Die Debatte um Robert Habeck, seine Rolle als Vizekanzler und seine Tätigkeit als Kinderbuchautor, hat jüngst wieder Fahrt aufgenommen. Es ist eine Diskussion, die sich nicht nur um politische Fähigkeiten dreht, sondern auch um die Qualität und den Wert von Kinderliteratur – und die Frage, ob ein Politiker mit einem „künstlerischen“ Nebenberuf ernst genommen werden sollte. Doch wie steht es wirklich um die literarische Arbeit des Grünen-Politikers? Eine eingehende Betrachtung seiner Bücher, insbesondere im Vergleich zu den Meistern des Genres, offenbart eine kritische Distanz.
Der Schreibstil: Pathos ohne Wahrhaftigkeit
Betrachtet man Robert Habecks gemeinsames Werk mit seiner Frau Andrea Paluch, wie zum Beispiel das Kinderbuch „Ruf der Wölfe“, fällt ein spezifischer Stil auf. Die Eröffnungspassage „Zwischen den dichten Stämmen steht die Stille. Nur die rieselnden Schneeflocken klirren leise. Der Vollmond gießt ein farbloses Licht über Himmel und Erde. Der Wald verschließt sich hinter einer schwarzen Mauer aus Kiefern“ soll offenbar eine tiefe, naturnahe Empfindsamkeit vermitteln. Doch diese Sprache, die man als „tantenhafte Natur-Prosa“ bezeichnen könnte, ringt mit der Realität. Schneeflocken klirren nicht, und ein Mond gießt kein Licht. Kiefern bilden zudem keinen Wald hinter einer Mauer, sondern sind selbst Teil des Waldes. Solche Formulierungen zeugen oft von einer Sehnsucht nach Gefühl, vermitteln aber selten authentische Empfindung. Es ist ein Stil, der Pathos sucht, aber an Wahrhaftigkeit vermissen lässt.
Mit Schriftstellerin Andrea Paluch ist Habeck seit 1996 verheiratet
Der politische Diskurs um Kinderbuchautoren
Diese Woche stand Robert Habeck nicht nur wegen seiner politischen Entscheidungen im Fokus, sondern auch aufgrund von Äußerungen des CDU-Vorsitzenden Friedrich Merz. Auf dem Parteitag der Nordrhein-Westfalen-CDU eröffnete Merz den Bundestagswahlkampf 2025 mit den Worten: „Der Robert Habeck ist Kinderbuchautor, okay. Ich bin Jurist. Hoffentlich auch okay. Aber uns beide verbindet eines, wir haben von Technologie beide keine Ahnung.“ Diese Bemerkung stieß auf viel Kritik, unter anderem von Ricarda Lang, die Merz’ Strategie, politische Gegner durch das Lächerlichmachen von Berufen wie Kinderbuchautor oder Klempner (wie er Olaf Scholz nannte) abzuwerten, als „gewagt“ bezeichnete. Die Diskussion rührt an die grundlegende Frage, ob der Beruf eines Kinderbuchautors weniger angesehen oder relevant ist als andere Tätigkeiten.
Die Magie der Kinderliteratur: Was Habeck fehlt
Tatsächlich gehört der Beruf des Kinderbuchautors zu den schönsten und bedeutungsvollsten überhaupt. Persönlichkeiten wie Astrid Lindgren, Michael Ende, Joanne K. Rowling, Mark Twain, Janosch oder Tove Jansson haben zeitlose Literatur geschaffen, deren Poesie, Kraft und Schönheit unvergänglich sind. Figuren wie Momo, die Mumins, Tiger und Bär, Harry Potter oder Huckleberry Finn prägen ganze Generationen und erzählen Geschichten, die man nie wieder vergisst. Sie repräsentieren oft eine kindliche Welt, die die Erwachsenenwelt mit Naivität, Frechheit und Mut herausfordert und überwindet.
Leider lässt sich diese Magie in den Werken des Autorenduos Habeck/Paluch kaum finden. Ihre Charaktere, so die Kritik, verfügen über keine ausgeprägten Eigenschaften, die über ihr bürgerliches Milieu hinausgehen. Sie sind weder rebellisch noch anarchistisch, weder besonders poetisch noch zärtlich. Es sind grundnormale, oft langweilige Kinder grundlangweiliger Eltern. Dies muss an sich nicht schlecht sein; auch Astrid Lindgren beginnt ihren „Karlsson vom Dach“ mit doppelter Gewöhnlichkeit: „Oben auf dem Dach eines ganz gewöhnlichen Hauses in einer ganz gewöhnlichen Straße in Stockholm wohnt ein Mann namens Karlsson.“ Der entscheidende Unterschied liegt jedoch im anschließenden Bruch, in der Überraschung und Spannung, die Lindgren einführt. Bei Habeck und Paluch fehlt dieser unerwartete Twist.
Zwischen Fantasie und Alltag: Eine kritische Charakterzeichnung
In der Kurzgeschichte „Geschwistertausch“ aus dem Buch „Kleine Helden, große Abenteuer“ sucht man vergeblich nach einem Karlsson, einem Sams oder einer Pippi Langstrumpf. Stattdessen begegnet man Rebekkas, Carlas und Jakobs, deren größtes Problem darin besteht, dass ein Elternteil zu viel arbeitet und daher Fertig-Pizza zubereiten möchte. Dies ist genau die Art von Alltagsdrama, die junge Menschen, die den Grünen heute zu „rechts“ sind, möglicherweise als Ausdruck einer „ekligen weißen Mehrheitsgesellschaft“ bezeichnen würden – eine Formulierung, die die ehemalige Bundessprecherin der Grünen Jugend, Sarah-Lee Heinrich, einst prägte. Es ist eine Darstellung, die weit entfernt ist von der mitreißenden Fantasie und dem Witz guter Kinderbücher und stattdessen eher anspruchslos dahinfließt, wie die oft als phantasielos geltenden „Conni“-Bücher.
Der Mangel an Rebellion und Witz
Das Großartige an wirklich guten Kinderbüchern ist die Verkörperung der kindlichen Macht. Die oft unfreiwillige Heldenwerdung, die entwaffnende Naivität, Frechheit, der Mut und die Schlagfertigkeit, die es den jungen Protagonisten ermöglichen, über die Welt der Erwachsenen zu triumphieren. Man denke an Pippi Langstrumpf, Jim Knopf oder Momo. Diese Kinder sind keine kleinen Erwachsenen, die Probleme mit Vernunft und Rationalität lösen wollen – ein Ansatz, den Politiker nur allzu gerne verfolgen. Vielmehr sind sie in dieser Art von Kinderliteratur kleine Punks, die ihre eigenen Regeln aufstellen und laut „Fuck the System“ rufen.
Habeck im Mai 2007 mit seinem Jugendroman „Unter dem Gully liegt das Meer“
Bei Habeck und Paluch zeigt sich hingegen das Gegenteil. Sie scheuen sich sogar davor, das Wort „Arschbombe“ zu verwenden, und lassen ihre Kinder stattdessen „Poklatscher“ im Schwimmbad machen. In anderen Werken ist der Ton noch gedrückter. In „Ruf der Wölfe“, das sich um die Angst ländlicher Menschen vor dem Wolf dreht, nachdem die Hühner eines Bauern gerissen wurden, findet sich eine Szene, in der die Polizei im Stall den Schaden aufnimmt. Das Mädchen Clara und der Ich-Erzähler sind anwesend. Als der Bauer wütend droht, die „Bestie“ selbst zu erledigen, flüstert Clara: „Das war nicht der Wolf“, und erklärt leise: „Es ist sehr unwahrscheinlich, dass ein Wolf in ein Haus reinläuft.“ Clara agiert hier als das fantasielose „Follow-the-Science“-Mädchen, so erwachsen und neunmalklug, dass es schmerzt. Man wünscht sich in solchen Momenten sofort das Sams zurück, das mit seinen Reimen wie „Frau Rosenkohl ist innen hohl, Frau Rosenknall ist wie ein Ball, Frau Rosenkluft enthält nur Luft“ die Welt der Erwachsenen auf den Kopf stellt. Wenn Kinder in Kinderbüchern wie kleine Akademiker reden, verliert das Lesen seinen Sinn und seinen Zauber.
Politiker und ihre Nebenrollen: Ein Blick auf historische Beispiele
Habeck-Kritiker argumentieren, seine Tätigkeit als Kinderbuchautor mache ihn zu einem schlechten Politiker, getreu dem Motto „Schuster, bleib bei deinen Leisten“. Eine solche Haltung ist jedoch reaktionärer Unfug und erinnert an eine längst vergangene Ständegesellschaft. Die Geschichte ist reich an Beispielen für Persönlichkeiten, die in verschiedenen Bereichen brillierten: Goethe war gleichzeitig Politiker, Künstler und Schriftsteller. Winston Churchill, nicht nur ein herausragender britischer Premierminister, wurde sogar mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Und Edi Rama, der derzeitige albanische Regierungschef, ist ein anerkannter zeitgenössischer Künstler, der seine Werke in New York, Berlin und Venedig ausstellt. Die Annahme, eine Person könne nur in einem Feld kompetent sein, ist schlichtweg falsch.
Fazit: Wo Robert Habeck am besten aufgehoben ist
Dennoch, wenn man Sätze wie „Wir folgen dem Tunnel, den seine Taschenlampe in die Schwärze malt“ aus „Ruf der Wölfe“ liest, kommt der Gedanke auf, dass Robert Habeck vielleicht tatsächlich die richtige Wahl getroffen hat, als er Politiker wurde. Als Vollzeit-Kinderbuchautor könnte er möglicherweise mehr „Schaden“ anrichten, indem er eine Kinderliteratur schafft, die zwar gut gemeint, aber in ihrer Ausführung leider wenig von der Magie und dem Esprit besitzt, die dieses Genre so einzigartig und wertvoll machen. Es bleibt zu hoffen, dass er als Politiker größere Geschichten zu erzählen und positivere Spuren zu hinterlassen vermag, als es ihm in seinen Kinderbüchern gelingt.
