Deutschland, ein Land des Wohlstands und der scheinbaren Sicherheit, wird paradoxerweise von einer tief sitzenden Angst durchzogen. Diese Furcht, im Berufs- und Liebesleben abgehängt zu werden oder online nicht genügend Anerkennung zu finden, ist laut dem renommierten Soziologen Prof. Dr. Heinz Bude keine Seltenheit, sondern die „Grundmelodie moderner Befindlichkeit“. In seinem maßgeblichen Werk „Gesellschaft der Angst“ beleuchtet Bude dieses Phänomen, das unser Leben in vielfältiger Weise prägt und tief in den Strukturen der deutschen Gesellschaft verwurzelt ist. Dieser Artikel taucht ein in Budes Analyse, um die Facetten der Angst in einer scheinbar sicheren Welt zu erkunden.
Das Angstparadoxon im Wohlstand: Unsicherheit trotz Sicherheit
Heinz Bude stellt fest, dass in einer Gesellschaft, die reich an Möglichkeiten und materiellen Gütern ist, das sogenannte Angstparadoxon auftritt: Je sicherer die Lebensumstände sind, desto stärker werden Ängste empfunden. Der Mensch neigt dazu, Verluste stärker zu gewichten als Gewinne, was zu einer quälenden Vorstellung führt, ständig unter dem eigenen Potenzial zu bleiben. Die Angst, Fehler zu machen oder Gelegenheiten zu verpassen, lässt uns nicht mehr dauerhaft auf etwas einlassen, sondern stets Optionen offenhalten. Diese innere Unsicherheit, nicht zu genügen – weder im Beruf noch in privaten Beziehungen –, wird zum ständigen Begleiter.
Selbstoptimierung und der Druck, immer zu genügen
In der modernen Arbeitswelt sowie im Privatleben dominieren Forderungen nach Selbstoptimierung, Produktivität und der ständigen Anpassung an wechselnde Anforderungen. Es entsteht das Gefühl, immer ein “Extra” bieten zu müssen, eine zusätzliche Kompetenz zu entwickeln, um im Wettbewerb um die besten Positionen bestehen zu können.
Der Mythos der Work-Life-Balance und “The Winner Takes It All”
Die Vorstellung von einer idealen Work-Life-Balance, geprägt von Selbstverwirklichung, „Quality Time“ und Lebensgenuss, übt immensen Druck aus. Ständig gibt es jemanden, der scheinbar lässiger Job und Familie unter einen Hut bekommt und das Genießen meisterhaft beherrscht. Diese ständige soziale Vergleichbarkeit führt zu einer Mentalität des “The winner takes it all”, die in beruflichen und intimen Beziehungen gleichermaßen vorherrscht. Wer besonders strahlend, fit oder ironisch ist, scheint alles erreichen zu können. Diese Denkweise verdrängt jedoch die Situation derjenigen, die auf den zweiten oder dritten Plätzen landen. Bei ihnen breiten sich Verbitterung und nagende Neidgefühle aus, wenn sie feststellen müssen, auf eine zweite Chance angewiesen zu sein.
Brüchige Beziehungen: Die Drohung der Kündigung im Privatleben
Die moderne Gesellschaft ist auch durch eine wachsende Instabilität in sozialen Beziehungen gekennzeichnet. Die hohen Scheidungszahlen, wie die rund 170.000 Ehescheidungen in Deutschland im Jahr 2013, sind ein deutliches Indiz dafür. Heinz Bude spricht von einer “Drohung der Kündigung”, die heute in allen sozialen Beziehungen präsent ist. Im Prinzip kann jede Beziehung gekappt werden, wenn sie einem Partner oder Gegenüber aus beliebigen Gründen nicht mehr zusagt. Einzige Ausnahme bilden nach Bude die unkündbaren Beziehungen zwischen Eltern und ihren Kindern, die in der modernen Musterfamilie im Mittelpunkt stehen.
Der außengeleitete Charakter: Anpassung und die Rolle des Internets
Der US-Soziologe David Riesman beschrieb bereits 1950 in seinem Buch „The Lonely Crowd“ den „außengeleiteten Charakter“ – ein Individuum, das sich nicht an inneren Werten oder Traditionen, sondern am Verhalten anderer orientiert. Laut Bude ist dieser Charakter auf besondere Weise angstanfällig. Moderne Menschen sind Virtuosen der Kontaktsensibilität, stets bemüht, sich präzise auf die Erwartungen anderer einzustellen. Dieser Orientierungsprozess ist von der diffusen Angst unterlegt, als seltsam oder merkwürdig wahrgenommen zu werden und am Ende allein dazustehen. Schließlich wissen wir, dass andere nicht unbedingt zuverlässig sind.
Soziale Netzwerke und Dating-Plattformen im Internet spielen eine zentrale Rolle bei der Einübung dieser Kontaktsensibilität. Hier können Menschen verschiedene Porträts von sich entwerfen und testen, wie diese bei anderen ankommen. Dies hat spielerische, aber auch entfremdende Aspekte und verstärkt bestimmte Sozialcharaktereigenschaften. Bude merkt an, dass die Fähigkeit der modernen Deutschen, sich an anderen zu orientieren, besonders exzellent ausgebildet ist. Man könnte uns als “Anpassungsweltmeister” bezeichnen, die über ein erstklassiges Radarsystem verfügen und ständig an ihrer “Einfädelungsfähigkeit” arbeiten. In der Wirtschaft werden diese Eigenschaften als “Soft Competences” wie soziale Kompetenz, Teamfähigkeit und Flexibilität – oder schlicht “Geschmeidigkeit” – geschätzt.
Deutschland in der Schwellensituation: Politische Erwartungen und Einflussangst
Bude betrachtet die Bundesrepublik Deutschland als Land in einer merkwürdigen Schwellensituation. Als stärkste Ökonomie Europas bringt dieser Status hohe politische Erwartungen an Deutschland mit sich. Doch gleichzeitig besteht eine Art “Einflussangst”. Sind wir unserer neuen Rolle als “Amerikaner Europas” gewachsen, die gleichzeitig Beschimpfungen und Bewunderung erfährt? Es bereitet uns Unbehagen, dass unsere europäischen Nachbarn deutsche Antworten auf Zukunftsfragen erwarten. Diese politische Angst vor der eigenen Rolle und den damit verbundenen Verantwortlichkeiten ist ein weiteres Merkmal der deutschen Befindlichkeit.
Von Abstiegsängsten bis zur Systemangst: Ein differenzierter Blick auf gesellschaftliche Furcht
Angst manifestiert sich in modernen Industriestaaten nicht nur als individuelle Sorge, sondern auch als flächendeckende Strömung. Neben den klassischen Abstiegsängsten gibt es eine untergründige Systemangst.
Die Angst in den sozialen Schichten
In der Mitte der Gesellschaft wächst die Sorge, dass die obere und untere Hälfte auseinanderdriften. Ein Hochschulabschluss ist keine Garantie mehr; ein paar falsche Entscheidungen können dazu führen, sich in der unteren Hälfte wiederzufinden. In Deutschland ist zudem ein neues, dauerhaftes Dienstleistungsproletariat entstanden, das körperlich harte Jobs verrichtet. Hier ist die Angst noch konkreter: die Furcht, dass der Körper irgendwann nicht mehr mitmacht und man vor dem Nichts steht. Doch auch die reichen Gewinner sind nicht frei von Angst – sie fürchten den Verlust der Kontrolle über die Konkurrenz.
Systemische Ängste im Kapitalismus
Die Finanzkrise von 2008 hat deutlich gemacht, dass der Kapitalismus nicht ohne Krisen existiert. Dies führte zu einer Systemangst, dem Bewusstsein, in Systemzusammenhängen zu leben, die uns einerseits ein gutes Leben ermöglichen, andererseits aber auch Verwundbarkeit mit sich bringen und an den Rand der Kontrollierbarkeit führen können. Das Thema Datensicherheit im Internet ist ein exemplarisches Beispiel: Wir sind entsetzt über den Umgang von Unternehmen und Geheimdiensten mit unseren Daten, doch dies hat oft “null Konsequenzen” für unser Verhalten. Die Ohnmacht gegenüber solchen übermächtigen Systemen schürt tiefe Ängste.
Umgang mit Angst: Akzeptanz statt Resignation
Wie sollen wir mit diesen vielfältigen Ängsten umgehen? Bude warnt vor einem “Markt der Angebote” von Esoterik, Coaching oder Fitnesstraining, die angeblich Angstfreiheit versprechen. Er sieht darin keinen wirklichen Weg, denn Angstfreiheit sei letztlich nur um den Preis der vollständigen Resignation zu haben. Es ist wichtig, sich nicht von Angst treiben zu lassen, denn dies führt dazu, das Unangenehme zu vermeiden, das Wirkliche zu verleugnen und das Mögliche zu verpassen. Andererseits ermöglicht Angst auch einen hoffnungsvollen Blick auf die Welt – sie ist eine Bedingung für Veränderung. Es geht also nicht um Angstfreiheit, sondern um Angstmanagement.
Angst und Politik: Gefahr der Verführung
In der Politik zeigen sich zwei unterschiedliche Umgangsweisen mit Angst. Es gibt Politiker, die risikobereit die Angst zum Thema machen und sie offen ansprechen. Andere wiederum klammern Ängste systematisch aus und sprechen nie darüber. Doch darin liegt eine Gefahr, denn Angst kann Menschen abhängig von Verführern machen und zur Tyrannei der Mehrheit führen, wenn alle “mit den Wölfen heulen”. Die schweigende Masse bietet ein ideales Spielfeld für Populisten. Ein offener und reflektierter Umgang mit den Ängsten der Gesellschaft ist daher entscheidend, um ihre gefährlichen Potenziale zu bändigen und konstruktive Veränderungen zu ermöglichen.
Referenz
Heinz Bude, „Gesellschaft der Angst“, http://www.his-online.de/verlag/9010/programm/detailseite/publikationen/gesellschaft-der-angst/

