Die Faszination Fußballtrikots: Mehr als nur Stoff auf dem Rasen

Es muss Weihnachten gewesen sein, vielleicht auch mein Geburtstag – es ist so lange her, dass ich es nicht mehr genau weiß. Woran ich mich aber erinnere, auch nach 33 Jahren, ist das knisternde Geschenkpapier und der erste Blick auf die rot-schwarzen Streifen. Ein dicker Batzen Freude breitete sich in meiner Brust aus, als ich mein erstes Fußballtrikot in den Händen hielt: Eintracht Frankfurt, Saison 1991/92, mit Samsung-Werbung und der Zehn von Uwe Bein auf dem Rücken. Mein Onkel hatte es mir geschenkt, und wenn es noch eines finalen Eides bedurft hätte, mich an den Fußball zu binden, war dies der Moment. Ich weiß auch das nicht mehr sicher, aber ich werde das Trikot recht umweglos übergestreift haben, um im Garten Uwe Bein zu sein, Pässe spielend in Gassen, die niemand sieht. Ich habe dieses Trikot wie ein Cape empfunden; zog ich es an, war ich ein kleiner Teil dieser großen Sache Bundesliga.

Seither sind viele Geburtstage und Weihnachtsfeste ins Land gezogen. Uwe Bein spielt schon lange nicht mehr und hat sich sogar den Schnauzbart abrasiert. Doch meine Faszination für Fußballtrikots ist geblieben. Auch deswegen gehe ich beschwingt durch diese Wochen der Vorbereitung: Es ist die Zeit des Jahres, in der die Clubs ihre neuen Trikots präsentieren. Die Vereine häuten sich zur neuesten Version ihrer selbst – hier ein paar Streifen, dort ein Patch, hier ein Fischgrätenmuster, dort das eingestickte Gründungsjahr. Alles neu macht der Juli, des Herzensclubs neue Kleider. Trikots machen Leute, es ist, als würden sich die Vereine schick machen, weil es einen besonderen Anlass gibt. Und so ist es ja auch: Die neue Saison steht an, Hoffnung weht durch die Liga, die Fans träumen. Noch ist kein Spiel gespielt, die Saison ein leeres Blatt Papier, ein wunderschöner, vager Konjunktiv. Und mit diesem neuen Trikot, dieser Projektionsfläche aus Polyester, dem Stoff, aus dem die Träume sind, wird ganz sicher endlich alles besser, alles gut.

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Eine persönliche Odyssee durch die Welt der Vereinstrikots

Ich habe nachgezählt: Ich besitze 23 Fußballtrikots. Ich liebe die Art, wie sie meine Sammelleidenschaft befriedigen, dabei aber nicht beliebig sind. Vielmehr verbinde ich mit jedem etwas Besonderes. Der Großteil stammt von Eintracht Frankfurt, viele davon aus den Neunzigern. Es gibt drei Amateurtrikots, in denen ich selbst gespielt und Triumphe sowie Niederlagen erlebt habe – in der Kreisliga Nordhessen, in der Bunten Liga im Studium und in der Medienliga in Berlin, als wir mit ZEIT ONLINE sensationell in die Erste Liga aufstiegen, in einer Relegation bei minus 15 Grad, zu der der Gegner nicht erschien.

Darunter sind Geschenke von Freunden, Souvenirs aus aller Herren Länder und sogar das Trikot des fiktiven Clubs FC Weißgold Sylt, den wir für eine 11Freunde-Geschichte erfanden (natürlich bedruckt mit “Reich”). Ich liebe sie alle, und auch wenn mir die meisten, tja, nicht mehr passen, würde ich sie niemals weggeben können. Es fehlen auch ein paar, etwa drei gefälschte Trikots von Juve, Inter und Florenz, für die ich einst in einem Urlaub an der ersten Tankstelle in Italien mein gesamtes 100 Mark Taschengeld verriet und deswegen von den Eltern meines Kumpels, mit denen ich unterwegs war, ausgehalten werden musste. Und es fehlt mein erstes Trikot. Das Universum hat es sich zurückgeholt, wie, weiß ich nicht. Wenn ich schreibe “fehlen”, dann meine ich das so. Sie fehlen mir sehr. Auch wenn ich sie gar nicht mehr anziehen würde. Oder könnte.

Zwischen Vorfreude und Ernüchterung: Die neuen Trikots der Saison

Also sitze ich aktuell mit schweißigen Händen am Rechner. In jener Saison mit den rot-schwarzen Streifen spielte Eintracht Frankfurt auch in einem Auswärtstrikot mit aufgedruckten Sternen. Eine Neunzigerjahre-Unmöglichkeit, die mit der Zeit aber zum schönsten Trikot der Eintracht-Geschichte reifte, meiner Meinung nach. An diesem Trikot orientierte sich die Eintracht für ihr neues Heimtrikot, das vor wenigen Tagen veröffentlicht wurde. Es sieht leider ganz und gar nicht aus wie die Vorlage, sondern eher wie eine Zigarettenschachtel, was immerhin für ein paar laue Gags der Social-Media-Abteilung reichte, die Warnhinweise auf das Trikot photoshoppte: “Eintracht kann süchtig machen”, haha. Aber natürlich kann nicht jedes Trikot traumhaft aussehen; diese Zeit in der Saisonvorbereitung ist auch eine Phase der Enttäuschung, viele sind nämlich schlicht potthässlich. Das Ausweichtrikot der SGE soll wohl orange sein, nun ja.

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Als eine Website zuletzt das mutmaßliche neue BVB-Trikot veröffentlichte, äußerte jemand in der Kommentarspalte, man möge ein paar Rheinmetall-Panzer Richtung Puma-Designer schicken. Und als der FC Bayern sein schwarz-türkises Ausweichtrikot präsentierte, schrieb ein Fan mit passiv-aggressiver Ironie: “Mir gefällt besonders die rot-weiße Note, die sich perfekt mit dem Paragraf 1 der Vereinssatzung deckt.” Das Trikot hat außerdem eine Kombination aus Allianz-Firmenlogo und QR-Code auf dem Ärmel. Wer den Code scannt, dürfe sich auf “exklusive Gewinnspiele und Fanaktionen” freuen, hieß es. Dann lieber eine Zigarettenschachtel. Oder ein Raucherbein. Die Bundesliga ist reich an Persönlichkeiten und Geschichten, die weit über das Spielfeld hinausreichen, von legendären Spielern bis hin zu prägenden Managern, deren Legenden, wie die von Rudi Assauer, bis heute nachwirken und die Emotionen rund um den Sport formen. All diese neuen Trikotkreationen tauchen übrigens schon in den ersten Trikot-Rankings auf, die nun nach und nach veröffentlicht werden. Ich werde sie mir alle ansehen. Eine Weile gab es gar eine Art Trikotmeisterschaft, verliehen von einer Designhochschule. Rekordmeister ist der BVB mit zwei Titeln.

Der Stoff, aus dem die Träume sind: Hoffnung für die neue Saison

Im ganzen Land werden Kids demnächst dieses oder jenes Trikot aus knisterndem Geschenkpapier herauswurschteln und einen dicken Batzen Freude verspüren, es überstreifen und im Garten Mario Götze sein, Harry Kane oder Niclas Füllkrug. Ein kleiner Teil dieser großen Sache Bundesliga, die wenige Wochen vor dem Start noch offen vor uns liegt. Und vielleicht ist es ja genau dieses Jersey, diese verhinderte Kippenschachtel, in dem ein ganz besonderer Triumph gelingt. In dem die Spieler etwas Wertvolles gen Fankurve strecken werden, im Goldregen, verewigt auf Fotos, die man in hundert Jahren noch im Museum sieht. Der Stoff, aus dem die Träume sind, die dann Realität werden.

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Fußballtrikots sind somit weit mehr als bloße Sportkleidung. Sie sind Träger von Emotionen, Erinnerungen und unsterblichen Hoffnungen für die kommende Saison. Sie verbinden Generationen von Fans mit ihren Vereinen und den großen Geschichten des Fußballs. Welches Trikot weckt in Ihnen die größten Emotionen oder die größten Hoffnungen für die neue Saison?