Die HCG-Diät, die vor rund 60 Jahren von dem englischen Arzt Dr. Albert Simeons entwickelt wurde, verspricht einen schnellen und gezielten Gewichtsverlust. Ursprünglich für Frauen konzipiert, basiert diese Stoffwechseldiät auf der Verabreichung des humanen Choriongonadotropins (HCG), einem Eiweißhormon, das der Körper natürlicherweise während der Schwangerschaft produziert. Das Konzept klingt verlockend: Durch die künstliche Zufuhr von HCG soll dem Körper vorgegaukelt werden, er müsse einen Fötus versorgen und dabei primär Fettreserven an Problemzonen wie Hüften und Oberschenkeln abbauen, selbst bei einer extrem niedrigen Kalorienzufuhr. Doch hält die HCG-Diät, was sie verspricht, oder birgt sie ernsthafte Risiken? Dieser Artikel beleuchtet die Funktionsweise, die potenziellen Gefahren und die wissenschaftliche Bewertung dieser umstrittenen Diätmethode.
Was ist HCG und wie funktioniert die Diät?
Das humane Choriongonadotropin (HCG) ist ein Glykoprotein-Hormon, das eine entscheidende Rolle bei der Erhaltung einer Schwangerschaft spielt. Es wird von der Plazenta produziert und sorgt unter anderem dafür, dass der Gelbkörper in den frühen Phasen der Schwangerschaft Progesteron ausschüttet. Therapeutisch wird HCG auch zur Behandlung von Unfruchtbarkeit eingesetzt, um den Eisprung bei Frauen oder die Spermienproduktion bei Männern anzuregen. Die Anwendung von HCG in Diäten zur Gewichtsabnahme ist jedoch eine völlig andere Sache und nicht medizinisch zugelassen.
Die HCG-Diät nach Simeons umfasst typischerweise mehrere Phasen und dauert insgesamt bis zu sechs Wochen:
- Ladephase (2 Tage): Zu Beginn der Diät steht eine “Ladephase”, in der die Teilnehmer sehr kalorienreich essen sollen – oft bis zu 3000 bis 4000 Kilokalorien pro Tag. Gleichzeitig beginnt die tägliche Einnahme von HCG, sei es durch Injektionen, Tropfen, Sprays oder Globuli. Die Idee dahinter ist, dem Körper Fettreserven “vorzutäuschen”, die er später abbauen soll.
- Diätphase (ca. 3–6 Wochen): Diese Phase ist das Herzstück der Diät und beinhaltet eine drastische Reduzierung der Energiezufuhr auf extreme 500 Kilokalorien pro Tag. Während dieser Zeit wird die HCG-Zufuhr fortgesetzt. Der Speiseplan ist äußerst streng und umfasst in der Regel mageres Fleisch, bestimmte Gemüsesorten, etwas Obst und sehr geringe Mengen an Kohlenhydraten. Fett und Zucker sind weitgehend tabu. Das HCG soll in dieser Phase den Hunger dämpfen und den Abbau von Fett statt Muskelmasse fördern.
- Stabilisierungsphase (3 Wochen): Nach der strengen Diätphase folgt eine Übergangszeit, in der die Kalorienzufuhr langsam erhöht wird, um den gefürchteten Jojo-Effekt zu vermeiden. Auch hierbei gibt es spezifische Vorgaben bezüglich der Lebensmittelwahl.
- Erhaltungsphase: Langfristig soll eine ausgewogene Ernährung dazu beitragen, das erreichte Gewicht zu halten.
Das Versprechen der Diät liegt in der angeblich gezielten Fettverbrennung an Problemzonen und einem schnellen Gewichtsverlust ohne ausgeprägtes Hungergefühl oder Muskelabbau.
Risiken und Nebenwirkungen der HCG-Diät
Trotz der verlockenden Versprechen birgt die HCG-Diät erhebliche Risiken und ist aus medizinischer Sicht stark umstritten. Die extreme Kalorienrestriktion auf nur 500 Kilokalorien pro Tag ist der Hauptkritikpunkt und kann schwerwiegende gesundheitliche Folgen haben:
- Nährstoffmangel: Eine so niedrige Kalorienzufuhr macht es nahezu unmöglich, den Körper mit allen essenziellen Nährstoffen, Vitaminen und Mineralien zu versorgen. Dies kann zu Mangelerscheinungen wie Müdigkeit, Haarausfall, Muskelschwäche, Elektrolytstörungen und einem geschwächten Immunsystem führen.
- Muskelabbau: Entgegen der Behauptungen kann der Körper bei einer so geringen Energiezufuhr nicht nur auf Fettreserven zurückgreifen, sondern beginnt auch, Muskelmasse abzubauen, um Energie zu gewinnen. Muskeln sind jedoch wichtig für den Stoffwechsel und den langfristigen Kalorienverbrauch.
- Jojo-Effekt: Sobald die Diät beendet und wieder normal gegessen wird, ist das Risiko eines schnellen Wiederanstiegs des Gewichts extrem hoch. Der Stoffwechsel hat sich an die geringe Zufuhr gewöhnt und der Körper neigt dazu, Reserven anzulegen.
- Gesundheitliche Komplikationen: Die extreme Kalorienrestriktion kann zu Gallensteinen, Herzrhythmusstörungen und anderen ernsthaften Problemen führen. Es gab auch Berichte über die Bildung von Blutgerinnseln bei Anwendern der HCG-Diät.
- Psychische Belastung: Eine so strenge Diät kann psychisch sehr belastend sein, zu schlechter Stimmung, Reizbarkeit und einem ungesunden Verhältnis zum Essen führen.
Wissenschaftliche Bewertung und Warnungen von Behörden
Der wichtigste Punkt ist, dass die Wirksamkeit von HCG zur Gewichtsabnahme wissenschaftlich nicht belegt ist. Zahlreiche Studien haben gezeigt, dass der Gewichtsverlust, der bei der HCG-Diät auftritt, ausschließlich auf der extrem niedrigen Kalorienzufuhr beruht und nicht auf der Wirkung des Hormons selbst. Das HCG konnte in diesen Studien keinen zusätzlichen Effekt auf den Gewichtsverlust, die Fettverteilung oder das Hungergefühl nachweisen. Es wird vermutet, dass ein Placebo-Effekt eine Rolle spielen könnte, oder dass die strikte Reglementierung der Diät an sich zu einer erhöhten Disziplin führt.
Angesichts der fehlenden wissenschaftlichen Evidenz und der potenziellen Gesundheitsrisiken warnen diverse Behörden und medizinische Institute eindringlich vor der HCG-Diät. So hat beispielsweise die amerikanische Lebensmittel- und Arzneimittelbehörde (FDA) mehrfach vor HCG-Produkten zur Gewichtsabnahme gewarnt und darauf hingewiesen, dass diese nicht zugelassen sind und potenziell gefährlich sein können. Auch das deutsche Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) warnt grundsätzlich vor unseriösen Schlankheitsmitteln, die oft über das Internet vertrieben werden und deren Wirksamkeit und Sicherheit nicht geprüft sind.
Formen der HCG-Verabreichung
HCG-Produkte für die Diät sind in verschiedenen Formen erhältlich, die sich hinsichtlich ihrer Konzentration und Verabreichung unterscheiden:
- Injektionen: Dies war die ursprüngliche Methode nach Dr. Simeons und beinhaltet tägliche Spritzen mit einer bestimmten Dosis HCG.
- Tropfen und Sprays: Viele Hersteller bieten homöopathische HCG-Tropfen oder -Sprays an, die oft nur sehr geringe oder gar keine HCG-Mengen enthalten und deren Wirkung fragwürdig ist.
- Pillen und Globuli: Auch in Tablettenform oder als Globuli sind HCG-Produkte erhältlich, die oft als “bio-identisches” HCG oder in homöopathischer Verdünnung beworben werden.
Es ist wichtig zu betonen, dass der Kauf und die Anwendung von HCG-Produkten ohne ärztliche Aufsicht und medizinische Notwendigkeit nicht nur ineffektiv, sondern auch gefährlich sein können. Besonders Produkte aus dem Internet, deren Herkunft und Inhaltsstoffe unklar sind, stellen ein hohes Risiko dar.
Fazit: Kein Wundermittel zum Abnehmen
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die HCG-Diät trotz ihrer langen Geschichte und der anhaltenden Popularität kein wissenschaftlich fundiertes oder sicheres Konzept zur Gewichtsabnahme ist. Der Erfolg, den einige Anwender erleben, ist höchstwahrscheinlich auf die extreme Kalorienreduktion zurückzuführen und nicht auf die Wirkung des HCG-Hormons. Die potenziellen Risiken für die Gesundheit, von Nährstoffmangel bis hin zu ernsthaften Komplikationen, überwiegen bei Weitem die fragwürdigen Vorteile.
Wer nachhaltig und gesund abnehmen möchte, sollte auf bewährte Methoden setzen: eine ausgewogene, nährstoffreiche Ernährung, regelmäßige körperliche Aktivität und gegebenenfalls die Unterstützung durch Ärzte oder qualifizierte Ernährungsberater. Diese Ansätze sind nicht nur effektiver, sondern vor allem auch sicherer und tragen zu einem langfristigen Wohlbefinden bei. Lassen Sie sich nicht von schnellen Versprechen täuschen – ein Wundermittel zum Abnehmen gibt es leider nicht.
