in Deutschland rechtlich streng geregelt ist. Das Bundesnaturschutzgesetz (BNatSchG) verbietet grundsätzlich die Haltung von geschützten Wildtieren. Um eine Dohle dauerhaft zu halten, bräuchte man eine Ausnahmegenehmigung der unteren Naturschutzbehörde. Diese wird jedoch nur erteilt, wenn der Vogel aufgrund einer dauerhaften Behinderung oder Verletzung, die ein Überleben in der Wildnis unmöglich macht, nicht mehr ausgewilderungsfähig ist. Das Halten eines gesunden Wildvogels als Haustier ohne entsprechende Genehmigung stellt eine Straftat dar und kann mit hohen Bußgeldern belegt werden. Dies unterstreicht einmal mehr die Notwendigkeit und Gesetzmäßigkeit der Auswilderung.
Ein Leben in Freiheit: Das größte Geschenk
Der Prozess der Auswilderung ist eine Herausforderung, sowohl für den Vogel als auch für den Menschen. Doch glauben Sie uns, der Aufwand lohnt sich. Eine Dohle, die ihrer Art entsprechend in Freiheit leben kann, ohne den Bezug zum Menschen, ist eine glückliche Dohle. Sie wird in ihrem natürlichen Umfeld gedeihen, sich sozialisieren und vielleicht sogar selbst Nachwuchs großziehen. Das ist die wahre Bestimmung dieser faszinierenden Vögel. Geben Sie Ihrer Dohle die Chance auf ein erfülltes und artgerechtes Leben in der Wildnis – sie wird es Ihnen danken.
