Mythos Bildung: Warum unser Schulsystem soziale Ungleichheit verfestigt

Aladin El-Mafaalanis neues Buch „Mythos Bildung“ zu lesen, war für mich als Lehrer zunächst eine Herausforderung. Schon der Titel verdeutlicht: Wer glaubt, Bildung sei die Lösung all unserer gesellschaftlichen Probleme, irrt sich. El-Mafaalani schreibt provokativ: „Immer, wenn man nicht mehr weiterweiß, kommt Bildung ins Spiel. Sie ist Lückenfüller und Allheilmittel. Und das ist völlig absurd.“ Damit stellt der Bestsellerautor, bekannt durch sein Werk „Das Integrationsparadox“, scheinbar alles infrage, was mir in meinem Beruf Hoffnung gibt – nämlich, dass Bildung der Schlüssel zu einer erfolgreichen Zukunft für meine Schülerinnen und Schüler ist und letztlich die Gesellschaft zum Besseren verändern kann. Ja, das mag naiv klingen, aber ich glaube daran.

Die Lektüre von El-Mafaalanis Werk zwingt jedoch zur Reflexion. Er kritisiert nicht den Wert von Bildung an sich, sondern hinterfragt die Annahme, dass unser aktuelles Bildungssystem automatisch zu mehr Gerechtigkeit führt. Stattdessen beleuchtet er, wie es bestehende soziale Ungleichheiten sogar noch verstärken kann. Für ein tieferes Verständnis der Thematik empfehle ich den Besuch unseres Beitrags über mythos bildung.

Fortschritt ja, Gerechtigkeit nein: Die Bilanz der Bildungsoffensiven

El-Mafaalani räumt ein, dass diverse Bildungsoffensiven in Deutschland tatsächlich viel bewirkt haben. Während im Jahr 1960 noch fast 70 Prozent eines Jahrgangs die Hauptschule besuchten, sind es heute nur noch etwa zehn Prozent. Gleichzeitig ist der Anteil von Gymnasiasten von 16 Prozent auf über 40 Prozent gestiegen. Statistisch gesehen haben alle profitiert; die Bevölkerung ist im Durchschnitt gebildeter als früher. Doch El-Mafaalani betont, dass unser Bildungssystem deshalb nicht für Gerechtigkeit sorge – im Gegenteil. Wer alle gleich fördere, fördere die reichen Kinder mehr als die armen. Ihr Vorsprung werde immer größer.

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Widerlegt mein eigener Werdegang diese These nicht? Bildung hat für mich funktioniert. Vom Migrantenkind aus einem Problemviertel bin ich immerhin Lehrer für Migrantenkinder in einem Problemviertel geworden. Der gesellschaftliche Konsens, das Versprechen der Leistungsgesellschaft, dass sich Anstrengung lohnt, hat bei mir gegriffen. Doch El-Mafaalani bezeichnet Chancengleichheit und Leistungsgerechtigkeit zu Recht als Postulate: Sie würden zwar immer wieder gefordert und beschworen, fänden aber kaum Platz in unserer Gesellschaft.

Die unsichtbaren Kräfte: Ökonomisches, soziales und kulturelles Kapital

Zumindest auf den zweiten Blick greift El-Mafaalanis Kritik auch in meinem Fall. Zwar war ich in vielerlei Hinsicht benachteiligt, bin aber eben auch der Sohn eines Arztes und einer Mutter, die in Afghanistan einen Abitur-ähnlichen Schulabschluss gemacht hatte. El-Mafaalani verweist auf Studienergebnisse, die klarlegen, dass Armut und Bildungsferne Kindern mehr Nachteile bringen als ihr Migrationshintergrund. Obwohl ich also Deutsch erst als Zweitsprache lernte, mein Vater Erziehung manchmal mit Gewalt gleichsetzte und er mir nie ein Buch in die Hand drückte, hatten Bildungsabschlüsse in meiner Familie einen hohen Wert. Dass wir Kinder studieren sollten, war selbstverständlich. Meine Familie verstand den Wert von Bildung – und dass ich zum Lernen Zeit, Ruhe und manchmal auch Freizeit brauchte.

El-Mafaalani nennt drei Ressourcen, die es den Kindern erleichtern, in der Schule erfolgreich zu sein: das ökonomische, soziale und kulturelle Kapital. Ich wuchs in einem Viertel mit Gewalt- und Drogenkriminalität auf und lebte nach der Trennung meiner Eltern mit meiner voll berufstätigen Mutter und meinen zwei Schwestern in einer zu engen Wohnung. An ökonomischem und sozialem Kapital – gemeint sind hilfreiche Netzwerke – mangelte es also auch bei mir, aber immerhin über das sogenannte kulturelle Kapital verfügte ich. Dies zeigt, dass selbst bei ähnlichen Startbedingungen subtile Unterschiede in der familiären Ressourcenausstattung den Bildungsweg maßgeblich beeinflussen können.

Der Habitus: Eine verinnerlichte Grundhaltung und ihre Grenzen

An dieser Stelle wären wir im Buch beim zentralen Begriff angelangt: dem Habitus. Er ergibt sich daraus, wie arm oder reich, gebildet oder ungebildet die Eltern sind und wie ermutigt oder entmutigt ein Kind in seiner Umgebung wird. El-Mafaalani verwendet den Habitus-Begriff von Pierre Bourdieu und vereinfacht ihn zu einer „dauerhaft verinnerlichten Grundhaltung, die die Art und Weise prägt, wie Menschen ihre Umwelt, die Welt und sich selbst wahrnehmen, wie sie fühlen, denken und handeln.“ Dieser Habitus ist schwer wieder loszuwerden, weil er Sicherheit gibt. El-Mafaalani schreibt, es handele sich zwar nicht um „eingleisige Schienen“, sondern vielmehr um „Leitplanken“, die zwar Raum für Kreativität offenhalten, deren Grenzen aber nicht so einfach verschiebbar wären.

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Der Habitus manifestiert sich im Alltag der Schülerinnen und Schüler auf vielfältige Weise und beeinflusst ihre Lernmotivation, ihre Zukunftsperspektiven und ihre Interaktionen im schulischen Umfeld. Ein tiefergehender Einblick in die komplexen Zusammenhänge von Bildung, Gesellschaft und Zukunft bietet unser Beitrag über mythos bildung die ungerechte gesellschaft ihr bildungssystem und seine zukunft.

„Insolvenzverwalter des Alltags“: Wenn Bildung zum Luxus wird

Viele meiner Schülerinnen und Schüler sind in jeder Hinsicht benachteiligt. Wo ich gebildete Eltern und Großväter hatte, sind sie oft die ersten aus ihrer Familie, die das Abitur absolvieren, die ersten, die sich durch ein Studium beißen, und die ersten, die sich in Konkurrenz mit anderen Akademikern um Arbeitsplätze rangeln müssen. Ihre Eltern, selbst wenn sie die Bildungsaspiration ihrer Kinder gutheißen, können sie selten bei den Hausaufgaben oder finanziell unterstützen. In ihrer Schulzeit teilen sich viele der Schüler das Zimmer mit jüngeren Geschwistern und können sich zum Lernen nicht zurückziehen.

Sobald sie die Oberstufe besuchen, fühlen sich viele von ihnen verpflichtet, die Familienkasse aufzubessern. Wer aber jeden Tag in einem Fast-Food-Restaurant Tische abwischt, hat nur wenig Zeit zum Lernen und kommt am nächsten Tag müde in die Schule. El-Mafaalani nennt diese Kinder treffend „Insolvenzverwalter des Alltags“. Wie sollen sie langfristig planen, wenn sie sich aktuell dafür verantwortlich fühlen, dass die Eltern am Ende des Monats nicht zu tief in den Dispo rutschen? Diese Realität macht deutlich, dass Bildung nicht nur eine Frage des individuellen Willens ist, sondern stark von den materiellen und sozialen Rahmenbedingungen abhängt.

Zwischen Klassenräumen und Klima-Demos: Die Kluft der Apathie

Der Habitus erklärt auch, warum junge Menschen aus prekären Lebensverhältnissen vergleichsweise apolitisch sind. An unserer Schule hatten wir zum Beispiel neulich einen jungen Fridays-for-Future-Aktivisten aus einer anderen Schule zu Gast, der unseren Schülerinnen und Schülern erklärte, wie schädlich Fernreisen für das Klima seien und dass sie besser darauf verzichten sollten. Er wusste nicht, dass die meisten unserer Schüler ihre Ferien entweder ganz daheim verbringen oder zumindest nicht mit dem Flugzeug in den Urlaub fliegen. Ihre Eltern können sich das gar nicht leisten. Deswegen hatte ich das Gefühl, dass unsere Schüler nicht wirklich wussten, was sie mit der Mahnung anfangen sollten. Es gibt auch nur wenige, die freitags auf die Straße gehen. Diese Diskrepanz zeigt, wie gesellschaftliche Debatten und Forderungen an der Lebensrealität vieler junger Menschen vorbeigehen können, wenn die Grundbedürfnisse des Alltags im Vordergrund stehen.

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Fazit: Bildung als Hoffnung und Herausforderung

Aladin El-Mafaalanis Buch „Mythos Bildung“ ist eine wichtige und unbequeme Lektüre. Es widerlegt nicht den Wert von Bildung, sondern entlarvt die naive Vorstellung, dass Bildung allein alle gesellschaftlichen Probleme lösen oder gar Chancengleichheit garantieren könnte. Vielmehr zeigt es auf, wie tief verwurzelte soziale Ungleichheiten, manifestiert durch ökonomisches, soziales und kulturelles Kapital sowie den prägenden Habitus, das Bildungssystem durchdringen und die Zukunftschancen von Kindern maßgeblich beeinflussen. Für uns als Gesellschaft bedeutet dies, über bloße Bildungsoffensiven hinauszudenken und systemische Lösungen für Armut und soziale Benachteiligung zu finden, um wirklich jedem Kind eine faire Chance zu ermöglichen. Nur so können wir den „Mythos Bildung“ in eine gelebte Realität der Chancengerechtigkeit verwandeln.