Die Verbindung zwischen unserer Ernährung und der Gesundheit unseres Herz-Kreislauf-Systems ist unbestreitbar und ein Feld intensiver Forschung. Wie genau beeinflusst, was wir essen, unser Herz? Und welche Rolle spielen dabei Übergewicht, Nährstoffe oder spezifische Diätformen? Wir sprachen mit Prof. Stefan Lorkowski, Lehrstuhlinhaber für Biochemie und Physiologie der Ernährung an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena, um diese Fragen zu beleuchten. Erfahren Sie, wie eine bewusste Ernährung nicht nur das kardiovaskuläre Risiko senken, sondern auch die Lebensqualität maßgeblich verbessern kann und wie wichtig es ist, den Blutzuckerspiegel auf natürliche Weise zu beeinflussen, um langfristig gesund zu bleiben.
Wie die Ernährung die kardiovaskuläre Gesundheit beeinflusst
Prof. Lorkowski betont eingangs, dass Übergewicht der am weitesten akzeptierte Risikofaktor ist, bei dem eine Ernährungsumstellung als wirksam gilt. Übergewicht erhöht das kardiovaskuläre Risiko, insbesondere durch die Zunahme des kardiometabolischen Risikos, das mit Diabetes mellitus Typ 2 einhergeht.
Ein häufig unterschätzter Aspekt ist die ausreichende Nährstoffversorgung. Studien zeigen, dass bereits ein subklinischer Mangel an essenziellen Nährstoffen das kardiovaskuläre Risiko steigern kann. Hier sei das Ziel stets eine ausgewogene Ernährungsweise. Typische Beispiele sind Folsäure und Vitamin D. Wichtig ist jedoch, Maß zu halten, da zum Beispiel eine zu hohe Kalziumzufuhr durch Supplementierung das kardiovaskuläre Risiko erhöhen kann.
Ballaststoffe, obwohl keine essenziellen Nährstoffe, bieten einen klaren gesundheitlichen Nutzen. Beobachtungsstudien belegen, dass ein erhöhter Verzehr von Ballaststoffen und Vollkornprodukten nicht nur das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, sondern auch für Diabetes mellitus Typ 2, Darmkrebs und die Gesamtmortalität senkt. Zudem unterstützen Ballaststoffe und Vollkornprodukte durch ihre sättigende Wirkung die Normalisierung des Körpergewichts.
Zur Person
Prof. Stefan Lorkowski
Prof. Stefan Lorkowski ist Lehrstuhlinhaber für Biochemie und Physiologie der Ernährung an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena. Im Rahmen seiner Forschungsarbeiten beschäftigt er sich u. a. mit Fettstoffwechselstörungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes.
Portrait von Prof. Stefan Lorkowski, Experte für Ernährungsphysiologie
Einfluss der Ernährung bei LDL-C, Triglyceriden und Hypertonie
Es wird oft behauptet, dass das LDL-Cholesterin (LDL-C) durch die Ernährung kaum beeinflussbar sei. Prof. Lorkowski widerspricht dem vehement: „Anders als immer wieder behauptet wird, ist das LDL-Cholesterin (LDL-C) ein Faktor, der durch die Ernährung gut modulierbar ist.“ Aktuelle Studien zeigen, dass das Nahrungscholesterin nicht nur das LDL-C erhöht, sondern auch mit einem erhöhten Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse assoziiert ist. Auch langkettige, gesättigte Fette, wie Palmitinsäure (enthalten in tierischen Fetten, Palm- und Kokosfetten), können das LDL-C steigern. Durch eine Ernährungsumstellung können Senkungen des LDL-C von deutlich mehr als zehn Prozent erzielt werden.
Ähnlich wie bei der Hypercholesterinämie kann auch bei der Hypertriglyceridämie eine Anpassung der Ernährung helfen. Hier liegt der Fokus auf der reduzierten Zufuhr schnell verfügbarer Kohlenhydrate und verarbeiteter Stärke. Bei Hypertonie (Bluthochdruck) können eine höhere Kaliumzufuhr und eine verringerte Natriumversorgung förderlich sein, vorausgesetzt, die Nierenfunktion ist gesund.
Grundsätzlich gilt, dass nur die Effekte durch eine Ernährungsumstellung korrigiert werden können, die durch eine fehlerhafte Ernährung mitverursacht wurden. Je größer die ernährungsbedingte Schieflage, desto größer ist der Nutzen einer Umstellung auf eine ausgewogene Ernährung. Bei Patient:innen mit erhöhten Risikofaktoren kann durch gezielte Anpassungen der größte Effekt erzielt werden.
Glykämischer Index, Glyx-Diät und andere Diätformen
Der glykämische Index (GI) und die glykämische Last (GL) spielen eine wichtige Rolle, insbesondere für Herz-Kreislauf-Patient:innen und Typ-2-Diabetiker:innen, die häufig mit Übergewicht und metabolischem Syndrom zu kämpfen haben. Diese Instrumente helfen Patient:innen zu verstehen, welche Kohlenhydratquellen sie bevorzugen sollten: ballaststoffreiche Lebensmittel mit niedrigem GI bzw. niedriger GL, wie Gemüse, Obst und Vollkornprodukte. Diese Kohlenhydrate wirken im Körper anders als zugesetzter Zucker oder raffinierte Stärke und unterstützen aufgrund ihres besseren Sättigungseffekts eine Gewichtsnormalisierung.
Die Basis der Ernährungstherapie bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist stets eine ausgewogene Ernährung (Vollkost), sei es eine vollwertige Ernährungsweise nach der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE), eine mediterrane Kost oder eine vegetarische Ernährung, die angemessen mit tierischen Lebensmitteln ergänzt wird.
Ein Cochrane-Review aus dem Juni zeigte jedoch ernüchternde Ergebnisse bezüglich Diäten mit niedrigem glykämischen Index und niedriger glykämischer Last, wie der Glyx-Diät. Es stellte sich heraus, dass diese Diäten wahrscheinlich nur zu geringen oder keinen Gewichtsunterschieden im Vergleich zu anderen Diätformen führen. Prof. Lorkowski räumt ein, dass viele Expert:innen, einschließlich er selbst, größere Effekte erwartet hatten. Die Gründe hierfür liegen in den Limitationen der Studien, wie geringe Stichprobengrößen, kurze Beobachtungszeiträume und die Heterogenität der Ernährungsforschung.
Unabhängig von diesen Schwächen bestätigt die Analyse die Erkenntnis, dass die Gewichtsabnahme primär durch eine reduzierte Energiezufuhr erreicht wird. Für Strategien zur Gewichtsreduktion sollten verschiedene Ansätze in Betracht gezogen werden.
„Heute haben wir jeden Tag Sonntag“
Ob Glyx-Diät, Low Carb oder Low Fat – Prof. Lorkowski betont, dass die Reduzierung der Kalorienzufuhr entscheidend ist. Wissenschaftlich sei es dennoch wichtig, die Vor- und Nachteile spezifischer Ernährungsformen weiter zu erforschen, insbesondere bei Herzpatient:innen. Extrem-Diäten können problematisch sein, etwa eine Very-Low-Carb-Diät wegen fehlender Ballaststoffe oder eine Low-Fat-Diät wegen geringer Zufuhr fettlöslicher Vitamine und essenzieller Fettsäuren.
Ein zentrales Anliegen bei Übergewicht oder Adipositas bleibt die Gewichtsreduktion, und dafür gibt es kein Allheilmittel. Prof. Lorkowski fasst es treffend zusammen: „Verglichen mit früheren Generationen haben wir heute jeden Tag Sonntag. Daher gilt: „Weniger ist mehr.“ Der passende Weg ist für jede Patientin und jeden Patienten individuell zu finden. Individuelle Ansätze wie Cheat Days oder Intervallfasten können dabei hilfreich sein. Trotz der ernüchternden Ergebnisse sollten Lebensmittel mit niedrigem glykämischen Index und niedriger glykämischer Last bevorzugt werden, da sie insgesamt gesundheitliche Vorteile bieten, wie einen höheren Ballaststoffanteil und höhere Gehalte an Mikronährstoffen.
Die WHO spricht von einer „Adipositas-Epidemie“ in Europa, auch bei Kindern. Prof. Lorkowski, selbst in der Ernährungsbildung tätig, sieht sowohl ein Informations- als auch ein Umsetzungsproblem. Veraltete Vorstellungen halten sich hartnäckig, und Einzelmaßnahmen wie Zuckersteuer oder Werbeverbote sind begrenzt wirksam. Es bedarf einer Gesamtstrategie, die über möglichst viele Stellschrauben umgesetzt wird. Erfolgreiche Beispiele wie das sektorenübergreifende Gesundheitsprogramm in der finnischen Stadt Seinäjoki zeigen das Potenzial ganzheitlicher Ansätze auf, um den gesundheitlichen Folgekosten entgegenzuwirken.
Die Rolle von Kardiolog:innen bei der Ernährungsberatung
Im Praxisalltag bleibt Kardiolog:innen oft nur wenig Zeit für eine umfassende Ernährungsberatung. Prof. Lorkowski verdeutlicht, dass dies auch nicht ihre primäre Aufgabe ist. Stattdessen sollten sie den Patient:innen klar machen: „Es bringt etwas! Eine ausgewogene Ernährung bringt mehr Lebensqualität und ein längeres, gesünderes Leben.“
Wichtig ist auch, Patient:innen darüber aufzuklären, wo sie professionelle Ernährungsberatung oder -therapie erhalten können. In vielen Fällen haben sie ein Anrecht darauf. Kardiolog:innen können eine Notwendigkeitsbescheinigung ausstellen, die Patient:innen zusammen mit einem Kostenvoranschlag bei der Krankenkasse zur Bezuschussung oder Kostenübernahme einreichen müssen.
Eine systemische Frage ist die Integration der Ernährungsmedizin ins Curriculum von Medizinstudium und Facharztausbildung, um die Vermittlung von Lebensstilinterventionen zu verbessern.
Blick in die Zukunft: Personalisierte Ernährungsberatung?
Abschließend blickt Prof. Lorkowski in die Zukunft der personalisierten Ernährungsberatung. In Einzelfällen, wie bei der Gendefekt-bedingten familiären Chylomikronämie, ist eine individualisierte, extrem fettarme Diät auf Basis entsprechender Diagnostik notwendig. Aktuell jedoch sind Polymorphismus-, Mikrobiom- und Epigenom-basierte Ernährungsempfehlungen wissenschaftlich nicht belegbar, und dies wird sich nach seiner Einschätzung auch in naher Zukunft kaum ändern, abgesehen von wenigen Ausnahmen. Die größten Effekte werden jetzt und zukünftig mit einer allgemeinen Verbesserung hin zu einer ausgewogenen Ernährung erzielt, sei es mediterran oder nach DGE-Empfehlungen.
Hintergrund-Infos
Glykämischer Index und glykämische Last
Der glykämische Index (GI) misst den Blutzuckeranstieg nach dem Verzehr von 50 g verwertbaren Kohlenhydraten eines Lebensmittels, wobei der Anstieg nach 50 g Glukose als Referenzwert (100) dient. Der GI wird in niedrig (< 55), mittel (55–70) und hoch (70–100) eingeteilt. Lebensmittel mit hohem GI bewirken pro Gramm Kohlenhydrat einen schnelleren und stärkeren Blutzuckeranstieg als solche mit niedrigem GI.
Für eine umfassendere Aussage, die auch die Kohlenhydratmenge pro Portion berücksichtigt, wird die glykämische Last (GL) herangezogen. Sie berechnet sich als GL = (GI × Menge verzehrte verwertbare Kohlenhydrate) / 100 und dient als Indikator für die glykämische Antwort auf eine Lebensmittelportion und den resultierenden Insulinbedarf. GI und GL sind keine stoffspezifischen Konstanten; sie werden auch durch Faktoren wie Zubereitung, Reifegrad und die Anwesenheit von Fett und Protein in einer Mahlzeit beeinflusst.
Glyx-Diät
Die Glyx-Diät klassifiziert Kohlenhydrate in „gut“ und „schlecht“ und nutzt Farbkodierungen in Glyx- und Fett-Tabellen zur Lebensmittelauswahl. Ein niedriger GI ist grün, ein mittlerer gelb und ein hoher rot markiert. Ziel ist es, überwiegend grüne oder gelbe Lebensmittel zu wählen. Rot markierte Lebensmittel sollen mit grünen kombiniert werden, um den Gesamt-GI und Fettgehalt niedrig zu halten.
Die Diät beginnt mit Suppentagen, gefolgt von „Fettburner-Glyx-Wochen“. Die Ernährung fokussiert dauerhaft auf Lebensmittel mit niedrigem GI, mit einem Schwerpunkt auf regelmäßigem Verzehr von Fleisch, Fisch und hochwertigen Fetten, während zuckerhaltige Produkte weitgehend vermieden werden. Abendmahlzeiten sind proteinreich, um die nächtliche Fettverbrennung zu fördern. Die Glyx-Diät sieht täglich drei Mahlzeiten vor.
Referenzen
- Chekima K et al. Low glycaemic index or low glycaemic load diets for people with overweight or obesity. Cochrane Database of Systematic Reviews 2023, Issue 6. Art. No.: CD005105. DOI: 10.1002/14651858.CD005105.pub3
- Koivusilta, L., Alanne, S., Kamila, M. et al. A qualitative study on multisector activities to prevent childhood obesity in the municipality of Seinäjoki, Finland. BMC Public Health 22, 1298 (2022). https://doi.org/10.1186/s12889-022-13658-z
- Holzapfel C et al. Genetics and Epigenetics in Personalized Nutrition: Evidence, Expectations, and Experiences. Mol Nutr Food Res. 2022 Sep;66(17):e2200077. doi: 10.1002/mnfr.202200077. Epub 2022 Jul 10. PMID: 35770348
- 10 Regeln der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) zur Patientenunterstützung
