Die Faszination für das Deutsche Kaiserreich und seine komplexe Gesellschaftsstruktur ist ungebrochen. Wer tief in diese Epoche eintauchen und Deutschland im Kaiserreich entdecken möchte, findet in historischen Romanen oft eine lebendige Brücke zur Vergangenheit. Hanna Caspians Trilogie, beginnend mit „Gut Greifenau“, bietet genau das: eine detaillierte und fesselnde Erkundung des Lebens des Adels und seiner Dienerschaft in Hinterpommern kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Dieses Werk ist mehr als nur eine Familiensaga; es ist ein Fenster in eine Zeit, in der soziale Ordnungen festzementiert schienen und der Wind des Wandels bereits wehte.
Das Leben im Deutschen Kaiserreich: Adel und Dienerschaft
Das Jahr 1913 auf dem stattlichen Landgut der Grafenfamilie Auwitz-Aarhayn in Hinterpommern stellt eine Welt dar, die auf den ersten Blick in bester Ordnung scheint. Doch der tragische Tod des Familienpatrons Donatus bringt diese Ordnung ins Wanken und enthüllt die tiefen Gräben zwischen den Generationen und den Gesellschaftsschichten. Die Trilogie wird häufig mit der Erfolgsserie Downton Abbey verglichen, und dieser Vergleich ist durchaus berechtigt. Auch hier wird der scharfe Kontrast zwischen Arm und Reich schonungslos offengelegt. Während die Familie Auwitz-Aarhayn in den prächtigen Gemächern von Gut Greifenau residiert, führt die Dienerschaft in den unteren Etagen ein grundlegend anderes Leben.
Die Autorin Hanna Caspian veranschaulicht eindringlich, wie das Schicksal eines Menschen in jener Zeit oft schon durch seine Geburt festgelegt war. Wer in eine arme Familie hineingeboren wurde, war dazu bestimmt, ein Leben lang im Dienste der oberen Schicht zu stehen. Fleiß oder Intelligenz vermochten diesen vorbestimmten Weg selten zu ändern. Diese tief sitzende Ungerechtigkeit belastet auch die Bediensteten auf Gut Greifenau. Ihr Alltag ist geprägt von zehn- bis zwölfstündiger Arbeit, stets der adligen Familie zu Diensten, und der impliziten Dankbarkeit, überhaupt eine Anstellung gefunden zu haben.
Selbst für den Adel, dem ein scheinbar sorgenfreies Leben beschieden war, gab es strenge gesellschaftliche Vorgaben und Grenzen. Jüngere Kinder wie Katharina und Alexander durften selten wirklich Kind sein; ihre Erziehung durch Kindermädchen und Hauslehrer war auf gesellschaftliche Etikette und nicht auf individuelle Wünsche ausgerichtet. Caspian gelingt es meisterhaft, diese gesellschaftlichen Unterschiede zu beleuchten und zudem aufzuzeigen, dass Geld nicht gleich Geld war. Der alte deutsche Adel weigerte sich, mit den sogenannten Neureichen, die durch den industriellen Wandel zu Wohlstand gelangten, auf eine Stufe gestellt zu werden. Familien wie die Urbans, obwohl teils vermögender, wurden mit Hochmut betrachtet, der auf der vermeintlichen Überlegenheit eines alten Adelstitels basierte.
Konflikte und Wünsche: Charakterporträts einer Epoche
Der Roman entfaltet eine Vielzahl an Charakteren, deren Schicksale eng mit den gesellschaftlichen Umbrüchen der Zeit verknüpft sind. Ein Personenregister am Anfang des Buches erweist sich als äußerst hilfreich, um den Überblick zu behalten. Gräfin Feodora, die Schwiegertochter des verstorbenen Donatus, ist eine Figur, die fast schon überzogen arrogant und hochnäsig wirkt. Ihr einziges Streben gilt dem gesellschaftlichen Ansehen, und sie scheut nicht davor zurück, ihre entfernte Verwandtschaft zur russischen Zarenfamilie zu ihrem Vorteil auszuspielen. Ihr erklärtes Ziel ist es, ihre jüngste Tochter Katharina vorteilhaft mit Ludwig von Preußen, dem Neffen des deutschen Kaisers, zu verheiraten – ein Vorhaben, das sie selbst bei offensichtlichen Bedenken skrupellos vorantreibt, da die Verbindung zur Kaiserfamilie alle anderen Erwägungen überwiegt.
Im Gegensatz dazu steht Konstantin, Feodoras Erbe. Er ist ein äußerst sympathischer Charakter, der die verstaubten Ansichten seiner Mutter nicht teilt. Seine modernen Einstellungen betreffen sowohl die Führung des Gutes als auch die gesellschaftlichen Konventionen. Doch auch er leidet unter dem starren Standesdenken und findet es schwer, offen dagegen zu rebellieren. Seine Liebe zur bürgerlichen Dorflehrerin Rebecca Kurscheidt, einer überzeugten Sozialistin, ist ein Spiel mit dem Feuer, da sie seine wahre Identität nicht kennt. Auch Katharina und ihr Bruder Alexander fühlen sich in ihren vorgegebenen Rollen unglücklich und versuchen, gegen die gesellschaftlichen Zwänge aufzubegehren. Katharinas Zuneigung gilt Julius, dem Sohn eines Großindustriellen, der trotz seines Reichtums vom alten Adel nicht als standesgemäß angesehen wird.
Besonders beeindrucken die Figuren des Kutschers Albert Sonntag und der Dorflehrerin Rebecca Kurscheidt. Beide wirken sehr sympathisch und vertreten vehement ihre Überzeugungen. Albert Sonntag, der im Hintergrund agiert, birgt ein besonderes Geheimnis und zeigt sich als gerechter Mensch, der für andere eintritt, wenn ihnen Unrecht geschieht. Rebecca Kurscheidt, insgeheim eine Sozialistin, weigert sich, die Klassenunterschiede zu akzeptieren, und kämpft mit vollem Einsatz für die Belange der Dorfbewohner. Ihre Entwicklungen versprechen für die Fortsetzung der Trilogie viel Spannung.
Hinterpommern und der Schatten des Ersten Weltkriegs: Historische Einbettung
Die Familie Auwitz-Aarhayn mag fiktiv sein, doch die Autorin Hanna Caspian hat ihre Geschichte auf bemerkenswerte Weise mit fundierten historischen Fakten rund um die Ereignisse verknüpft, die zum Ersten Weltkrieg führten. Das Setting in Hinterpommern, einem Landstrich, der heute teilweise zu Polen gehört, war 1913 ein integraler Bestandteil des Deutschen Kaiserreichs. Diese präzise Einbettung der fiktiven Erzählung in reale historische Gegebenheiten verleiht dem Roman eine beachtliche Tiefe und Authentizität. Leser, die Deutschland im Kaiserreich entdecken möchten, erhalten hier nicht nur eine spannende Unterhaltung, sondern auch einen lebendigen Einblick in die Atmosphäre und die politischen Spannungen jener Zeit. Der drohende Ausbruch des Krieges schwebt als dunkler Schatten über den persönlichen Schicksalen und den gesellschaftlichen Konflikten, was die Geschichte umso eindringlicher macht.
Ein fesselnder Auftakt: Schreibstil und Potenzial der Trilogie
Der Schreibstil von Hanna Caspian ist lebhaft und unterhaltsam, sodass sich das Buch flüssig liest und zu keinem Zeitpunkt Langeweile aufkommt. Dies liegt nicht zuletzt an den vielen verschiedenen Handlungssträngen, die parallel verlaufen und übersichtlich in den Romanverlauf eingebaut sind. Von den persönlichen Dramen der Adelsfamilie über die heimlichen Lieben bis hin zu den politischen Entwicklungen – Caspian verwebt alles zu einem großen Ganzen.
Das Buch ist beim Knaur Verlag erschienen und besticht durch ein ansprechend gestaltetes Cover. Es zeigt eine adlige Dame im Vordergrund, die gut und gerne Gräfin Feodora darstellen könnte, und im Hintergrund ein herrschaftliches Anwesen. Die vorherrschenden Sepiatöne harmonieren hervorragend mit dem metallisch gehaltenen Schriftzug des Titels. Leider kann sich dieser beim Lesen abgreifen. Nichtsdestotrotz ist das Buch physisch ansprechend und lädt zum Lesen ein.
Am Ende des ersten Bandes bleiben viele Fragen offen, was den Leser mit einem gemeinen Cliffhanger zurücklässt und die Neugier auf die Fortsetzung weckt. Man darf gespannt sein, wie sich die einzelnen Verläufe im nächsten Teil entwickeln und welche weiteren Facetten des Lebens im Kaiserreich die Autorin noch enthüllen wird.
Fazit: Eine vielversprechende Reise in die Vergangenheit
„Gut Greifenau“ ist ein vielversprechender Auftakt einer Familientrilogie, die reichlich Potenzial für die nachfolgende Geschichte birgt. Für alle, die Deutschland im Kaiserreich entdecken möchten, bietet dieser Roman eine unterhaltsame und zugleich aufschlussreiche Möglichkeit, in eine vergangene Ära einzutauchen. Die detaillierte Darstellung der sozialen Strukturen, die vielschichtigen Charaktere und die geschickte Verwebung mit historischen Fakten machen die Trilogie zu einer empfehlenswerten Lektüre für Liebhaber historischer Romane und jene, die mehr über die deutsche Geschichte erfahren möchten. Der offene Schluss garantiert, dass man die Fortsetzung kaum erwarten kann.
