Bildungs- und Lerngeschichten: Den Lernweg von Kindern verstehen und fördern

Bildungs- und Lerngeschichten sind mehr als nur Notizen; sie sind ein tiefgreifender Ansatz, um die individuellen Lernprozesse von Kindern in Kindertageseinrichtungen zu erfassen und wertzuschätzen. Diese Geschichten, oft in Form von Briefen oder Erzählungen verfasst, basieren auf aufmerksamen Beobachtungen des kindlichen Handelns und werden durch die Analyse anhand von fünf zentralen Lerndispositionen bereichert. Sie werden sorgfältig für jedes Kind erstellt und im Portfolio aufbewahrt, um die Lernreise sichtbar zu machen. Durch die Einbindung von Fotos aus den Lernsituationen werden diese Geschichten lebendig und ansprechend, was Kindern die Möglichkeit gibt, ihre eigenen Erfahrungen zu reflektieren und zu diskutieren. mehr über lerngeschichten kita

Dieser Ansatz stellt die einzigartigen Bildungs- und Lernwege eines jeden Kindes in den Mittelpunkt. Das übergeordnete Ziel ist es, diese Wege zu verstehen, Kinder aktiv zu unterstützen und ihnen eine wirkungsvolle Partizipation am eigenen Lernprozess zu ermöglichen.

Die Bedeutung von Bildungs- und Lerngeschichten im Kita-Alltag

Die Dokumentation durch Bildungs- und Lerngeschichten dient nicht nur der pädagogischen Praxis, sondern schafft auch eine wertvolle Brücke für Eltern. Durch den intensiven Austausch mit den Fachkräften erhalten sie tiefe Einblicke in die Entwicklung ihres Kindes während der Zeit in der Kindertageseinrichtung. Auch innerhalb des pädagogischen Teams fördern diese Geschichten den Austausch und die gemeinsame Entwicklung individueller Förderpläne, um jedes Kind bestmöglich zu unterstützen.

Die Kernziele dieses Ansatzes umfassen die Förderung von:

  • Zugehörigkeit
  • Wohlbefinden
  • Exploration
  • Kommunikation
  • Partizipation

Im Zentrum steht dabei ein ganzheitliches Lernverständnis, das soziale, emotionale und kognitive Aspekte integriert. Die wechselseitige Beziehung zwischen dem lernenden Kind und der Lerngelegenheit ist ebenso zentral wie die Gestaltung der Lernumgebung – sei es durch Dinge, andere Kinder oder Erwachsene. Es geht nicht primär um den Erwerb isolierter Fertigkeiten, sondern um die Entwicklung der fünf grundlegenden Lerndispositionen. Kinder sollen sich als kompetente, selbstbewusste Lernende und Kommunizierende erfahren, die sich mit ihrer Umwelt verbunden fühlen und einen wertvollen Beitrag leisten. Im Gegensatz zu traditionellen Beobachtungsbögen, die oft auf die Überprüfung schulähnlicher Fähigkeiten abzielen, konzentrieren sich Bildungs- und Lerngeschichten auf die Verbesserung und Steigerung des kindlichen Lernvermögens.

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Herkömmliche BeobachtungenBeobachtungen für Bildungs- und Lerngeschichten
Abprüfen zusammenhangsloser einzelner FähigkeitenVerbesserung und Steigerung des Lernvermögens
Defizitärer Blick auf WissenslückenPositiver Blick mit Fokus auf Ressourcen
Einheitlich standardisierte BeobachtungenInterpretierte Beobachtungen, die in Diskussion mit anderen Beobachtern abgeglichen werden
Hierarchisierung von FertigkeitenLernfortschritt = komplexere Partizipation der Kinder
Abhaken von ChecklistenBildungs- und Lerngeschichten schreiben
Beobachtung zeigt, wie gut sich das Kind für externe Evaluation eignetBeobachtung soll Kommunikation zwischen Kindern, Familie und pädagogischem Team anregen und die eigene Praxis überdenken lassen

Die Fünf Lerndispositionen im Detail

Die fünf Lerndispositionen bilden das Repertoire an Lernstrategien und Motivationen, mit denen Kinder Lerngelegenheiten erkennen, auswählen, darauf reagieren und diese erweitern. Sie spiegeln die Motivation und die Fähigkeit wider, sich aktiv mit neuen Anforderungen auseinanderzusetzen und diese mitzugestalten. Diese Dispositionen sind grundlegend für Bildungsprozesse und legen das Fundament für lebenslanges Lernen.

1. Interessiert sein

Diese Disposition zeigt sich, wenn Kinder Interesse an etwas zeigen, sich aufmerksam Dingen oder Personen zuwenden und dadurch Fähigkeiten und Kenntnisse erwerben. Eine anregende Lernumgebung ist hierfür essenziell. Merkmale sind:

  • Aufmerksamkeit auf Dinge oder Personen richten
  • Eigene Aufgaben suchen
  • Angebote wahrnehmen und nachfragen
  • Aufmerksam zuhören und beobachten

2. Engagiert sein

Engagement bedeutet die Bereitschaft und Fähigkeit, sich auf eine Sache einzulassen und diese über einen längeren Zeitraum vertieft zu verfolgen. Das Kind identifiziert sich mit dem Thema und zeigt Freude sowie Konzentration. Voraussetzung ist eine Situation, die längere Beschäftigung ermöglicht. Merkmale sind:

  • Aktive Auseinandersetzung mit Dingen und Personen
  • Vertieftes Arbeiten ohne Ablenkung
  • Körperliche und verbale Ausdruck von Konzentration und Freude
  • Wiederholung von Tätigkeiten und Ausprobieren von Neuem

3. Standhalten bei Herausforderungen und Schwierigkeiten

Diese Disposition umfasst die Fähigkeit, auch bei Hindernissen an einer Tätigkeit festzuhalten, Problemlösungen zu entwickeln und aus Fehlern zu lernen. Kinder probieren Neues aus und erweitern ihre Grenzen. Eine unterstützende Situation, die Fehler als Lernchance begreift, ist hierbei entscheidend. Merkmale sind:

  • Herausforderungen annehmen und Probleme analysieren
  • Hartnäckigkeit und Ausdauer zeigen
  • Verschiedene Lösungswege erproben und eigene Strategien entwickeln
  • Umgang mit Frustration und Fortsetzen nach Rückschlägen
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4. Sich ausdrücken und mitteilen

Hierbei geht es um den Austausch von Ideen, Gefühlen, Wünschen und Interessen. Kinder erleben sich als mitteilsam und nutzen vielfältige Ausdrucksformen. Eine Situation, in der ihnen zugehört wird und sie sich sprachlich frei äußern können, ist die Grundlage. Merkmale sind:

  • Vielfältige Ausdrucksformen nutzen (Sprache, Malen, Singen)
  • Gefühle und Ideen äußern, Interaktionsbereitschaft zeigen
  • Den eigenen Standpunkt vertreten und auf andere eingehen
  • Freude an Interaktion und spontaner Ausdruck von Begeisterung

5. An einer Lerngemeinschaft mitwirken und Verantwortung übernehmen

Diese Disposition beinhaltet die Bereitschaft, Dinge aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten, ein Verständnis von Recht und Unrecht zu entwickeln und aktiv an einer Gemeinschaft teilzunehmen. Verantwortung kann für Menschen, Dinge oder die Natur übernommen werden. Dies erfordert eine Lernumgebung, die gemeinsames Handeln und Partizipation fördert. Merkmale sind:

  • Interesse an den Ideen anderer zeigen und zuhören
  • Gemeinsame Aktivitäten vorschlagen und aufgreifen
  • Bedürfnisse und Wünsche anderer wahrnehmen
  • Informationen austauschen und gemeinsam Lösungen entwickeln

Die Lerndispositionen sind nicht an spezifische Inhalte gebunden und können sich überschneiden. Die Interpretation konzentriert sich stets auf die Wechselwirkung zwischen Kind und Situation.

Die Rolle der Erwachsenen und der Nutzen des Ansatzes

Erwachsene spielen eine Schlüsselrolle, indem sie Lernbemühungen wertschätzen und Lerngelegenheiten schaffen. Sie zeigen, erklären und beantworten Fragen, um den Wissens- und Fähigkeitserwerb der Kinder zu unterstützen.

Gewinn für das Kind

  • Aufmerksamkeit, Wertschätzung und Anerkennung erfahren
  • Individuelle Stärken, Interessen und Fortschritte werden wahrgenommen und gefördert
  • Intensivierter Dialog mit pädagogischen Fachkräften
  • Beteiligung an der Dokumentation und Mitspracherecht
  • Erkennen eigener Lernprozesse und Interessenverfolgung

Gewinn für die pädagogische Fachkraft

  • Tieferer Einblick in Entwicklungsprozesse und bessere Kinderkenntnis
  • Erweiterung von Beobachtungs-, Reflexions- und Einschätzungsfähigkeit
  • Besseres Verständnis kindlichen Lernens
  • Schärfung des Blicks für das einzelne Kind
  • Reflexion und Überprüfung der eigenen pädagogischen Arbeit
  • Verbesserter professioneller Austausch mit Eltern
  • Gezielte Förderung von Lernprozessen
  • Intensivierter Dialog mit dem Kind

Gewinn für das Team

  • Intensiver fachbezogener Austausch
  • Informationsaustausch über einzelne Kinder
  • Stärkung der gegenseitigen Wertschätzung
  • Erhöhte Transparenz und Professionalität

Gewinn für die Eltern

  • Erleben der Kita als Bildungsstätte
  • Detaillierte Einblicke in Lern- und Entwicklungsprozesse des Kindes
  • Möglichkeit zum Erfahrungsaustausch mit Fachkräften
  • Neue Perspektiven auf das eigene Kind

Worauf beim Schreiben einer Lerngeschichte zu achten ist

Lerngeschichten sollten:

  • Für Kinder verständlich, einfach und klar formuliert sein
  • Nachvollziehbare Inhalte unter Berücksichtigung des Entwicklungsstandes bieten
  • Beobachtete Handlungsverläufe zusammenfassend wiedergeben, ggf. mit wörtlicher Rede
  • Die Analyse der Lerndispositionen und deren Merkmale einbeziehen
  • Einschätzungen aus Analyse und kollegialem Austausch sowie Interpretationen von Interessen integrieren
  • Anerkennend und wertschätzend formuliert sein, Stärken betonen
  • Optional Ideen für nächste Schritte vorschlagen
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Ein Beispiel für eine Lerngeschichte könnte lauten: Liebe Lina, in der letzten Zeit habe ich dich oft beobachtet und aufgeschrieben, was du gemacht hast. Ich glaube, es interessiert dich sehr zu beobachten, wie die anderen Kinder im Sand spielen. Du findest es aufregend, ihnen zuzusehen und strengst dich sehr an, dass du nichts verpasst. Einmal hast du lange beobachtet, wie die Kinder verschiedene Sandkuchen gebacken haben und dich dann sehr gefreut, als diese fertig waren. Ein anderes Mal hast du zugeschaut, wie die anderen Kinder ein Planschbecken mit Wasser befüllt haben. Nach einer Weile hast du dich getraut, deine Hand in das Wasser zu halten und mit den anderen Kindern zusammen Wasser zu verspritzen. Da hast du nicht nur zugeschaut, sondern sogar mitgemacht und ich habe mich sehr darüber gefreut. Neulich habe ich dann auch gesehen, wie du in den Sandkasten gestiegen bist und mit Fred zusammen Matsch in ein Sandförmchen gefüllt hast. Das hast du zum ersten Mal gemacht. Du hast den Sand richtig angefasst. Vorher hast du immer am Rand des Sandkastens gestanden und den Sand nicht so gern gemocht. Du hast gelernt, wie sich der Sand anfühlt und was man alles damit tun kann. Ich glaube, gerade lernst du im Kindergarten, wie du es schaffst, die Dinge in die Hand zu nehmen und mitzumachen, wenn dich etwas interessiert. Das finde ich sehr schön. Liebe Grüße deine Sandra.

Für die Erstellung von Bildungs- und Lerngeschichten können einheitliche Beobachtungsbögen hilfreich sein. Diese sollten Aspekte wie Name und Alter des Kindes, Beobachtungszeitraum und -datum, Beobachter sowie eine detaillierte Beschreibung der Ausgangslage und des Handlungsverlaufs umfassen. Speziell für Einrichtungen bieten sich vorgefertigte Beobachtungsprotokolle an, die als PDF heruntergeladen und bearbeitet werden können.

Der Ansatz der Bildungs- und Lerngeschichten bereichert den Kindergartenalltag maßgeblich, indem er die individuellen Lernwege der Kinder in den Fokus rückt und eine wertschätzende, unterstützende Umgebung schafft.