Finnland wird oft als Land mit dem besten Schulsystem der Welt bezeichnet. Doch was macht es so besonders und was könnten wir in Deutschland davon lernen? Dieser Artikel wirft einen Blick auf die Erfolgsfaktoren des finnischen Bildungssystems und untersucht mögliche Anknüpfungspunkte für Deutschland.
Das finnische Erfolgsmodell: Ein Mehrkomponenten-Ansatz
Es gibt kein einfaches Geheimrezept für den Erfolg des finnischen Schulsystems. Vielmehr ist es eine Kombination aus verschiedenen Faktoren, die zusammenwirken. Ein zentraler Aspekt ist die gesellschaftliche Einstellung zur Bildung: Sie wird als ein hoher Wert betrachtet, als essenziell und vor allem als für alle zugänglich. Darüber hinaus genießt der Lehrerberuf in Finnland eine höhere Wertschätzung als in Deutschland. Doch welche spezifischen Merkmale zeichnen das finnische System aus?
Einheitliche Schule und späte Selektion
Ein prägendes Merkmal ist, dass finnische Schülerinnen und Schüler von der ersten bis zur neunten Klasse gemeinsam unterrichtet werden. Eine Aufteilung in verschiedene Schulformen, wie sie in Deutschland bereits im Alter von 10 Jahren erfolgt, findet erst mit etwa 15 Jahren statt. Diese späte Selektion ist laut der finnischen Schulentwicklungsforscherin Marja Martikainen von großer Bedeutung. In dieser entscheidenden Altersphase durchlaufen Kinder und Jugendliche signifikante Entwicklungsschübe. Mit 15 Jahren haben sie oft eine klarere Vorstellung von ihrer Identität, ihren Wünschen und Stärken. Dies gibt den Schülerinnen und Schülern mehr Zeit, sich zu entfalten und zu wachsen, da eine leistungsbasierte Differenzierung erst deutlich später einsetzt. Zusätzlich werden die Schülerinnen und Schüler zwischen der 7. und 9. Klasse durch eine individuelle Berufs- und Studienberatung begleitet.
Gemeinsames Lernen als Schlüssel zur Chancengleichheit
Das Konzept des gemeinsamen Lernens in finnischen Schulen trägt maßgeblich zur Reduzierung des Einflusses der sozialen Herkunft bei und fördert die Chancengleichheit. Da alle Schülerinnen und Schüler bis zur neunten Klasse dieselbe Schule besuchen, lernen leistungsstarke und leistungsschwächere Kinder länger gemeinsam und können sich gegenseitig unterstützen. Durch den gezielten Einsatz von multiprofessionellen Teams, bestehend aus beispielsweise Sonderpädagogen und Schulpsychologen, erhalten leistungsschwächere Schülerinnen und Schüler individuelle Förderung. Gleichzeitig werden leistungsstarke Schülerinnen und Schüler nicht durch langsamere Mitschülerinnen und Mitschüler ausgebremst. Unterstützt wird dies durch flexible Schulbücher, die neben grundlegenden Aufgaben auch weiterführende Übungen anbieten.
Unterrichtsfokus auf Kernkompetenzen
Der finnische Lehrplan konzentriert sich auf sieben Kernkompetenzen, die das Fundament des Lernens bilden:
- Lernen lernen: Die Fähigkeit, Lernprozesse selbstständig zu gestalten und zu optimieren.
- Kulturelle Bildung: Interaktion und Ausdruck: Kulturelles Verständnis und Ausdrucksfähigkeit.
- Auf sich selbst achten: Alltagskompetenzen und Sicherheit: Entwicklung von Lebenskompetenzen und Sicherheitsbewusstsein.
- Multiliteralität, Lesekompetenz: Umfassende Lese- und Medienkompetenz.
- ICT-Kompetenz: digitale Kompetenzen: Beherrschung digitaler Werkzeuge und Medien.
- Kompetenzen fürs Arbeitsleben & Entrepreneurship: Vorbereitung auf die Arbeitswelt und unternehmerisches Denken.
- Beteiligung, Einfluss und Verantwortung für eine nachhaltige Zukunft: Aktive Teilhabe und Verantwortung für eine nachhaltige Gesellschaft.
Der von Finnlands Kultusministerium festgelegte Rahmen gibt die Richtung vor, innerhalb derer sich jede Schule frei entfalten kann. Die konkrete Umsetzung dieser Kompetenzen liegt in der Verantwortung der Lehrkräfte. Diese Methodenfreiheit ermöglicht es den Lehrenden, ihren Unterricht kreativ und bedarfsgerecht zu gestalten. Insbesondere die erste Kernkompetenz – das “Lernen lernen” – wird von Forscherin Martikainen als entscheidend hervorgehoben. Sie fördert die Selbstständigkeit der Jugendlichen und macht sie zu aktiven Gestaltern ihres eigenen Lebens.
Wesentliche Unterschiede zum deutschen Schulsystem
- Einheitliche Schule für alle Schülerinnen und Schüler von der ersten bis zur neunten Klasse.
- Deutlich spätere Selektion und Differenzierung im Vergleich zu Deutschland.
- Umfassende Berufs- und Studienberatung bereits zwischen der 7. und 9. Klasse.
- Ein starker Fokus auf “Lebenskompetenzen” als integraler Bestandteil des Lehrplans.
- Großer Gestaltungsspielraum und Methodenfreiheit für Lehrkräfte.
- Einsatz von multiprofessionellen Teams zur individuellen Förderung.
- Schulnoten werden erst ab der 5. Klasse vergeben; davor dominieren verbale Beurteilungen.
Fazit: Finnische Bildung als Vorbild?
Das finnische Schulsystem setzt konsequent auf Chancengleichheit und gemeinsames Lernen, indem Schülerinnen und Schüler bis zur neunten Klasse zusammen unterrichtet werden. Die spätere Selektion und die individuelle Entwicklungsbegleitung fördern die Selbstfindung und die Erkennung eigener Stärken. Durch die Fokussierung auf Kernkompetenzen werden die Lernenden zu selbstständigem Denken und Handeln angeleitet. Finnland demonstriert eindrucksvoll, wie eine ganzheitliche und individuelle Bildung, die allen Schülerinnen und Schülern gerecht wird, erfolgreich umgesetzt werden kann. Deutschland könnte von diesem Modell lernen, insbesondere im Hinblick auf Chancengleichheit und die Förderung von Selbstständigkeit bei jungen Menschen.
