Das Angst-Derby: Wenn Fußball mehr ist als nur ein Spiel

Fußball ist Leidenschaft, Emotion und Identität. Doch in Deutschland gibt es ein Duell, das über das Sportliche hinausgeht: Das “Angst-Derby” zwischen Hansa Rostock und dem FC St. Pauli. Es ist nicht nur ein Spiel der 2. Bundesliga, sondern ein Spiegel tiefer gesellschaftlicher und politischer Gräben, die bis heute zwischen Ost und West, zwischen unterschiedlichen Weltanschauungen bestehen. Zeitungen prophezeien im Vorfeld Katastrophen, und die Berichte nach dem Spiel bestätigen oft die schlimmsten Befürchtungen. Wie kann ein Fußballspiel eine solche Brisanz entwickeln, die selbst massive Polizeiaufgebote kaum eindämmen können? Tauchen wir ein in die Geschichte und die Hintergründe dieser einzigartigen und oft beängstigenden Rivalität.

Die Wurzeln eines Hassduells: Hansa Rostock vs. St. Pauli

Die Rivalität zwischen Hansa Rostock und dem FC St. Pauli ist tief in den unterschiedlichen Entwicklungen und Ideologien beider Städte und Vereine verwurzelt. Während St. Pauli für seine linke, antifaschistische und weltoffene Haltung bekannt ist, hat sich in Teilen der Rostocker Fanszene und der Stadt selbst eine ausgeprägte rechtsextreme Szene etabliert. Dieses Aufeinandertreffen von Ideologien macht das Derby zu einem hochexplosiven Ereignis.

Eine Stadt im Wandel: Rostocks Geschichte und Herausforderungen

Rostock, eine traditionsreiche Hansestadt an der Ostseeküste, war einst ein blühendes Handelszentrum. Die Warnow verbindet die Stadt mit der kalten, unruhigen Ostsee. Die Hansezeit, von der der Fußballverein seinen Namen hat, prägte Rostock als weltoffenen Handelsknotenpunkt. Heute ist es eine windgepeitschte Stadt, partnerschaftlich verbunden mit Städten wie Göteborg, Bergen und Dünkirchen. Im schönen Marktplatz kann man an seltenen Sonnentagen einen Rostocker Dunkel genießen und das Treiben beobachten. Doch Rostock ist auch ein Ort, an dem sich der Neonazismus stark ausgebreitet hat. Dies mag paradox erscheinen für eine Stadt, die traditionell nach außen orientiert und vom Handel abhängig war. Die Wurzeln dieser insularen, rechtsextremen Politik eines beträchtlichen Teils der Rostocker Bevölkerung liegen im Fall der DDR.

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Hansa Rostock: Ein Verein im Spiegel der DDR und Nachwendezeit

In der ehemaligen DDR genoss Rostock eine privilegierte Stellung. Es wurde zum wichtigsten Hafen des Staates, als Kontaktpunkt mit dem restlichen Europa angesehen und stark industrialisiert. Staatliche Gelder wurden in den Norden verschoben, um das historische Zentrum wiederaufzubauen, das im Krieg schwere Schäden erlitten hatte. Die Gunst der DDR-Regierung erstreckte sich sogar auf den Fußballverein der Stadt. 1954 wurde entschieden, dass der Haupthafen der Nation ein konkurrenzfähiges Fußballteam brauchte, etwas, das Rostock einfach nicht besaß. Anstatt zu versuchen, mit vergleichsweise knappen Ressourcen ein Team von Grund auf neu aufzubauen, entschied die Regierung einfach, eines von anderswoher zu verlegen.

Der unglückliche Verein war Empor Lauter aus Niedersachsen. Es gab viele adäquate Vereine in der Region, so die Theorie, so dass der Verlust eines Vereins kein großer Schlag wäre. Das gesamte Personal von Lauter zog für die Saison 1954/55 geschlossen nach Rostock. 1965 wurde der Verein zu einem von elf Teams, die von den Sportbehörden als „Fokusklub“ bezeichnet wurden, um einen Kern von Exzellenz zu bilden und eine starke Nationalmannschaft zu fördern.

Das Team zeichnete sich nie wirklich aus, seine umgeleiteten Ressourcen entsprachen nie ganz denen der beiden Dynamos, Dresden und Berlin. Vielleicht entwickelte sich Rostocks beste Mannschaft gerade, als die Berliner Mauer fiel. Sie wurden zum ersten Mal in der allerletzten Saison des ostdeutschen Fußballs nationaler Meister und gewannen auch einen verkürzten DDR-Pokal. Dieser Erfolg ermöglichte es ihnen, zusammen mit Dresden als ostdeutsche Vertreter in die neu vereinigte Bundesliga einzutreten. Doch in der Marktwirtschaft des vereinigten Deutschlands begannen sowohl der Verein als auch die Stadt zu kämpfen. Rostock war nun nur noch einer von vielen Häfen in Deutschland, und seine einst glänzenden Einrichtungen wirkten im Vergleich zu seinen westlichen Konkurrenten veraltet. Investitionen wurden knapp, die Arbeitslosigkeit begann zu steigen. Das Team stieg sofort in die zweite Liga ab. Die Menschen in Rostock begannen, nach einem Sündenbock zu suchen.

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Die Rostocker Krawalle 1992 und der Aufstieg rechter Ideologien

Vor diesem Hintergrund kam es im August 1992 zu den berüchtigten Rostocker Krawallen. Über mehrere Tage hinweg griffen rechtsextreme Jugendliche eine Reihe von Unterkünften an, in denen Einwanderer aus Vietnam und Rumänien lebten. Die Probleme wurden durch eine fremdenfeindliche Lokalpresse, die die Randalierer anstachelte, und eine allzu nachsichtige Reaktion der Polizei noch verschärft. Es wird geschätzt, dass zwischen drei- und fünftausend Bürger auf die Straße gingen, um die Randalierer zu unterstützen, und es grenzt an ein Wunder, dass inmitten der Molotowcocktails und Baseballschläger niemand getötet wurde.

Kulturen prallen aufeinander: St. Pauli und der Antifaschismus

In dieses explosive Gemisch kam der FC St. Pauli, der Hansa zum ersten Mal besuchte. Ihr linker, antifaschistischer Ethos stieß im Rostocker Wirbelwind auf absolute Ablehnung. Gewalttätige Auseinandersetzungen prägten dieses erste Aufeinandertreffen und haben seitdem angehalten. St. Pauli, mit seiner Basis im Hamburger Stadtteil Reeperbahn, ist weltweit bekannt für seine alternative Fankultur, die sich klar gegen Rassismus, Sexismus, Homophobie und Faschismus positioniert. Diese klare Haltung steht im krassen Gegensatz zu den rechtsextremen Tendenzen, die in Teilen der Rostocker Fanszene anzutreffen sind, und macht jede Begegnung zu einem Kampf der Weltanschauungen.

Der Spieltag: Chronik einer Eskalation

Die Begegnungen zwischen Hansa Rostock und St. Pauli sind selten friedlich. Die Schlagzeilen vor den Spielen ähneln oft denen aus der Hochzeit des englischen Hooliganismus in den 1970er Jahren: “Vier Fragen für das Angst-Derby”, “Wie kann die Polizei die Ordnung aufrechterhalten?”, “St. Pauli bereitet sich auf die Hölle vor”, “Was ist aus dem Fußball geworden?”. Niemand in der deutschen Presse hatte die Hoffnung, dass das Spiel friedlich verlaufen könnte. Die einzige Frage war das Ausmaß der Ausschreitungen, das Ausmaß des Schadens.

Ausschreitungen vor dem Anpfiff

In dieser Saison reisten die St. Pauli-Fans nach Rostock, noch immer erschüttert von der Nachricht, dass ihre Heimspiele nicht länger durch die “Suzie’s Show Girls” von der Reeperbahn belebt würden. “Jede Darbietung leicht bekleideter Frauen im Stadion wird ab sofort untersagt”, hieß es in einer Clubmitteilung. Bei ihrer Ankunft in Rostock wurden die Fans mit dringlicheren Sorgen konfrontiert. Eine Polizeimauer trieb sie vom Bahnhof zum Stadion, während Fans beider Vereine alles, was sie in die Hände bekamen, aufeinander warfen. St. Pauli-Ultras stürmten die Ticketkontrollen.

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Hass im Stadion: Das Spiel und die Folgen

Im ausverkauften Stadion knisterte die Luft vor Hass. Bananen regneten auf den St. Pauli-Torwart Philipp Tschauner herab. Ein Mann mittleren Alters hängte ein mit Benzin getränktes St. Pauli-Trikot an einer Angelrute auf und setzte es in Brand. Schlimmer noch sollte es kommen, als St. Pauli, die deutlich bessere Mannschaft, in Führung ging. Leuchtraketen wurden von den Rostocker Tribünen direkt in die St. Pauli-Anhänger im nordwestlichen Eck des Stadions geschossen. Die brennenden Flammen, rot, grün und weiß, flogen wahllos in die dicht gedrängten Anhänger, die in Deckung gingen, während ein Großteil der Heimfans jubelte. Erstaunlicherweise wurde niemand ernsthaft verletzt. Ausschreitungen nach dem Spiel forderten zehn Verletzte, darunter acht Polizisten.

Die Szenen lösten weitreichende Verurteilungen aus, waren aber oft von einem resignierten Achselzucken der Unvermeidbarkeit begleitet. Dies ist schließlich das Angst-Derby. “Man könnte eine Zehn-Millionen-Euro-Strafe verhängen”, jammerte Hansa-Trainer Peter Vollmann. “Es ändert nichts. Es ist hoffnungslos.” St. Pauli-Trainer André Schubert war sichtlich schockiert: “Ich habe noch nie so viel Hass in den Augen der Menschen gesehen.”

Fazit und Ausblick: Ein Derby, das Deutschland spaltet

Nach jedem “Angst-Derby” folgen die üblichen Konsequenzen: Ermittlungen, Geldstrafen, Stadionverbote und drakonische Strafen für alle Beteiligten. Doch wenn die Mannschaften im April in Hamburg wieder aufeinandertreffen, werden die gleichen Probleme wahrscheinlich erneut auftreten. Dieses Derby, mehr als jedes andere, definiert die politische Kluft zwischen Ost- und Westdeutschland, und die Behörden in einer der führenden Nationen Europas scheinen machtlos zu sein, das Chaos zu stoppen. Es ist ein Spiel, das immer wieder daran erinnert, wie tief gesellschaftliche Spannungen im Fußball verwurzelt sein können und wie wichtig es ist, diese nicht nur auf dem Rasen, sondern auch in der Gesellschaft anzugehen. Trotz aller Bemühungen bleibt das Angst-Derby ein schmerzlicher Indikator für ungelöste Konflikte und ein mahnendes Beispiel dafür, wie Sport als Bühne für extreme Emotionen und Ideologien missbraucht werden kann.