Am 25. November 1953 betrat die englische Nationalmannschaft das altehrwürdige Wembley-Stadion mit einer Selbstsicherheit, die sich als ihre größte Schwäche erweisen sollte. Billy Wright, der englische Kapitän und einer der angesehensten Verteidiger Europas, bemerkte im Spielertunnel die leichten Schuhe der ungarischen Spieler und kommentierte süffisant gegenüber Stan Mortensen: “Wir sollten keine Probleme haben, sie sind ja noch nicht einmal richtig angezogen.” Was folgte, war nicht nur eine Niederlage, sondern eine taktische Lehrstunde, die die Fußballwelt für immer verändern sollte. Bereits nach 44 Sekunden erzielte Nándor Hidegkuti das 1:0 für Ungarn, und legte damit den Grundstein für das, was als das “Spiel des Jahrhunderts” in die Geschichte einging. Dieses Ereignis ist ein Meilenstein, der die Entwicklung des modernen Fußballs maßgeblich beeinflusste und in der wm titel liste der bedeutendsten Partien einen Ehrenplatz verdient.
Die Arroganz des Mutterlandes: England vor dem Spiel
Vor 70 Jahren war das Fußballverständnis auf der englischen Insel weit von den kontinentalen Entwicklungen entfernt – ein Umstand, den man sich aus Arroganz nie eingestehen wollte. Die englische Nationalmannschaft, stolz als das “Mutterland des Fußballs” gefeiert, hatte zu Hause noch nie gegen ein Team vom europäischen Festland verloren. Man hielt sich qua Geburtsrecht für die überlegene Macht im Weltfußball und die englischen Spieler für physisch und taktisch unschlagbar. Diese Überzeugung führte zu einer fatalen Selbstüberschätzung.
Währenddessen hatte die ungarische Nationalmannschaft, inspiriert von der schottischen Schule durch Jimmy Hogan und dessen Kurzpassspiel, eine beispiellose Serie hingelegt: 24 Spiele ungeschlagen, Olympiagold 1952 und europaweit gefeiert für ihr modernes, ja fast futuristisch anmutendes Spiel. Die Engländer hinterfragten diese Erfolge nicht; stattdessen dachten sie: Wir holen diese Mannschaft nach Wembley, wo uns niemand das Wasser reichen kann, und zeigen allen, wer hier wirklich die wahre Übermacht ist. Auch Ungarns Ausnahmespieler Ferenc Puskás wurde unterschätzt – man spottete über seine gedrungene Statur und seinen angeblich nur zum Stehen nötigen rechten Fuß. Diese Ignoranz resultierte aus mangelnder Ernsthaftigkeit in der Gegneranalyse, geboren aus der Gewissheit des eigenen Sieges. Die Engländer stilisierten das Freundschaftsspiel vor der WM 1954 zum “Spiel des Jahrhunderts” hoch, um ihren erwarteten Triumph besonders hervorzuheben.
Ungarns “Magische Magyaren”: Taktische Genialität entfaltet sich
Die englische Arroganz stachelte die “unbesiegbaren Ungarn” zu Höchstleistungen an. Bereits mit dem ersten Angriff gingen sie in Führung – durch Hidegkuti, einen Mittelstürmer, wie ihn England wohl noch nie gesehen hatte. Dieser schlaksige Mann trug zwar die Nummer 9 auf dem Rücken, doch das war auch schon alles, was er mit einem typisch englischen Mittelstürmer gemein hatte. Ihm fehlte nicht nur die bullige Statur, vor allem aber spielte Hidegkuti nicht so, wie die Three Lions es erwarteten.
Die englische Auffassung sah in einer Zeit, in der das sogenannte WM-System (eine 3-2-2-3-Formation) vorherrschte, das strikte Einhalten von Positionen vor. Rückennummern signalisierten, welcher Spieler welche Position innehatte, und jeder wusste, welchen Gegenspieler er zu bewachen hatte. Doch die “Magischen Magyaren” weigerten sich, sich an solche Gegebenheiten zu halten. Ihr fortschrittliches Denken zeigte sich auch darin, dass sie viele ihrer besten Spieler im Militärklub Honvéd Budapest zusammenführten, um sie perfekt einzuspielen und militärisch fit zu machen. In England hingegen durfte Trainer Walter Winterbottom nicht einmal seine eigene Aufstellung bestimmen – dafür war ein Komitee der FA zuständig, das wenig Wert auf Eingespieltheit und noch weniger auf taktische Entwicklungen auf dem Kontinent legte. Die Engländer blieben bei ihrem Motto: “Wir schauen nur auf uns.”
Die Kapitäne Puskas und Wright führen ihre Mannschaften auf den Platz
Revolution auf dem Feld: Vom WM-System zur fluiden Taktik
Dass die Ungarn den Engländern meilenweit voraus waren, zeigte sich quasi mit dem Anpfiff. Ungarns Angreifer waren dynamischer, rochierten geschmeidig und täuschten teilweise vor, jemand anderes zu sein. Hidegkuti spielte das, was heute “falsche Neun” genannt wird, und zog seinen Bewacher Harry Johnston ständig aus dem Abwehrzentrum. Dort entstanden Lücken, in welche die nominellen Halbstürmer Puskás und Sándor Kocsis gnadenlos hineinstießen. Sie waren es, die tatsächlich ganz vorne stürmten. Hidegkuti machte dahinter das Spiel und bekam alle Zeit der Welt, weil sich Johnston irgendwann nicht mehr traute, seinem Gegenspieler zu folgen. Solche taktischen Finessen haben die dfb länderspiele 2022 und moderne Fußballstrategien nachhaltig geprägt.
Ihre kreuzenden Laufwege verschafften Ungarns teilweise pressenden Offensivspielern oft einen völlig freigezogenen rechten Flügel und dort zahlreiche Durchbrüche. In der Defensive stabilisierte sich nach anfänglichen Schwierigkeiten das Konzept einer raumdeckenden Viererkette. Jozsef Bozsik, der eigentliche Spielmacher im Mittelfeld, und Jozsef Zakarias, der tiefer agierte, orientierten sich so unterschiedlich, dass sie realtaktisch selten der gleichen Linie angehörten. Daraus entstand manchmal eine Art 4-2-4, dessen Einführung auf der großen Bühne meist den brasilianischen Weltmeistern von 1958 zugeschrieben wird. Gegen den völlig ausrechenbaren englischen Fußball entstanden unzählige Überzahlsituationen, die entscheidend waren.
Das historische Ergebnis: Mehr als nur ein 6:3
Obwohl Jackie Sewell nach Ungarns Blitzstart der schnelle Ausgleich gelang und England insgesamt drei Tore erzielte, war die physische und taktische Überlegenheit der Gäste so eklatant, dass sie ihr Spiel nur bis zur 27. Minute, als Puskás das 4:1 erzielte, und noch mal kurz nach der Pause wirklich durchziehen mussten, um am Ende mit 6:3 zu gewinnen. Das Ergebnis war für die Three Lions sogar noch schmeichelhaft und wäre mit großer Wahrscheinlichkeit zweistellig ausgefallen, wenn die zufriedenen Ungarn nicht so früh schon Gnade vor Recht hätten ergehen lassen. Puskás und Hidegkuti zeigten eine meisterhafte Leistung, die selbst die größten Spieler in der wm torschützenliste anerkennen würden.
Wahrscheinlich kapierten die Engländer auch das nicht, jedenfalls reisten sie am 23. Mai 1954 nach Budapest, um sich für die Schmach zu revanchieren. Diesmal gewann Ungarn sogar 7:1. Diese Spiele haben die Fußballgeschichte nachhaltig beeinflusst und zeigen, wie wichtig taktische Innovation ist, die auch im heutigen wm 2022 turnierbaum oder im wm 2006 spielplan eine entscheidende Rolle spielt.
Fazit:
Das Duell England Gegen Ungarn 1953 in Wembley war weit mehr als nur ein Freundschaftsspiel; es war eine Lehrstunde in Sachen Taktik und eine Demontage alter Hierarchien im Weltfußball. Englands Arroganz und Festhalten an überholten Systemen kollidierten mit Ungarns taktischer Brillanz und innovativer Spielweise. Die “Magischen Magyaren” zeigten der Welt, dass Fußball mehr ist als nur körperliche Überlegenheit und feste Positionen. Sie legten den Grundstein für moderne Konzepte wie die “falsche Neun” und fluide Spielsysteme, die bis heute Bestand haben. Für jeden, der sich für die Evolution des Fußballs interessiert, ist dieses Spiel ein Muss, das verdeutlicht, wie Innovation und Bescheidenheit den Weg zum Erfolg ebnen können. Lassen Sie sich von solchen historischen Momenten inspirieren und entdecken Sie die faszinierende Welt des Fußballs!
