Die Ertebølle-Kultur und die Geheimnisse der Køkkenmøddinger: Ein Blick in Dänemarks Steinzeit

Am Ende des 19. Jahrhunderts stand die Forschung vor einem Rätsel: Entlang der Nordostküste Dänemarks entdeckte man gewaltige Muschelhaufen, deren Ursprung und Bedeutung weitgehend unbekannt waren. Während einige dieser Ansammlungen bereits von Archäologen untersucht worden waren, fehlte es an umfassendem Wissen über ihre Herkunft. Es wurde jedoch schnell klar, dass es sich um Ablagerungen von Speiseresten und Abfällen handelte, was ihnen den Namen „Køkkenmøddinger“ verlieh – wörtlich übersetzt „Küchenabfallhaufen“. Diese Erkenntnis legte den Grundstein für eine bahnbrechende archäologische Entdeckung, die das Verständnis der europäischen Steinzeit revolutionieren sollte.

Die Entdeckung der Ertebølle-Kultur: Ein Fenster in die Steinzeit

Angesichts der Bedeutung dieser Funde beschloss man, an einem der größten bekannten Køkkenmøddinger, nahe dem Ort Ertebølle, umfangreiche archäologische Ausgrabungen durchzuführen. Zwischen 1893 und 1897 arbeiteten Archäologen Hand in Hand mit Zoologen, um die Schichten dieses riesigen Abfallhaufens zu erforschen. Die Ergebnisse waren schlichtweg überwältigend. Es gelang, eine bisher völlig unbekannte Kultur im dänischen Raum zu datieren und detailliert zu beschreiben – die Ertebølle-Kultur, benannt nach ihrem Hauptfundort.

Die Ertebølle-Kultur repräsentiert eine faszinierende Phase des Übergangs vom Mesolithikum (Mittelsteinzeit) zum Neolithikum (Jungsteinzeit), etwa zwischen 5400 und 3900 v. Chr. Diese Menschen waren spezialisierte Jäger und Sammler, die sich primär von den Ressourcen des Meeres und der Küstenregionen ernährten. Die Entdeckung des Køkkenmøddings von Ertebølle lieferte unschätzbare Einblicke in ihre Lebensweise, ihre Ernährungsgewohnheiten, ihre Werkzeuge und ihre Anpassung an die küstennahe Umwelt. Die „Abfallhaufen“ entpuppten sich als reiche Archive prähistorischen Lebens.

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Das Køkkenmødding von Ertebølle: Ein Archiv prähistorischen Lebens

Das Køkkenmødding von Ertebølle war ursprünglich eine beeindruckende Struktur: 140 Meter lang, 20 Meter breit und bis zu 2 Meter tief. Es entstand über einen Zeitraum von rund 1000 Jahren, in dem die Menschen der Ertebølle-Kultur nach jedem Besuch dieses Lagerplatzes Muschelschalen, Essensreste, Tierknochen und andere Abfälle hinterließen. Doch neuere Untersuchungen zeigten, dass das Køkkenmødding nicht nur als Müllhalde diente, sondern auch aktiv als Aufenthaltsort genutzt wurde. Die erhöhte Lage bot möglicherweise Schutz vor Wind und Wetter und schuf eine trockene Plattform für alltägliche Aktivitäten.

Die Zusammensetzung des Køkkenmøddings ist ein Spiegel der damaligen Ernährungsweise: Etwa 80% bestehen aus Austernschalen, ergänzt durch Miesmuscheln, Herzmuscheln und Strandschnecken. Interessanterweise dominieren in den jüngsten Schichten des Haufens die Miesmuscheln. Diese Veränderung deutet auf mögliche Umweltveränderungen, Überfischung der Austernbestände oder eine Anpassung der Ernährungsgewohnheiten hin. Die Zusammensetzung der Muscheln und die Dominanz der Miesmuschel in jüngeren Schichten ist ein Muster, das sich in nahezu allen dänischen Køkkenmøddinger-Funden wiederfindet und wichtige Erkenntnisse über die Umweltgeschichte und die menschliche Interaktion mit ihr liefert.

Archäologische Bedeutung und wissenschaftliche Erkenntnisse

Die Køkkenmøddinger sind für die Archäologie von immenser Bedeutung, da sie organische Materialien hervorragend konservieren. In den kalkreichen Muschelschichten bleiben Knochen, pflanzliche Reste und sogar Holzwerkzeuge oft über Jahrtausende erhalten, was an anderen Standorten selten der Fall ist. Die Ausgrabungen in Ertebølle enthüllten nicht nur detaillierte Informationen über die Ernährung – wie die präzise Identifizierung von Fisch-, Vogel- und Säugetierresten – sondern auch über die Jagd- und Fischfangmethoden der Ertebølle-Menschen. Funde von harpunenartigen Geräten aus Knochen, Angelhaken und Keramikgefäßen, die zu den ältesten Nordeuropas gehören, zeugen von einer hochentwickelten Kultur, die sich meisterhaft an ihr küstennahes Umfeld angepasst hatte. Die „überwältigenden Ergebnisse“ lieferten ein präzises Bild der saisonalen Nutzung des Küstenraums und der engen Verbindung zwischen Mensch und Natur in der späten Steinzeit.

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Die Ertebølle-Kultur heute erleben: Ein Wegweiser in die Urgeschichte

Obwohl das Køkkenmødding selbst gut geschützt im Boden liegt, zählt es zu den bedeutendsten kulturhistorischen Funden des gesamten Landes Dänemark. Um dieses Erbe für Besucher zugänglich und verständlich zu machen, wurden neue Informationsschilder installiert, die den Weg vom Parkplatz des lokalen Steinzeitaltermuseums bis zum Køkkenmødding weisen. Auf einem knapp 1 Kilometer langen Spaziergang entlang eines Feldweges, der durch die malerische Landschaft führt, erfahren Besucher Wissenswertes über die Geschichte der Steinzeit und die Ertebølle-Kultur.

Diese neue Beschilderung ist Teil des ehrgeizigen Projekts „Dänemarks Altertum in der Landschaft“, das sich zum Ziel gesetzt hat, die kulturhistorischen Stätten der Vorzeit wieder stärker in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken. Es soll diese einzigartigen Orte zugänglich machen und ihre spannenden Geschichten basierend auf den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen erzählen. Ein Besuch des Køkkenmøddings von Ertebølle bietet nicht nur die Möglichkeit, in eine vergangene Welt einzutauchen, sondern auch die Schönheit der dänischen Natur zu genießen und die tiefe Verbindung zwischen Archäologie, Landschaft und Geschichte hautnah zu erleben. Planen Sie Ihren Ausflug und entdecken Sie dieses faszinierende Zeugnis der Steinzeit!