Die westlichen Gesellschaften haben seit den 1970er Jahren, insbesondere aber seit den 1990er Jahren, eine grundlegende strukturelle Transformation erfahren. Die industrielle Moderne, die das 20. Jahrhundert prägte, ist einer postindustriellen Spätmoderne gewichen. Dieser Wandel ist ein komplexes Zusammenspiel aus ökonomischen, technologischen, sozialstrukturellen, politischen und kulturellen Prozessen, die eine Verschiebung im grundlegenden gesellschaftlichen Bewertungssystem anzeigen. Anstatt sich an allgemeinen Maßstäben zu orientieren, hat sich die Gesellschaft zunehmend dem Besonderen und Einzigartigen, dem „Singulären“, zugewandt – ein tiefgreifender Paradigmenwechsel, der weitreichende Konsequenzen mit sich bringt und letztlich zu einer neuen Form der gesellschaftlichen Polarisierung führt.
Das Verhältnis zwischen dem Allgemeinen und dem Besonderen hat sich auf allen Ebenen neu definiert. Während die industrielle Moderne Werte wie Standardisierung, Rationalisierung und kollektive Zugehörigkeit betonte, zeichnet sich die Spätmoderne durch die Bewertung des Singulären aus. Dieser Übergang markiert den Aufstieg der [lausitzer kultur](https://shocknaue.com/lausitzer-kultur/) als eines von vielen Beispielen für regional identifizierte Gemeinschaften, die im Kontext der Singularisierung an Bedeutung gewinnen.
Von der Gesellschaft der Gleichen zur Betonung des Einzigartigen
Bereits seit dem späten 18. Jahrhundert birgt die moderne Gesellschaft zwei entgegengesetzte Tendenzen. Einerseits strebt sie radikal nach dem Allgemeinen, sichtbar in der Standardisierung von Produktion und Arbeitswelt durch die Industrialisierung, der Demokratisierung der Politik im Sinne des „Allgemeinwohls“ und der Aufklärung des Menschen durch Natur und Vernunft. Diese „doing generality“ genannte Ausrichtung bewirkte eine Versachlichung vieler Lebensbereiche.
Gleichzeitig entwickelte sich seit der Romantik eine ebenso radikale Gegentendenz: die Orientierung an Individualität und Authentizität. Dies betrifft Individuen, Objekte, Ereignisse, Orte und auch Kollektive wie Völker und Nationen. Im Gegensatz zur Versachlichung des Allgemeinen mobilisiert die Singularisierung erhebliche Emotionen und Affekte. Ursprünglich war diese Orientierung am Besonderen, das „doing singularity“, eine untergeordnete Bewegung, die sich vor allem in der Kunst und Teilen der bürgerlichen Kultur manifestierte.
Die industrielle Moderne und ihr Primat des Allgemeinen
Das Primat des Allgemeinen erreichte seinen Höhepunkt in der industriellen Moderne, insbesondere in den Industriegesellschaften von 1945 bis etwa 1975 in Ost und West. Pierre Rosanvallon beschreibt diese Ära als „Gesellschaft der Gleichen“. Wirtschaftlich basierte sie auf der Massenproduktion durch eine große Zahl von Facharbeitern und Angestellten, deren Leitmaßstab die Standardisierung war. Sozialstrukturell handelte es sich um eine nivellierte Mittelstandsgesellschaft, die sich durch große Gleichheit und Gleichförmigkeit ihrer Lebensformen auszeichnete. Das Leben orientierte sich am „Lebensstandard“, gestützt auf Massenkonsum und -medien, und war innerhalb der Nationalkultur recht homogen. Politisch prägten Volksparteien und eine regulierende Wirtschafts- und Sozialpolitik der Nationalstaaten diese Zeit. Während Gleichheit ein politisches Ideal war, galten Gleichförmigkeit, soziale Anpassung und Normalität als kulturelle Ideale einer „formierten Gesellschaft“.
Die Spätmoderne: Triumph des Besonderen und Einzigartigen
Seit den 1970er Jahren begann die industrielle Moderne zu erodieren und machte spätestens in den 1990er Jahren einer Spätmoderne Platz. In dieser Ära erlangen die Kriterien der Besonderheit und Einzigartigkeit eine historisch einmalige Führungsrolle. Drei Hauptursachenbündel lassen sich für diesen Strukturwandel identifizieren.
Kultureller und sozialstruktureller Wandel: Die Selbstverwirklichungsrevolution
Die erste Ursache ist kulturell und sozialstrukturell bedingt. In den 1970er Jahren fand in den westlichen Ländern, beeinflusst durch die Kulturrevolution um 1968, ein Wandel der leitenden Lebenswerte statt. Werte wie soziale Pflichten und Anpassung verloren an Bedeutung, während die Entfaltung und Verwirklichung des Selbst an Überzeugungskraft gewannen.
An die Stelle der Anpassung an das Allgemeine trat das postromantische Ideal der Entfaltung der Besonderheit, das Streben nach einzigartigen, subjektiv befriedigenden Erlebnissen und Identitäten – sei es im Berufsleben, in der Partnerschaft, in der Freizeit oder im Konsum. Diese Selbstverwirklichungsrevolution strebt somit eine Singularisierung aller Lebensbereiche an. Getragen wird sie maßgeblich von der seit den 1970er Jahren aufsteigenden neuen Mittelklasse. Diese stetig wachsende Gruppe von Akademikern profitiert von der Bildungsexpansion und strebt über den reinen Lebensstandard hinaus nach Lebensqualität und individueller Erfüllung.
Ökonomischer Wandel: Vom Industrie- zum Kultur- und kognitiven Kapitalismus
Der kulturelle Wandel geht Hand in Hand mit einem tiefgreifenden ökonomischen Wandel. Die Industriegesellschaften transformieren sich in postindustrielle Dienstleistungsgesellschaften. Der Großteil der wirtschaftlichen Wertschöpfung und Erwerbstätigkeit verlagert sich vom sekundären Industriesektor in den tertiären Dienstleistungssektor. Dies hat Auswirkungen auf Konsum und Erwerbsarbeit. Die postindustrielle Ökonomie differenziert ihr Konsumangebot enorm aus.
Eine neue Konsumentenrevolution setzt ein, die weniger auf den Massenkonsum von Standardgütern abzielt, deren Bedarf schnell gesättigt ist, sondern auf symbolische Güter, Erlebnisse, Dienstleistungen und mediale Formate in großer Differenziertheit. Eine Singularisierung der Güterwelt ist zu beobachten: Konsumenten erwarten im Rahmen ihrer Selbstverwirklichung „einzigartige Erlebnisse“, „authentische Produkte“ und immer neue mediale Reize. So mutiert die Ökonomie in den Konsumgütern seit den 1980er Jahren von einem industriellen zu einem kulturellen Kapitalismus.
Gleichzeitig handelt es sich um einen kognitiven Kapitalismus. Die Entindustrialisierung geht einher mit der Expansion der Wissensökonomie für Hochqualifizierte, die die Arbeitsplätze der neuen Mittelklasse dominieren. Wissensarbeit ist hochgradig subjektiviert und zugleich ein permanenter Wettbewerb um Höchstleistungen. Es ist eine Ökonomie, die nicht nach dem Durchschnitt strebt, sondern nach Exzellenz, und die nicht nur Einkommen, sondern auch persönliche Befriedigung verspricht.
Technologischer Wandel: Die digitale Revolution als Treiber der Singularisierung
Der dritte Faktor, der den Wandel von der Gesellschaft der Gleichen zur Gesellschaft Der Singularitäten vorantreibt, ist technologischer Natur: die digitale Revolution. Während die Technik der Industriegesellschaft standardisierend wirkte, fördert die digitale Technologie der Spätmoderne die Singularisierung in mehrfacher Hinsicht. Im Internet und in den sozialen Medien entfaltet sich ein Wettbewerb um Aufmerksamkeit, in dem nur Differenz und Einzigartigkeit hervorstechen. Algorithmen ermöglichen es, einzelne Nutzer in ihrer Besonderheit zu adressieren, wodurch die digitale Welt auf das Individuum zugeschnitten ist. Anstelle einer allgemeinen medialen Öffentlichkeit treten partikulare mediale Communities, die sich jeweils selbst bestätigen. Indem digitale Medien den Alltag durchdringen, vermitteln sie dem Subjekt die Vorstellung, dass es beständig auf seine individuelle Performance in einer Welt von Performances ankommt.
Singularisierung in der Spätmoderne: Eine soziale Logik des Einzigartigen
Die spätmoderne Gesellschaft der Singularitäten entsteht am Kreuzungspunkt kultureller, ökonomischer und technologischer Wandlungsprozesse. Sie ist von Prozessen der Singularisierung durchzogen, die über eine bloße Individualisierung, wie sie Ulrich Beck diagnostizierte, hinausgehen. Individualisierung bedeutet eine Freisetzung von Individuen aus sozialen Bindungen jenseits von Klasse und Stand.
Singularisierung geht weiter. Sie beschreibt eine Gesellschaft, in der eine permanente Produktion, Bewertung und Rezeption von Einzigartigkeiten stattfindet, wodurch sich eine soziale Logik der Singularisierung herauskristallisiert. Das Interesse gilt in der gesamten Gesellschaft und in den einzelnen Lebenswelten diesen Singularitäten, während die Mechanismen des Allgemeinen im Hintergrund weiterlaufen.
In der Spätmoderne werden Menschen als besondere Individuen singularisiert – sei es in der Berufswelt, in persönlichen Beziehungen oder den digitalen Medien. Aber auch Dinge und Objekte wie Waren, Bilder und Glaubensüberzeugungen werden singularisiert. Räumliche Einheiten werden zu „besonderen Orten“, und zeitliche Einheiten zu Events, Projekten oder „unvergesslichen Momenten“. Selbst Kollektive, wie Regionen, Nationen oder Glaubensgemeinschaften, erfahren eine Singularisierung. Im Gegensatz dazu verlieren Subjekte, Dinge, räumliche und zeitliche Einheiten sowie Kollektive, die „lediglich“ allgemeingültige Eigenschaften ausdrücken – wie Durchschnittsbürger, standardisierte Waren, austauschbare Industriestädte, Massenwohnungsbau, routinisierte Zeitlichkeiten oder formale Organisationen – an Anerkennung.
Die neue Mittelklasse als Leitmilieu
Einen gesteigerten Ausdruck findet die Gesellschaft der Singularitäten in der Lebenswelt der neuen Mittelklasse, dem Leitmilieu der Spätmoderne. Diese zeichnet sich formal durch hohes kulturelles Kapital aus, das primär durch Bildung erworben wird. Ähnlich wie die bisherige Mittelklasse investiert sie permanent in ihren eigenen Status, verknüpft dies jedoch mit dem Ideal der Selbstentfaltung. In der neuen Mittelklasse gehen somit die Tradition der Bürgerlichkeit und die postromantischen Gegenkulturen eine Synthese ein.
Die neue Mittelklasse ist maßgeblich Trägerin des Wertewandels, der Expansion der Wissensökonomie und der Konsumentenrevolution. Sie betreibt eine konsequente Singularisierung aller Segmente ihrer Lebensform – von Beruf, Partnerschaft und Familie über Ernährung bis zum Verhältnis zum eigenen Körper. Dieser Prozess ist zugleich eine Kulturalisierung: Man orientiert sich nicht am bloß Zweckrationalen, sondern am Wertvollen und zieht dazu im Sinne einer „Hyperkultur“ diverse kulturelle Ressourcen aus der globalen Kultur und der Vergangenheit heran. Politisch ist die neue Mittelklasse Trägerin eines Kosmopolitismus und eines neuen Liberalismus, der Links- und Wirtschaftsliberalismus kombiniert und generell auf gesellschaftliche Öffnung statt auf Ordnungsstabilisierung setzt. Dies prägt auch die Wahrnehmung und Pflege von regionalen Besonderheiten, wie sie sich in der [lausitzer kultur](https://shocknaue.com/lausitzer-kultur/) manifestieren könnte.
Die Krise des Allgemeinen: Eine Folge der Singularisierung
Die Singularisierung und Kulturalisierung des Sozialen in der Spätmoderne hat unbeabsichtigte Folgen: Sie mündet auf verschiedenen Ebenen in Prozesse sozialer Polarisierung. Grundsätzlich gilt: Die Orientierung am Singulären führt zu dynamischen Gewinner-Verlierer-Konstellationen. In gesellschaftlichen Bewertungsprozessen werden nur bestimmten Subjekten, Objekten, Orten etc. die Eigenschaften des Singulären und damit des Wertvollen zugeschrieben; für andere gilt dies nicht. Häufig geht die Singularisierung mit einer Ökonomisierung des Sozialen einher, das heißt mit der Verbreitung von Wettbewerben um anerkannte Singularität.
Eine erste, grundlegende Polarisierung entsteht im Bereich der Ökonomie, in der Güter- und Arbeitswelt des kognitiv-kulturellen Kapitalismus. Die Märkte für kognitiv-kulturelle Güter der Spätmoderne sind typischerweise Winner-take-the-most-Märkte, auf denen der Erfolg der als singulär anerkannten Güter und des Rests drastisch auseinanderklafft. Für die spätmoderne Arbeitswelt ist ein Statusdualismus zwischen den „Hochqualifizierten“ der Wissensökonomie und den „Niedrigqualifizierten“ der einfachen Dienstleistungen kennzeichnend.
Eine weitere, folgenreiche Polarisierung betrifft die Sozialstruktur. An die Stelle der nivellierten Mittelstandsgesellschaft der industriellen Moderne treten in der Spätmoderne auseinanderdriftende Klassen und Lebensstile. Kennzeichnend ist das Muster einer Drei-Klassen-Gesellschaft, bestehend aus der neuen Mittelklasse, der alten Mittelklasse und der prekären Klasse (Unterklasse). Im Unterschied zur neuen Mittelklasse der Akademiker, welche den Struktur- und Kulturwandel trägt, sehen sich die traditionelle Mittelklasse und die prekäre Klasse in einer kulturellen bzw. sozialen Defensive. Dies schlägt sich auch auf der Ebene der sozialen Räume und der Politik nieder: Seit den 1980er Jahren findet eine räumliche Polarisierung zwischen prosperierenden und attraktiven Metropolregionen (den Zentren des kognitiv-kulturellen Kapitalismus und der neuen Mittelklasse) und den kleinstädtischen und ländlichen Regionen statt.
Zudem entwickelt sich eine neue politische Polarisierung, in der ein kosmopolitischer Liberalismus einem neuen Populismus gegenübersteht. Letzterer setzt vor allem auf kollektive kulturelle Identität und spricht jene Bevölkerungsgruppen an, die sich durch den spätmodernen Strukturwandel in ihrer sozialen Anerkennung entwertet sehen. In einer Gesellschaft, die sich systematisch an Besonderheiten orientiert, ergibt sich somit insgesamt eine Krise des Allgemeinen.
Fazit: Die Herausforderung der Singularitäten
Die Transformation zur Gesellschaft der Singularitäten stellt eine der prägendsten Entwicklungen der Spätmoderne dar. Sie ist gekennzeichnet durch das Streben nach Einzigartigkeit in allen Lebensbereichen, getragen von kulturellen, ökonomischen und technologischen Kräften. Während sie neue Möglichkeiten der Selbstentfaltung und Differenzierung eröffnet, birgt sie gleichzeitig die Gefahr einer tiefgreifenden sozialen, ökonomischen und politischen Polarisierung sowie einer Krise des Allgemeinen. Das Verständnis dieser Dynamiken ist entscheidend, um die Herausforderungen unserer heutigen Zeit zu bewältigen und Wege zu finden, wie sowohl das Individuelle als auch das Gemeinsame in einer zunehmend komplexen Welt bestehen können.
Literatur
- Beck, Ulrich (1986): Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Frankfurt/M.
- Goodhart, David
