Hamburg: Wo zwei Vereine eine Stadt spalten

Der Hamburger Sv (HSV) und der FC St. Pauli – zwei Fußballvereine, die in der zweitgrößten Stadt Deutschlands beheimatet sind, aber unterschiedlicher nicht sein könnten. Der 93. Hamburger Stadtteil-Derby endete zwar torlos, doch die Rivalität zwischen den beiden Clubs ist tief verwurzelt und spiegelt unterschiedliche Philosophien und Fan-Kulturen wider. Während der HSV auf eine glorreiche Vergangenheit als mehrfacher Deutscher Meister und Europapokalsieger zurückblickt, steht der FC St. Pauli für eine alternative, politisch engagierte Fanbasis im Herzen des Stadtteils St. Pauli. Diese besondere Rivalität ist ein faszinierendes Spiegelbild der Vielfalt deutscher Fußballkultur.

Die lange Wut: Sieben Jahre des Wartens

Sieben Jahre mussten die HSV-Fans auf die Chance zur Revanche warten. Sieben Jahre seit dem letzten Derby-Sieg des FC St. Pauli im Jahr 2011, der ihnen für lange Zeit die “Vorherrschaft” in der Stadt sicherte. Nach dem ersten Abstieg des HSV aus der Bundesliga schien die Zeit reif, diese Schmach zu tilgen. Doch die Vorzeichen für das Wiedersehen waren angespannt. Bereits im August eskalierten die Spannungen zwischen Ultras beider Vereine. Auseinandersetzungen bei Konzerten und Störungen von Choreografie-Vorbereitungen führten zu Verletzten und zu wütenden Racheankündigungen seitens der HSV-Ultras, die ihre Feindseligkeit mit aufgehängten Strohpuppen in den Vereinsfarben des Rivalen zeigten.

Zwei Welten: HSV gegen St. Pauli

Das Hamburger Derby ist ein Aufeinandertreffen von Gegensätzen. Der HSV, repräsentiert durch seine Raute auf blau-weißem Hintergrund, war einst Norddeutschlands Antwort auf Bayern München. Gesänge wie “Sechsmal Deutscher Meister, viermal Pokalsieger, immer erster Liga, HSV!” zeugen von einer stolzen Tradition. Diese Ära ist jedoch vorbei, und der Verein steht vor neuen Herausforderungen.

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Ganz anders der FC St. Pauli. Der Club, beheimatet im alternativen Milieu rund um die Reeperbahn, wurde in den 1980er Jahren zu einer Anlaufstelle für jene, die sich von den zunehmend von Rechtsextremen dominierten Fußballplätzen abwenden wollten. Jörg Marwedel, Autor und Journalist, erklärt: “Ich bin mit dem HSV aufgewachsen, aber die Situation mit den Neonazis wurde mir zu viel – und ich war nicht der Einzige.” St. Pauli entwickelte sich zu einem Symbol für Antirassismus, Antifaschismus und Anti-Homophobie. Auch wenn Lena, eine aktive St. Pauli-Fans, betont, dass das Derby keine politische Schlacht sei, sondern ein “Kampf der Visionen, wie Fußball gemanagt werden sollte”, so ist die politische Haltung des Vereins unverkennbar.

Mitglieder kontrolliert vs. Investor getrieben

Die Strukturen der beiden Clubs sind grundlegend verschieden. Während der FC St. Pauli zu 100 Prozent von seinen Mitgliedern kontrolliert wird, ist der HSV seit der Ausgliederung seiner Profiabteilung im Jahr 2014 auf die finanzielle Unterstützung von Milliardär Klaus-Michael Kühne angewiesen. “Es ist extrem wichtig für mich, Mitglied in einem Verein zu sein, der von seinen Mitgliedern kontrolliert wird”, sagt Lena. “In den letzten Jahren hat der HSV gezeigt, was passieren kann, wenn eine einzelne Person zu viel Macht hat.” Ein Spruchbanner im Gästeblock fasste die Kritik pointiert zusammen: “HSV: Eine Liebe, so leicht gekauft wie auf der Reeperbahn!” Die HSV-Ultras konterten: “Eure Werte sind fast so stark wie eure Hooligans!” – eine Anspielung auf die angebliche Scheinheiligkeit der Paulianer, die ebenfalls ein professioneller Zweitligist sind und deren Club sich längst zu einer global vermarkteten Marke entwickelt hat. Das Totenkopf-Symbol, einst ein Zeichen der Rebellion, ziert heute T-Shirts weltweit, und so mancher Sympathisant wird mehr vom Image als von den Werten angezogen.

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Derby-Tag in Hamburg

“Wir sind der Club aus der Innenstadt!”, riefen die Ultras Sankt Pauli vor dem Spiel. “Der Club, der weiß, woher er kommt und seine Wurzeln schützt!” Alle 5.500 Tickets im Gästeblock waren innerhalb von 300 Sekunden vergriffen. Im Stadion entrollten die Paulianer ein Banner mit einer Kapitänsbinde tragenden Totenkopf-Figur, während im gegnerischen Block eine beeindruckende Choreografie mit den Titeln des HSV präsentiert wurde: “Versuch es, wie du willst, aber unsere Größe ist in Stein gemeißelt.”

Doch nach sieben Jahren des Wartens enttäuschte das Spiel. Weder die Erwartungshaltung noch die übermäßige Vorsicht beider Mannschaften konnten für ein fußballerisches Highlight sorgen. Bis auf eine Chance in der Nachspielzeit durch St. Paulis Cenk Sahin, die HSV-Torhüter Julian Pollersbeck parierte, bot die Partie kaum Höhepunkte. So trennten sich die beiden Hamburger Vereine, die als Clubs Welten auseinanderliegen, mit einem 0:0. Die nächste Begegnung im März im Millerntor-Stadion wird zeigen, ob die Leidenschaft der Fans auch auf dem Spielfeld wiederbelebt werden kann.