Rassismus im deutschen Fußball: Erwin Kosteddes Vermächtnis und die Realität heute

Erwin Kostedde 1975

Der deutsche Fußball hat sich in den letzten Jahrzehnten erheblich verändert. Was im Jahr 2006 mit Gerald Asamoah als erstem in Afrika geborenen Deutschen bei einer Weltmeisterschaft begann und 2014 mit Jerome Boateng als erstem schwarzen Deutschen, der eine Weltmeisterschaft gewann, seinen Höhepunkt fand, ist heute Normalität. Eine deutsche Nationalmannschaft ohne Spieler wie Serge Gnabry, Antonio Rüdiger, Thilo Kehrer oder Leroy Sané ist kaum noch vorstellbar. Diese Entwicklung zeigt einen sichtbaren Fortschritt in Richtung Diversität.

Doch blickt man zurück auf den 22. Dezember 1974, als Erwin Kostedde als erster schwarzer Deutscher in der Nationalmannschaft auflief, wird deutlich, welch langer Weg bis dahin zurückgelegt wurde. Kostedde, der am 21. Mai seinen 75. Geburtstag feierte, sprach im vergangenen Oktober mit der DW über die Veränderungen, die er miterlebt hat. Er äußerte sich erstaunt über die heutige Präsenz schwarzer Spieler im Nationalteam: „Ich hätte nie gedacht, dass so etwas passieren würde. Die schwarzen Spieler haben alle so viel Selbstvertrauen. Ich hätte mir nie vorstellen können, so selbstbewusst zu sein, als ich spielte.“ Seine Worte legen den Grundstein für eine tiefere Betrachtung des Themas Rassismus im deutschen Fußball, gestern und heute.

Erwin Kostedde: Ein Wegbereiter im deutschen Fußball

Erwin Kostedde wurde 1946 in Münster als Sohn einer deutschen Mutter und eines abwesenden amerikanischen GIs geboren. Er sollte später die „Farbsperre“ im deutschen Fußball durchbrechen und als erster schwarzer Spieler Geschichte schreiben. Er war ein äußerst produktiver Stürmer, der für Vereine wie Preußen Münster, MSV Duisburg, Kickers Offenbach, Hertha BSC, Borussia Dortmund und Werder Bremen spielte. In seiner Karriere, die auch zwei Stationen bei Standard Lüttich in Belgien umfasste, erzielte Kostedde insgesamt 255 Tore. Seine sportlichen Leistungen waren unbestreitbar, doch sein Weg in die Nationalmannschaft war von einzigartigen Herausforderungen geprägt, die weit über das Spielfeld hinausgingen.

Weiterlesen >>  Chris Richards: Bayerns vielseitiger Verteidiger und die Lewandowski-Lektionen

Allein auf dem Platz: Kosteddes Kampf gegen Vorurteile

Für Deutschland erzielte Kostedde in seinen lediglich drei Einsätzen kein Tor. Dies ist vielleicht nicht überraschend, da er in ein Umfeld geriet, das er als explizit rassistisch in Erinnerung hat. „Als schwarzer Mann für Deutschland zu spielen, war eine Sensation in der Presse, alle Augen waren auf Erwin Kostedde gerichtet!“, erinnerte er sich. „Aber ich war allein, ich war wirklich allein.“

Kostedde beschrieb, wie er unter Druck gesetzt wurde, Westdeutschland in einem positiven Licht darzustellen, insbesondere aus der Perspektive eines schwarzen Deutschen. „Ich gab Interviews, und [Bundestrainer] Helmut Schön sagte mir, ich solle sagen, dass es in Deutschland keinen Rassismus gibt. Aber es war nicht wahr! Ich sagte ihnen, dass es Rassismus gab, und er wurde wütend auf mich.“ Dieser Druck manifestierte sich auch auf dem Spielfeld. „Ich musste besser sein als meine weißen Teamkollegen. Wenn ich einen Fehler machte, war es zwei-, dreimal schlimmer“, sagte er. „Ich konnte meine Fähigkeiten nicht zeigen, mein Spiel nicht spielen, ich dachte immer darüber nach.“ Auch in der Umkleidekabine fühlte sich Kostedde nie ganz wohl: „Nicht jeder mochte mich. Das konnte ich spüren. Einige sprachen überhaupt nicht mit mir. Und ich konnte am Verhalten einiger spüren, dass sie Rassisten waren.“

Erwin Kostedde 1975Erwin Kostedde 1975

Franz Beckenbauers Unterstützung: Ein Lichtblick in dunkler Zeit

Erwin Kostedde nannte die deutsche Fußballlegende Franz Beckenbauer als eine bemerkenswerte Ausnahme von der Regel. Die beiden waren in den 1970er Jahren in der Bundesliga bekannte Gegner. Kostedde und Kickers Offenbach fügten Beckenbauer und Bayern München damals die zweitschlechteste Niederlage in der Vereinsgeschichte zu – ein 6:0 am Eröffnungstag der Saison 1974/75, in dem Kostedde zwei Tore erzielte.

Weiterlesen >>  Der Klassiker Live auf ESPN+: Bayern München trifft auf Borussia Dortmund

Doch Kostedde sagte, er habe dem „Kaiser“ seine zweite Länderspielteilnahme zu verdanken, ein Freundschaftsspiel gegen England im Wembley-Stadion im März 1975. „Helmut Schön wollte mich in England nicht spielen lassen, aber Beckenbauer bestand darauf – und ich spielte im Wembley. Beckenbauer hat das möglich gemacht. Ohne ihn hätte ich nicht gespielt“, sagte Kostedde nickend. Solche Momente der Unterstützung waren rar und zeigten, wie Einzelpersonen einen Unterschied machen konnten, selbst in einem von Vorurteilen geprägten Umfeld.

Rassismus im Profifußball: Ein andauerndes Problem

Als Erwin Kostedde in den 1970er Jahren spielte, war er regelmäßig Ziel rassistischer Beschimpfungen. Und obwohl rassistische Beleidigungen heute in Deutschland nicht mehr so häufig gegen schwarze Spieler gerichtet werden, geschieht es immer noch. So wurde beispielsweise Jordan Torunarigha von Hertha Berlin im Jahr 2019 während eines DFB-Pokalspiels von Fans angegriffen, ebenso wie Leroy Sané und Ilkay Gündogan, als sie im selben Jahr Deutschland in Wolfsburg vertraten. Solche Vorfälle zeigen, dass die Arbeit gegen Diskriminierung im Fußball noch lange nicht abgeschlossen ist. Trotz ihrer Talente und Erfolge für Verein und Land ist Kostedde der Überzeugung, dass schwarze Spieler immer noch nicht auf Augenhöhe mit ihren weißen Kollegen stehen. „Es ist großartig, so viele schwarze Deutsche spielen zu sehen, aber sie werden hier in Deutschland immer die zweite Wahl sein, und schauen Sie, was passiert, wenn sie einmal einen Fehler machen.“ Diese ernüchternde Einschätzung des Pioniers mahnt zur Wachsamkeit und einem anhaltenden Engagement für Gleichberechtigung im Sport. Die jüngsten [spielergebnisse wm 2022](https://shocknaue.com/spielergebnisse-wm-2022/) oder die Erfolge im [deutschland fußball frauen](https://shocknaue.com/deutschland-fussball-frauen/) Bereich verdeutlichen zwar die Fortschritte im deutschen Fußball insgesamt, doch die individuellen Erfahrungen von Spielern wie Kostedde dürfen nicht in Vergessenheit geraten.

Erwin Kostedde in Aktion für Borussia Dortmund im Jahr 1977, wo er in 48 Spielen 18 Tore für den BVB erzielteErwin Kostedde in Aktion für Borussia Dortmund im Jahr 1977, wo er in 48 Spielen 18 Tore für den BVB erzielte

Das Gefühl des Außenseiters: Ein Leben abseits des Rampenlichts

Kostedde hält sich heute vom Fußball fern und zieht die Ruhe seines Ruhestands vor. Doch der 75-Jährige sagt, er fühle sich immer noch wie ein Außenseiter in seinem eigenen Land.

Weiterlesen >>  Deutschland Entdecken: Eine Unvergessliche Reise durch Geschichte und Kultur

Im Jahr 1990 wurde er fälschlicherweise eines bewaffneten Raubüberfalls in Münster beschuldigt und für sechs Monate inhaftiert, nachdem er von einem Zeugen in einer Einzel-Gegenüberstellung bei der Polizei identifiziert worden war. „Wir dachten nicht, dass es möglich wäre, fünf weitere schwarze Menschen in der Gegend zu finden“, sagte die örtliche Polizei. Nachdem er schließlich freigesprochen und entlassen worden war, erhielt er 3.000 Mark (heute weniger als 1.500 Euro oder 1.760 US-Dollar) Entschädigung, aber der Schaden war angerichtet und Kosteddes Selbstvertrauen zerstört.

„80% der Deutschen sind tolle Menschen, aber 20% wollen Menschen wie mir nichts Gutes“, sagt er mit Überzeugung. „Ich spüre es, wenn ich in der Stadt unterwegs bin, ich bin nicht willkommen. Es ist dasselbe, wie es immer war.“ Diese persönlichen Erfahrungen, die weit über den Sport hinausgehen, zeigen die tief verwurzelten Herausforderungen, mit denen Menschen wie Erwin Kostedde in Deutschland konfrontiert waren und teilweise immer noch sind.

Fazit: Ein Ruf nach anhaltender Wachsamkeit

Erwin Kosteddes Geschichte ist ein bewegendes Zeugnis des Wandels und der Herausforderungen im deutschen Fußball und in der Gesellschaft. Von seiner Rolle als Pionier, der die Farbbarriere durchbrach, bis hin zu seinen anhaltenden Gefühlen des Außenseiters und seiner Skepsis gegenüber dem Fortschritt, erinnert uns Kosteddes Weg daran, dass die sichtbare Diversität auf dem Spielfeld nur ein Teil der Gleichung ist. Sein Vermächtnis ist ein Ruf nach anhaltender Wachsamkeit und einem unermüdlichen Einsatz gegen Rassismus, nicht nur im Sport, sondern in allen Facetten des Lebens. Es ist unerlässlich, seinen Erfahrungen zuzuhören und daraus zu lernen, um eine wirklich inklusive Gesellschaft und einen Fußball zu schaffen, in dem jeder Spieler, unabhängig von seiner Herkunft, vollständig akzeptiert und gleich behandelt wird.