Gerald Asamoah ist eine Ausnahmeerscheinung in der Welt des Fußballs, dessen Leben und Karriere weit über die Grenzen des Spielfelds hinausreichen. Seine Geschichte ist ein eindringliches Zeugnis von unerschütterlicher Entschlossenheit und dem ständigen Kampf gegen Widrigkeiten, die sowohl physischer als auch gesellschaftlicher Natur waren. Für viele Deutsche wurde er nicht nur zu einem herausragenden Sportler, sondern auch zu einem Symbol des Widerstands gegen Rassismus und Diskriminierung, einem Pionier, der den deutschen Fußball nachhaltig prägte und veränderte.
Ein Neuanfang unter schwierigen Vorzeichen: Die frühen Jahre in Deutschland
Als Gerald Asamoah 1989 im Alter von zehn Jahren nach Deutschland kam, waren schwarze Fußballer in der obersten deutschen Spielklasse noch eine Seltenheit. Die Bundesliga hatte in der Vergangenheit bereits Spieler wie Erwin Kostedde, den Sohn eines US-Soldaten, erlebt, der jedoch wegen intensiver rassistischer Anfeindungen durch Dortmunder Fans seine Heimspiele nur auswärts bestritt. Auch Jimmy Hartwig, ebenfalls Sohn eines US-Soldaten, sah sich 1979 ähnlichen Schwierigkeiten beim Hamburger SV gegenüber. Während Länder wie England und Frankreich trotz ihrer eigenen Probleme bereits Fortschritte bei der Integration schwarzer Fußballer gemacht hatten, hielt sich der Rassismus in der Bundesliga hartnäckig und verdrängte jene, die versuchten, ihn zu bekämpfen. Asamoah sah sich nicht als “schwarzer Retter”, wie er es selbst formulierte, wollte aber einen bleibenden Eindruck hinterlassen, “damit ein paar Idioten merken, dass ein Schwarzer etwas Gutes für Deutschland tun kann.”
Der doppelte Kampf: Herzleiden und der Weg zu Schalke 04
Im Jahr 1999 wechselte Asamoah zu Schalke 04 und betrat damit die höchste Spielklasse des deutschen Fußballs, wo er seinen Standpunkt festigen sollte. Neben dem Kampf gegen Rassismus sah sich Asamoah jedoch auch einer neuen, existenziellen Herausforderung gegenüber. Im November 1998, während eines Zweitligaspiels für Hannover, einen Verein, dem er kurz zuvor zum Aufstieg verholfen hatte, brach Asamoah auf dem Spielfeld zusammen. Ärzte diagnostizierten, dass seine Herzscheidewand zu dick sei, und rieten ihm dringend, zu seiner eigenen Sicherheit mit dem Fußball aufzuhören. Der in Ghana geborene Mittelfeldspieler gab zu, dass er bei jedem Betreten des Spielfelds “mit seinem eigenen Leben spielte”. Doch trotz aller Kräfte, die ihn zurückhalten wollten, kämpfte er sich weiter durch, im Wissen, dass ein Defibrillator für den Notfall am Spielfeldrand bereitstand.
Gerald Asamoah in Aktion für Schalke 04
Ein Pionier für Deutschland: Der Weg in die Nationalmannschaft
Asamoah nahm diese Herausforderungen mit Entschlossenheit an und lehnte wiederholt Angebote ab, für Ghana zu spielen, obwohl seine Familie ihn dazu drängte, die Farben seiner angestammten Heimat zu tragen. Stattdessen wartete Asamoah auf einen Anruf aus Deutschland, den er dann auch annahm. Er war sich vollkommen bewusst, dass noch nie zuvor ein schwarzer Fußballer das vereinte Deutschland auf internationaler Ebene vertreten hatte. Zu dieser Zeit befand sich der neue Bundestrainer Rudi Völler inmitten einer Revolution der stagnierenden deutschen Nationalmannschaft und wandte sich an Asamoah, um Hilfe zu erhalten.
Asamoah durchbrach diese rassische Barriere, als er für die DFB-Elf im Weserstadion von Werder Bremen vor 20.000 Fans gegen die Slowakei debütierte. Er begeisterte die Zuschauer mit einer spektakulären Leistung und erzielte ein großartiges Tor, indem er die slowakische Abwehr durchdribbelte und den Sieg besiegelte. Die ekstatische deutsche Menge zollte Asamoah stehende Ovationen, als er ehrenvoll ausgewechselt wurde. Die Schlagzeile der Bild am nächsten Morgen lautete: “Asamoah weckt ein müdes Deutschland” – eine Formulierung mit einer doppelten Bedeutung. Asamoah hatte vielleicht nicht von Anfang an beabsichtigt, rassische Barrieren einzureißen, als er als Kind begann, einen Ball zu treten, aber genau das gelang ihm. Vor der Weltmeisterschaft 2002 stellte er fest, wie oft er in Deutschland erkannt wurde und wie freundlich die Menschen waren, die ihm erzählten, dass sie dem deutschen Team jetzt mehr Aufmerksamkeit schenkten, da er sie vertrat. Viele dieser Fans, so bemerkte er, waren selbst Schwarze.
Emmanuel Olisadebe, ein Immigrant, der Polen im Fußball bereicherte
Eine Legende auf Schalke: Erfolge und die knapp verpasste Meisterschaft
Der aus Ghana stammende, aber zum Deutschen gewordene Flügelspieler entwickelte sich durch seine Leistungen bei Schalke schnell zu einem Publikumsliebling. Er führte den Verein in seiner elfjährigen Karriere zu zahlreichen Erfolgen, darunter zwei DFB-Pokalsiege und einen mittlerweile eingestellten DFL-Ligapokal. Beinahe hätte er den Königsblauen 2001 auch die erste Bundesliga-Meisterschaft überhaupt beschert, wäre da nicht Patrik Andersson gewesen, der in der 92. Minute einen Freistoß zum späten Titel für Bayern München verwandelt hätte. Asamoah war vielleicht nicht der von Natur aus talentierteste Spieler oder der typische Maestro, aber er bestritt jedes Spiel mit einer unerschütterlichen Entschlossenheit, die ihn tief in die Herzen seiner Fans einschrieb. Er behielt sein Lächeln bei, trotz der Hindernisse und Risiken, die mit dem bloßen Genuss eines Fußballspiels verbunden waren – etwas, das man leicht für selbstverständlich halten kann. Seine Karriere schien auf Autopilot zu laufen, während er Saison für Saison inspirierte Leistungen zeigte und dabei subtile Siege über seine Gesundheit und den einst so verbreiteten Rassismus errang.
Rückschläge und anhaltender Kampf: Rassismus bleibt eine Herausforderung
Trotz der Fortschritte, die Asamoah beim Abbau von Barrieren innerhalb Deutschlands machte, gab es im Prozess immer wieder Rückschläge. Nachdem er Deutschland erfolgreich bei den Weltmeisterschaften 2002 und 2006 vertreten und sich als unwahrscheinliche Ikone etabliert hatte, wurde Asamoah zum Ziel einer Gruppe unzufriedener Hansa Rostock-Fans. Während Schalke ihre deutschen Kontrahenten mit 9:1 deklassierte, prasselten rassistische Gesänge aus dem Rostocker Zuschauerblock nieder, was zu einer hohen Geldstrafe für den gastierenden Verein führte. Es war eine Episode, die längst der Vergangenheit angehöhören sollte. Doch obwohl dieser isolierte Vorfall ein Schandfleck auf einem positiven Trend zur Beendigung des Rassismus war, waren solche Vorfälle sicherlich seltener geworden und werden es weiterhin.
Schalke 04 Spieler auf dem Feld
Auch wenn sich die Situation stetig verbessert, konzentriert sich Asamoah weiterhin darauf, diesen sinnlosen Hass vollständig auszurotten. Bis heute arbeitet er an der Rosa-Parks-Schule in Deutschland, wo er mit jungen Schülern über Rassismus und Fremdenfeindlichkeit spricht. Man sieht ihn, wie er Rosa Parks zum Geburtstag singt und in seiner gewohnt überschwänglichen Art tanzt, immer lächelnd.
Ein würdiger Abschied: Solidarität und Tränen in der Veltins-Arena
Asamoahs großer Abschied von Schalke war für den 14. November 2015 geplant. Über 60.000 Menschen strömten während der Länderspielpause in die Veltins-Arena, um ein Abschiedsspiel für einen langjährigen Liebling zu sehen. Doch die Feierlichkeiten wären beinahe abgesagt worden. In der Nacht zuvor war Paris Opfer eines der schlimmsten Terroranschläge in Europa der jüngsten Geschichte geworden, was große Teile Mitteleuropas zum Stillstand brachte. Viele rechneten mit einer Absage der Veranstaltung, doch Schalkes Präsident Clemens Tönnies hatte andere Vorstellungen. Er betonte, wie entschlossen sie in ihrer Entscheidung waren, das Abschiedsspiel fortzusetzen, und sagte, eine Absage würde bedeuten, den Terroristen den Sieg zu überlassen. „Wir müssen kämpfen“, schloss er. Das Spiel sollte wie geplant stattfinden.
Und so schwebte Asamoah mit einem Fallschirm vom Himmel herab und schwenkte eine französische Flagge, um Solidarität mit den Menschen in Paris zu zeigen. Es dauerte nicht lange, bis der stets lächelnde Fußballer nach seiner Landung in Tränen ausbrach. Die Menge empfing ihn wie schon 381 Mal zuvor auf einem Platz, den er in seinen elf Jahren engagierten Dienstes für den Verein und sein Land so nachhaltig geprägt hatte. Er und sein Sohn Jaden erzielten in diesem Spiel Tore, was den Schalke All-Stars einen 5:4-Sieg bescherte.
Die Durchführung dieses Abschiedsspiels und die Fortsetzung der Pläne war der einzig passende Weg, Asamoah gebührend zu verabschieden. Für ihn war jedes Spiel ein Kampf gegen sinnlosen Hass und gegen die Diagnose seines Arztes, doch er weigerte sich, sich aufhalten zu lassen. „Wir müssen kämpfen.“ Es ist ein Gefühl, das Gerald Asamoah während seiner gesamten Karriere begleitete und bis heute prägt. Seine Geschichte ist eine Inspiration und eine ständige Mahnung, dass Mut und Entschlossenheit Berge versetzen können und der Kampf für eine gerechtere Welt niemals endet.
