Whole Institution Approach: Ein ganzheitlicher Weg zur Bildung für nachhaltige Entwicklung in Deutschland

Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) ist mehr als nur ein Unterrichtsthema. Sie erfordert einen tiefgreifenden Wandel, der die gesamte Institution durchdringt – vom Lehrplan über die Verwaltung bis hin zum täglichen Handeln aller Beteiligten. Der “Whole Institution Approach” (WIA) bietet hierfür einen umfassenden Rahmen, der darauf abzielt, Nachhaltigkeit als gelebte Praxis an Lernorten zu etablieren. Insbesondere in Schulen findet dieser Ansatz als “Whole School Approach” (WSA) Anwendung und gewinnt zunehmend an Bedeutung. Die Kultusministerkonferenz empfiehlt ausdrücklich die Verankerung von BNE mithilfe des WSA, was die strategische Wichtigkeit dieses Konzepts unterstreicht. Aber wie kann ein solcher ganzheitlicher Ansatz in der Praxis aussehen?

Was genau ist der Whole Institution Approach?

Der Whole Institution Approach (WIA) bezeichnet einen umfassenden Ansatz zur Integration von Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) an einem Lernort. Wenn eine Institution wie eine Schule oder ein Verein einen WIA verfolgt, bedeutet dies, dass BNE nicht nur als Querschnittsthema im Unterricht behandelt wird, sondern alle Lernprozesse und Methoden darauf ausgerichtet sind. Darüber hinaus wird die Bewirtschaftung der Institution selbst nach Prinzipien der Nachhaltigkeit gestaltet. Dies kann sich in bewusstem Umgang mit Energie und Ressourcen, der Pflege von Schulgärten oder der Bevorzugung regionaler und fair erzeugter Bioprodukte bei der Verpflegung zeigen. Auch Weiterbildungen für Lehrende und Mitarbeitende sowie die Einbindung aller Beteiligten in Entscheidungsprozesse sind zentrale Bestandteile des WIA.

Eine Studie des nationalen BNE-Monitorings hat die Wirksamkeit des WIA bestätigt. Sie zeigt, dass Lernende und Lehrende in Einrichtungen, die einen WIA umsetzen, sich motivierter und kompetenter fühlen, selbst zu mehr Nachhaltigkeit beizutragen und ihr eigenes Verhalten als nachhaltiger beschreiben. Zur Messung dieser Effektivität wurde die “WIA-Skala” entwickelt, ein Erhebungsinstrument, das die erlebte Nachhaltigkeit in verschiedenen Bereichen von Bildungseinrichtungen erfasst und als Evaluations-Tool dient. Oftmals kooperieren solche Lernorte auch mit externen Partnern, um ihre Bemühungen zu verstärken.

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Der Whole School Approach: BNE in der Schulgemeinschaft

Die spezifische Ausprägung des WIA im schulischen Kontext ist der “Whole School Approach” (WSA). Dieser umfasst neben dem Unterricht auch die Personalentwicklung, die Gestaltung des Schulgeländes und die Entwicklung einer Schulkultur, in der Nachhaltigkeit zum gelebten Standard gehört. Aktuelle Erhebungen zeigen, dass rund 12 Prozent der Schulen in Deutschland ein entsprechendes BNE-Label tragen, was auf eine fortschreitende Verankerung des WSA hindeutet. Dennoch besteht weiterhin die Herausforderung, BNE als integralen Bestandteil des Schulalltags zu etablieren, anstatt sie als zusätzliche Aufgabe zu betrachten. Projekte und Aktionen finden oft dank des besonderen Engagements Einzelner statt, anstatt als Ergebnis einer konsequenten Umsetzung durch die gesamte Schulgemeinschaft.

Die Kultusministerkonferenz (KMK) hat in ihrem Beschluss von Juni 2024 die Verankerung von BNE mithilfe des WSA ausdrücklich empfohlen. Eine neuere Schulleitungsstudie aus dem Juni 2025 unterstreicht diesen Wunsch: Die Mehrheit der Schulleitungen wünscht sich Nachhaltigkeit im Schulalltag, doch die Praxis zeigt, dass BNE häufig noch in einzelnen Projekten stattfindet. Insbesondere in der beruflichen Bildung unterstützt der WSA berufsbildende Schulen dabei, Fachkräfte für nachhaltiges Denken und Handeln auszubilden. Hilfreiche Materialien wie die Handreichung “[Berufliche Bildung für nachhaltige Entwicklung](https://www.greenpeace.de/bildungsmaterial/Berufliche%20Bildung%20fuer%20nachhaltige%20Entwicklung_250424.pdf “Externer Link Handreichung “Berufliche Bildung für nachhaltige Entwicklung” (Öffnet neues Fenster)”)” von Greenpeace bieten hierfür Praxistools und Anregungen.

Praktische Umsetzung des ganzheitlichen BNE-Ansatzes

Die Deutsche UNESCO-Kommission (DUK) bietet mit ihren fünf Handreichungen “Nachhaltigkeit 360°” wertvolle Tipps für die Ausgestaltung eines Whole Institution Approachs in verschiedenen Bildungsbereichen. Diese Veröffentlichungen geben Einblicke in die Verankerung von BNE im Institutionsalltag, Nachhaltigkeit im laufenden Betrieb, BNE als Führungselement und Weiterbildungsmaßnahme für Mitarbeitende sowie mögliche Kooperationen.

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Für diejenigen, die sich weiterbilden möchten, bietet der Selbstlernkurs BNEhoch3 ein gleichnamiges Modul zum WIA. Dieser Online-Kurs umfasst zwölf Module mit fundiertem Wissen, praktischen Tipps und anpassbaren Materialien. Das Video “Orte der Transformation” stellt zudem Personen vor, die Lernumgebungen im Sinne des WIA gestalten und Lernende zu “Change Agents” für eine nachhaltige Entwicklung befähigen.

Das internationale Institut des Deutschen Volkshochschul-Verbands e.V. (DVV International) hat im Rahmen des Projekts “Internationale BNE Allianzen” das interaktive Flipbook Guidebook SustainabALE und ein begleitendes Workbook entwickelt. Diese Materialien, die sich primär an Einrichtungen der Erwachsenenbildung richten, unterstützen die Umsetzung einer nachhaltigen Organisationsentwicklung im Sinne des WIA und sind auf andere Bildungseinrichtungen übertragbar.

Der WIA im UNESCO-Programm “BNE 2030”

Der “Whole Institution Approach” ist ein zentraler Bestandteil der “Roadmap BNE 2030“, dem Leitfaden des UNESCO-Programms “Bildung für nachhaltige Entwicklung: die globalen Nachhaltigkeitsziele verwirklichen” (BNE 2030). Im Handlungsfeld 2, “Ganzheitliche Transformation von Lern- und Lehrumgebungen”, wird betont, dass Bildungseinrichtungen selbst transformiert werden müssen, damit Lernende zu “Change Agents” werden können. Der WIA fordert Lern- und Lehrumgebungen, in denen die Lernenden lernen, wie sie leben, und leben, was sie lernen.

Die Roadmap schlägt Maßnahmen wie die Erstellung von Zeitplänen zur gemeinsamen Implementierung des WIA, die Entwicklung einer Führungskultur und -struktur sowie Abläufe und Ausstattungen vor, die im Einklang mit den Prinzipien der nachhaltigen Entwicklung stehen. Strategische politische Unterstützung und die Förderung der Interaktion zwischen formalen, non-formalen und informellen Lernumgebungen sind ebenfalls von Bedeutung. In Deutschland spielt der WIA als Querschnittsthema eine wichtige Rolle bei der Umsetzung des Nationalen Aktionsplans BNE und ist dort in den verschiedenen Bildungsbereichen verankert. Die Implementierung dieses ganzheitlichen Ansatzes ist entscheidend, um Bildungseinrichtungen zu Orten der Transformation zu machen und die Entwicklung hin zu einer nachhaltigeren Zukunft zu fördern.

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