Die Fußballwelt blickte gespannt auf ein Ligue 1-Spiel zwischen Paris St-Germain und Montpellier, doch es war nicht das Geschehen auf dem Platz, das die Schlagzeilen beherrschte. Stattdessen löste die Abwesenheit des senegalesischen Mittelfeldspielers Idrissa Gueye eine weitreichende Diskussion aus. Der ehemalige Profi von Aston Villa und Everton soll sich geweigert haben, an der Partie teilzunehmen, um nicht das Regenbogentrikot zu tragen, das zur Unterstützung von LGBTQ+-Rechten getragen wurde. Dieser Vorfall wirft ein Schlaglicht auf die komplexen Schnittstellen zwischen Sport, individueller Überzeugung und gesellschaftlicher Verantwortung.
Der Vorfall in Montpellier
Am Samstag, den 14. Mai 2022, fehlte der damals 32-jährige Idrissa Gueye beim 4:0-Sieg von PSG gegen Montpellier. Auf Nachfrage der Presse erklärte PSG-Trainer Mauricio Pochettino lediglich, Gueye sei aus “persönlichen Gründen” nicht anwesend gewesen. Doch schon bald verdichteten sich die Gerüchte, dass die wahren Motive tiefer lagen und im Zusammenhang mit der jährlichen Aktion der Ligue de Football Professionnel (LFP) standen, Homophobie und Transphobie im Sport zu bekämpfen. Im Rahmen dieser Kampagne tragen Spieler und Offizielle spezielle Regenbogentrikots oder -armbänder, um ein Zeichen für Vielfalt und Inklusion zu setzen.
Die französische Fußballföderation (FFF) forderte Gueye Berichten zufolge um eine Klärung seiner Abwesenheit auf. Dies unterstreicht die Ernsthaftigkeit, mit der die Liga und der Verband das Thema behandeln und ihre Verpflichtung zur Förderung von Werten wie Respekt und Gleichheit betonen. Ein Spieler, der sich explizit einer solchen Kampagne verweigert, stellt die einheitliche Botschaft der Liga in Frage und kann potenziell weitreichende Konsequenzen nach sich ziehen.
Reaktionen und Solidarität (oder deren Fehlen)
Der Vorfall mit Gueye rief gemischte Reaktionen hervor, sowohl innerhalb der Fußballgemeinschaft als auch in der Öffentlichkeit. Einige seiner Landsmänner und Kollegen schienen ihre Unterstützung für Gueyes Haltung auszudrücken. Cheikhou Kouyate von Crystal Palace und Ismaila Sarr von Watford, beide ebenfalls senegalesische Nationalspieler, posteten in den sozialen Medien Botschaften, die als indirekte Solidaritätsbekundungen für Gueye interpretiert wurden. Kouyate veröffentlichte ein Bild von sich und Gueye auf Instagram mit der Bildunterschrift, Gueye sei “ein echter Mann”. Sarr postete ein Bild von sich und Gueye mit drei Herz-Emojis und dem Kommentar “100%”.
Diese öffentlichen Äußerungen lösten wiederum eigene Diskussionen aus. Watford reagierte auf Sarrs Post, indem der Verein sein Engagement für Gleichheit und Vielfalt bekräftigte und hinzufügte, dass man bereit sei, seinen Mitarbeitern weitere Bildung und Unterstützung anzubieten. Crystal Palace-Trainer Patrick Vieira erklärte in einer Pressekonferenz, dass er mit seinen Spielern sprechen würde, sollten sie in Bezug auf Gueye gepostet haben, und bezeichnete dies als “interne Angelegenheit”. Dies zeigt das Spannungsfeld, in dem sich Vereine befinden, wenn die individuellen Überzeugungen von Spielern mit den Werten und Kampagnen der Liga kollidieren.
Kontext: Legalität und kulturelle Hintergründe
Der Fall Gueye ist vor dem Hintergrund der unterschiedlichen rechtlichen und kulturellen Rahmenbedingungen zu betrachten. In Senegal, Gueyes Heimatland, ist Homosexualität illegal und kann mit Gefängnisstrafen von bis zu fünf Jahren geahndet werden. Auch in Katar, dem Herkunftsland der PSG-Eigentümer und Gastgeber der Männer-Fußball-Weltmeisterschaft 2022, ist Homosexualität illegal. Diese Diskrepanz zwischen den Gesetzen und gesellschaftlichen Normen in verschiedenen Teilen der Welt und den Werten der Offenheit und Inklusion, die der europäische Fußball zu vermitteln versucht, ist ein zentraler Aspekt der Kontroverse.
In den sozialen Medien entwickelte sich unter dem Hashtag #WeareallIdrissa eine weltweite Diskussion, die am Mittwoch zeitweise zu einem der meistgenutzten Twitter-Trends wurde. Zahlreiche Nutzer, insbesondere aus afrikanischen und arabischen Ländern, äußerten ihre Unterstützung für Gueyes angebliche Weigerung und verwiesen auf religiöse oder kulturelle Gründe für ihre Haltung. Dies verdeutlicht die globale Reichweite und die kulturelle Sensibilität des Themas und die unterschiedlichen Perspektiven, die in dieser Debatte aufeinandertreffen.
Fussball als Plattform für soziale Botschaften
Der Vorfall mit Idrissa Gueye steht in starkem Kontrast zu einer anderen bemerkenswerten Entwicklung im Fußball: dem Coming-out des damals 17-jährigen Blackpool-Stürmers Jake Daniels. Daniels outete sich im Mai 2022 als erster offen schwuler Profifußballer in Großbritannien seit Justin Fashanu vor 30 Jahren. Seine Entscheidung wurde überwiegend positiv aufgenommen und als wichtiger Schritt für die Akzeptanz von LGBTQ+-Personen im Profisport gefeiert.
Diese beiden Ereignisse – Gueyes mutmaßliche Weigerung und Daniels’ Coming-out – zeigen die Bandbreite der Erfahrungen und Meinungen im modernen Fußball. Sie unterstreichen die wachsende Rolle des Sports als Plattform für soziale Botschaften und als Spiegel gesellschaftlicher Debatten. Während der europäische Fußball zunehmend bestrebt ist, sich als inklusiv und offen zu präsentieren, stehen individuelle Überzeugungen und unterschiedliche kulturelle Hintergründe dem manchmal entgegen. Vereine, Ligen und Verbände stehen vor der Herausforderung, ihre Werte klar zu kommunizieren und gleichzeitig den respektvollen Umgang mit Diversität zu gewährleisten.
Fazit und Ausblick
Der Fall Idrissa Gueye ist mehr als nur ein isolierter Vorfall; er ist ein Symptom für die komplexen Spannungen zwischen persönlicher Freiheit, religiöser Überzeugung und der gesellschaftlichen Verantwortung des Profisports. Er verdeutlicht die Herausforderungen bei der Umsetzung von Inklusionskampagnen in einem globalisierten Umfeld, in dem Spieler aus unterschiedlichsten Kulturen und mit verschiedenen Wertvorstellungen zusammenkommen.
Für PSG und die französische Liga wirft dieser Vorfall Fragen über den Umgang mit Spielern auf, die sich nicht mit den offiziellen Kampagnen identifizieren. Es wird entscheidend sein, wie diese Organisationen ihre Werte verteidigen und gleichzeitig einen konstruktiven Dialog fördern, anstatt Spaltungen zu vertiefen. Letztlich unterstreicht die Debatte um Idrissa Gueye die Notwendigkeit, weiterhin über LGBTQ+-Rechte im Sport aufzuklären und für eine Kultur der Akzeptanz und des Respekts einzutreten, in der sich jeder, unabhängig von seiner sexuellen Orientierung oder Identität, willkommen und sicher fühlen kann.
