Das Berliner Derby: Eine Reise durch Geschichte, Leidenschaft und die Mauer im Kopf

Ein Zettel, der zum Mauerfall beitrug, jetzt ausgestellt

Berlin, eine Stadt voller Narben und Triumph, ist in vielerlei Hinsicht eine Anomalie. Als Zentrum des geopolitischen Diskurses im Großteil des 20. Jahrhunderts sind die Erinnerungen an eine andere Welt bei vielen Bewohnern der Stadt noch frisch. Während der Fall der Mauer zweifellos die Seele der deutschen Hauptstadt befreite, ist die Annahme, dass er die Ausgangsbedingungen zwischen Ost und West (sowohl Berlins als auch der Nation selbst) „ebnete“, naiv. Das Berliner Derby ist weit mehr als nur ein Fußballspiel; es ist ein lebendiges Denkmal dieser komplexen Geschichte, ein Schmelztiegel aus Identität, Rivalität und der immer noch spürbaren “Mauer im Kopf”. Dieses Aufeinandertreffen von 1. FC Union Berlin und Hertha BSC spiegelt die tiefen sozio-ökonomischen und kulturellen Unterschiede wider, die nach dem Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989 bestehen blieben.

Der 9. November 1989 markierte einen Wendepunkt, als Günter Schabowski, durch ein Missverständnis während einer Pressekonferenz, die sofortige Öffnung der Grenze zwischen Ost- und Westdeutschland verkündete. Die Nachricht verbreitete sich rasend schnell, und innerhalb weniger Minuten strömten Tausende zu den Grenzübergängen. Die DDR-Führung stand vor der Wahl: unschuldige Bürger niederschießen oder sie passieren lassen. Glücklicherweise wählten sie Letzteres. Diese Entscheidung half neben der Kubakrise, einen potenziellen Dritten Weltkrieg zu verhindern. Mehr als 30 Jahre später ist keine klare Trennlinie mehr sichtbar, doch das Phänomen der „Mauer im Kopf“ – ein metaphorischer Graben zwischen Ost- und Westdeutschen – besteht bis heute.

Anfangs gab es Witze darüber, wie Westdeutsche behaupteten, Ossis wüssten nicht, wie eine Banane aussieht, oder der Osten behauptete, ihre Döner seien besser. Doch wie bei vielen geo-sozialen Spaltungen ist die Grenze zwischen Witz und Boshaftigkeit verschwommen. Die kapitalistische Natur Westdeutschlands und die daraus resultierende Abwanderung von Ostdeutschen auf der Suche nach Arbeit waren der ursprüngliche Grund für den Mauerbau durch die Sowjets. Als die Mauer fiel, verstärkte sich dieser Trend nochmals. Westdeutschland nutzte neue Märkte, und die ostdeutsche Wirtschaft musste Unternehmen an den westdeutschen Privatsektor verkaufen, da ihre Währung schwach war. Noch schlimmer: Viele dieser Unternehmen wurden umgehend geschlossen, da der Westen lediglich seine Konkurrenz vom Markt nehmen wollte. Freiheit gewonnen, finanzielle Sicherheit verloren – die Arbeiterklasse des Ostens fühlte sich benachteiligt und betrogen. Eine Umfrage der Financial Times ergab, dass nur 38 % der Ostdeutschen die deutsche Wiedervereinigung als Erfolg betrachteten.

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Die geteilte Stadt und der Fußball: Auswirkungen des Mauerfalls auf den ostdeutschen Fußball

Die deutsche Wiedervereinigung hatte tiefgreifende Auswirkungen auf viele Bereiche des Lebens, und der Fußball bildete da keine Ausnahme. Die Kluft zwischen Ost und West, die durch die Mauer im Kopf noch lange nach deren Fall existierte, beeinflusste auch das stolze ostdeutsche Fußballerbe erheblich. Westdeutsche Vereinsvorsitzende nutzten die Gunst der Stunde und lockten die besten Spieler der Ostklubs mit dem Versprechen höherer Gehälter ab.

Wirtschaftliche Ungleichheit und ihre Folgen

Nach dem Mauerfall fanden sich ostdeutsche Unternehmen, die von westdeutschen Konzernen übernommen wurden, oft in einer prekären Lage wieder. Viele wurden geschlossen, um Wettbewerber auszuschalten, was zu Massenarbeitslosigkeit und einem Gefühl des Verrats in der ostdeutschen Bevölkerung führte. Diese wirtschaftliche Ungleichheit spiegelte sich auch im Fußball wider. Potenziellen Sponsoren ostdeutscher Klubs fehlte die finanzielle Schlagkraft, und westdeutsche Unternehmen zeigten oft wenig Interesse, in diese Vereine zu investieren. Selbst die wenigen Westinvestitionen in Ostklubs endeten häufig im Desaster, wie das Beispiel von Rolf-Jürgen Otto bei Dynamo Dresden zeigt, der den Verein ruinierte und später wegen Veruntreuung inhaftiert wurde.

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Ehemaliger Dynamo-Boss Otto verstorbenEhemaliger Dynamo-Boss Otto verstorben

Der Ausverkauf des ostdeutschen Talents

Andreas Thom wechselte bereits einen Monat nach dem Mauerfall von Dynamo Dresden zu Bayer Leverkusen. Matthias Sammer, ein späterer Ballon-d’Or-Gewinner, wurde ebenfalls in diesem Jahr von Dynamo Dresden, diesmal vom VfB Stuttgart, abgeworben. Dies sind nur zwei prominente Beispiele von vielen. Die Qualität der Ostvereine wurde durch diese Abgänge dezimiert. Obwohl sie nun selbst ausländische Talente verpflichten durften, konnten sie auf dem freien Markt nicht mithalten. Diese Entwicklung zeigt, wie die finanzielle Macht des Westens den ostdeutschen Fußballclubs zu schaffen machte, ähnlich wie aktuelle Transfergerüchte um junge Talente wie bei bvb moukoko die Dynamik im deutschen Profifußball prägen.

Die ungleiche Liga-Vereinigung

Auch die Vereinigung der Ligen war stark unausgewogen. 1991 hatte die westdeutsche Bundesliga 18 Teams, während die ostdeutsche Oberliga 14 Teams umfasste. Statt eine gleichberechtigte Fusion oder Aufteilung zu finden, behielt die Bundesliga ihre 18 Teams und nahm lediglich zwei Oberliga-Teams (Dynamo Dresden und Hansa Rostock) auf. Weitere sechs Oberliga-Teams wurden in die 2. Bundesliga eingegliedert, und die restlichen sechs Mannschaften fielen direkt von der Spitze des ostdeutschen Fußballs in die dritte Liga des neuen vereinigten Deutschlands. Diese Zerschlagung der ostdeutschen Fußballstruktur und die finanzielle Übermacht der Westklubs warfen viele ostdeutsche Vereine in ihrer Entwicklung um eine Generation zurück. Kein ostdeutscher Verein hat jemals die Bundesliga gewonnen, und Dynamo Dresden, der wohl erfolgreichste ostdeutsche Verein beim Mauerfall, stieg 1995 inmitten finanzieller Schwierigkeiten ab und kehrte nie wieder in die höchste Spielklasse zurück.

1. FC Union Berlin: Der Kultclub aus dem Osten

Bisher mag das Bild des Ostens düster erscheinen, doch keine Sorge – hier kommt der 1. FC Union Berlin ins Spiel. Gegründet 1906 unter dem Namen FC Olympia 06 Oberschöneweide, durchlief der Verein eine Reihe von Umbenennungen, Fusionen und Spaltungen, bevor er sich 1966 auf den heutigen Namen einigte. Union Berlin ist nicht nur ein Fußballverein, sondern ein Symbol des Widerstands und der Eigenständigkeit.

Eine Geschichte des Widerstands

Während der Jahre der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) unter dem sowjetischen Regime war Union als Symbol des Widerstands bekannt. Eine verbreitete Ansicht war, dass nicht alle Union-Fans Staatsrebellen sein mochten, aber alle Staatsrebellen Union-Fans waren. Bei jedem Spiel, wenn ein Freistoß in der Nähe des eigenen Tores gepfiffen wurde, begannen die Fans unverhohlen „Die Mauer muss weg“ zu rufen. Ein vordergründig humorvoller und ironischer Gesang, dessen Anspielung jedoch absolut beabsichtigt war, da dies die einzige Möglichkeit für regimekritische Fans war, ihren Unmut über die Mauer zu äußern, ohne bestraft zu werden.

Bethaniendamm, Kreuzberg in den frühen 80ernBethaniendamm, Kreuzberg in den frühen 80ern

Freunde hinter Stacheldraht: Union und Hertha

In dieser Zeit entwickelten Union und der Stadtrivale Hertha ein freundschaftliches Verhältnis. Hertha-Fans aus dem Westen, die Ost-Berlin frei besuchen konnten, schlossen sich an Spieltagen Union an, um ihre Unterstützung für das „größere Wohl des Fußballs“ zu zeigen. Im Gegenzug reisten Union-Fans mit Hertha zu Europapokalspielen im Ausland, um ihre Solidarität zu bekunden. Diese Freundschaft führte dazu, dass sie ihre Verbundenheit als „Freunde hinter Stacheldraht“ bezeichneten. Die punkige, proletarische Ästhetik der Union-Fans wurde von der UdSSR gehasst, die dieses Verhalten als Bedrohung für den Staat ansah. Für Union-Fans jedoch war und ist Fußball und alles, was er auf kultureller Ebene repräsentiert, wichtiger als das Ergebnis.

Pepe's Freunde hinter StacheldrahtPepe's Freunde hinter Stacheldraht

Kampf gegen den Abstieg und die Blüten für Union

Der Fall der Mauer ereignete sich, als Union gut spielte, aber von einem drohenden finanziellen Ruin bedroht war. Nach der Vereinigung der Bundesliga und ihrer Untergliederungen beantragte und erhielt Union erfolgreich eine Lizenz und fand sich anschließend in der 3. Liga wieder. Obwohl sie in den ersten Jahren nach der Wiedervereinigung erfolgreich auf den Aufstiegsplätzen landeten, wurde ihnen der Aufstieg in die 2. Bundesliga verwehrt, da sie nicht über die erforderlichen Finanzen für eine Lizenz verfügten. Erst in der Saison 2000/01 gelang es Union, sich finanziell zu stabilisieren und nach dem Gewinn der Regionalliga Nord aufzusteigen. Diese Saison ging in die Vereinsgeschichte Unions ein, da sie auch das Finale des DFB-Pokals erreichten. Dort verloren sie zwar mit 0:2 gegen Schalke, qualifizierten sich aber dennoch für den UEFA-Pokal, da Schalke bereits über die Liga für die Champions League qualifiziert war.

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Pokalfinale gegen Schalke 2001: Wie Union verlor und trotzdem qualifiziert warPokalfinale gegen Schalke 2001: Wie Union verlor und trotzdem qualifiziert war

Trotz der Freude über den Aufstieg hatte Union Mühe, die Dynamik aufrechtzuerhalten, und 2004/05 stiegen sie zurück in die Regionalliga Nord ab, gefolgt von einem weiteren Abstieg in die NOFV-Oberliga Nord (4. Liga) in der folgenden Saison. In dieser Zeit war die finanzielle Lage des Vereins prekär, und seine Existenz war vom Aussterben bedroht. Viele Vereine in solchen administrativen Krisen würden zusammenbrechen, doch Union ist kein solcher Verein – ihre Fans griffen ein und starteten die Kampagne „Bluten für Union“. In Deutschland bezahlt der Staat Blutspender für ihre Dienste, und Union-Ultras mobilisierten Massen von Fans, Blut zu spenden und ihr verdientes Geld direkt an den Verein zu überweisen. Es wäre schwer, ein buchstäblicheres Beispiel dafür zu finden, wie jemand sein Leben für einen Fußballverein gibt.

Faninitiative: Dauerkartenbesitzer sollen Union die Treue haltenFaninitiative: Dauerkartenbesitzer sollen Union die Treue halten

Der Verein setzte auf den Erhalt eines Profikaders für die einzige Saison in der vierten Liga, und dies zahlte sich aus, da sie sofort wieder in die Regionalliga Nord aufstiegen. Im Jahr 2009 hatte sich Union wieder in die 2. Bundesliga hochgearbeitet, wo sie die nächsten 10 Jahre verbrachten, bevor sie im vergangenen Jahr in einem unvergesslichen Play-off-Sieg aufgrund der Auswärtstorregel gegen den VfB Stuttgart endlich den Aufstieg in die höchste Spielklasse schafften. Es sollte nicht unerwähnt bleiben, dass Union während ihrer Jahre in der 2. Bundesliga ihr Stadion wegen struktureller Mängel renovieren musste, sich aber keine privaten Bauunternehmen leisten konnte. Wieder einmal traten über 2.300 eingefleischte Fans aus verschiedenen kulturellen Hintergründen (Männer und Frauen aller Klassen, mit und ohne Bauerfahrung) vor, die schätzungsweise 140.000 Arbeitsstunden leisteten, um das Stadion An der Alten Försterei wiederaufzubauen. Solch ein Gemeinschaftsgefühl und die Leidenschaft für den Verein sind es, die Union Berlin zu einem besonderen Phänomen im deutschen Fußball machen.

Hertha BSC: Der “Big City Club” aus dem Westen

Hertha BSC, 1892 als eines der Gründungsmitglieder des Deutschen Fußball-Bundes gegründet, ist seit geraumer Zeit der wohlhabendste und angesehenste Verein Berlins. Als Verein aus dem Westteil der Stadt genoss Hertha geopolitische und wirtschaftliche Vorteile gegenüber Union. Doch auch Hertha entging den durch die Mauer verursachten Schwierigkeiten nicht gänzlich. Ihre Geschichte ist geprägt von Höhen und Tiefen, Skandalen und dem ständigen Bestreben, Berlins Fußball-Flaggschiff zu sein.

Gründung und frühe Jahre

Als die Bundesliga 1963 gegründet wurde, war Hertha der Berliner Meister des Westens und qualifizierte sich somit als Gründungsmitglied für die Liga. In der folgenden Saison stiegen sie jedoch ab, obwohl sie die Abstiegszone deutlich hinter sich gelassen hatten. Dies geschah aufgrund von Bestechungsversuchen, um Spieler unter den feindselig gewordenen Bedingungen nach dem Mauerbau in der Hauptstadt zu halten. Sie schafften den Wiederaufstieg in der Saison 1968/69, was zu Stabilität auf dem Platz führte und sie zum „populären“ Verein Berlins machte.

Skandale und Rückschläge

Diese Stabilität währte jedoch nicht lange; 1971 gab es einen ligaweiten Spielmanipulationsskandal, in den Hertha verwickelt war. Während der Ermittlungen wurde auch bekannt, dass Hertha 6 Millionen Mark Schulden hatte. Der Verein musste seinen Heimplatz verkaufen, um zu überleben, und spielte fortan auf provisorischen Ausweichplätzen, die er bis heute nicht besitzt. Trotz dieses Skandals waren die 1970er Jahre eine fruchtbare Ära für Hertha, da sie 1974/75 Vizemeister in der Bundesliga wurden, 1978/79 das Halbfinale des UEFA-Pokals erreichten und 1976/77 sowie 1978/79 im DFB-Pokalfinale standen. Leider wendete sich das Blatt am Ende des Jahrzehnt, als Hertha in die 2. Bundesliga abstieg, wo sie die Mehrheit der nächsten 20 Jahre verbringen sollten. Auch für andere Traditionsvereine wie werder bremen transfergerüchte spielen finanzielle Stabilität und der richtige Umgang mit Talenten eine entscheidende Rolle für den Erfolg.

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Wie der größte Spielmanipulationsskandal in der Bundesliga-Geschichte den deutschen Fußball veränderteWie der größte Spielmanipulationsskandal in der Bundesliga-Geschichte den deutschen Fußball veränderte

Die Entwicklung der Rivalität: Von Freundschaft zu Feindschaft

Unmittelbar nach dem Fall der Mauer war die Freude über die Wiedervereinigung von Ost und West unglaublich. Zwei Tage nach dem Fall überquerten etwa 11.000 Ost-Berliner die nun irrelevante Grenze, um Hertha gegen die SG Wattenscheid spielen zu sehen. Die Bewegungsfreiheit bedeutete, dass Bewohner beider Seiten, die bis dahin sehr unterschiedliche und getrennte Leben geführt hatten, nun ihr gemeinsames Fußballleben genießen konnten, und folglich wurde die Bindung zwischen Hertha und Union weiter gestärkt.

Die ersten Zeichen der Wiedervereinigung

Vier Monate nach dem Fall der Mauer organisierten die beiden Teams ein Freundschaftsspiel, und eine Menge von knapp 52.000 Zuschauern füllte das Olympiastadion, um Hertha Unions 2:1-Sieg zu sehen. Vom Der Tagesspiegel als „Berliner Fußball-Familienfest“ bezeichnet, sang die gesamte Menge (die ihre Tickets in ihren jeweiligen Währungen bezahlt hatte) gemeinsam Lieder über die Wiedervereinigung. Dies war ein Moment der Euphorie und des gemeinsamen Aufbruchs, der zeigte, wie Sport Menschen zusammenführen kann, selbst nach Jahrzehnten der Trennung.

20 Jahre später, Unions Aufstieg in die 2. Bundesliga bedeutete, dass Hertha und Union zum ersten Mal in ihrer jeweiligen Geschichte in derselben Liga spielten. Im Vorfeld der Saison wurde, um die von Fans getragenen Renovierungen von Unions Stadion An der Alten Försterei zu feiern, erneut ein Freundschaftsspiel zwischen den beiden Seiten organisiert. Hertha gewann 5:3, und zum ersten Mal war ein Gefühl von Giftigkeit zu spüren – eine Rivalität entstand aus der Asche einer historischen Freundschaft. Manfred Sangel, ein Hertha-Anhänger und Radiokommentator, erinnerte sich in einem Interview mit Der Tagesspiegel, dass „der [Union]-Stadionsprecher uns und einen unserer Spieler ständig attackierte.“ Der freundschaftliche Respekt füreinander, der sich inmitten einer gemeinsamen Verbundenheit über Berlins Spaltung gebildet hatte, begann endlich abzubröseln, ähnlich wie die Mauer 20 Jahre zuvor.

Das erste Bundesliga-Derby und die Eskalation

Die ältere Generation, die einen Großteil ihres Lebens hinter der Mauer verbracht hatte, sah ihren Gegner immer noch als Freunde an, doch die Ultras und jüngeren Fans schürten den Hass. 2011 wurden alle Zweifel daran, dass dieses Duell zu einer Rivalität geworden war, beseitigt, als nach einem 2:1-Auswärtssieg von Hertha auf Unioner Terrain Unions Stürmer Christopher Quiring in einem Interview mit Sport1 erklärte: „Die jubeln in unserem Stadion. Da wird mir schlecht! Das muss man erstmal verdauen. Mein Tor ist mir scheißegal. Wenn die Wessis [halb-abfälliger Begriff für einen Westdeutschen] in unserem Stadion jubeln, werde ich krank.“

Union gegen Hertha Berlin-Derby 05.02.2011Union gegen Hertha Berlin-Derby 05.02.2011

Viele glauben, dass der Fußball im 21. Jahrhundert seinen Biss verloren hat, da multinationale Konzerne den Sport und seine umgebenden Medien familienfreundlicher gestalten. Doch statt Quiring zu rügen, beschrieb ihn sein Manager – Uwe Neuhaus – als „großen Unioner“ und bekräftigte den neu gefundenen Hass auf den Stadtrivalen. Im Mai 2019 bedeutete Unions Play-off-Sieg über den VfB Stuttgart, dass Berlin zum ersten Mal überhaupt zwei Teams in der Bundesliga hatte. Angesichts des bevorstehenden Spiels zwischen den beiden Teams fragte Hertha die Liga-Organisatoren, ob das Spiel am 30. Jahrestag des Falls der Berliner Mauer ausgetragen werden könnte. Für den Durchschnittsmenschen mag dies wie ein rührender Akt des Mitgefühls erscheinen, doch für viele Union-Fans bedeutete es, dass die Bedeutung des Jahrestages die Wichtigkeit und das Spektakel des Spiels selbst übertraf, was ihnen einen bitteren Nachgeschmack hinterließ. Unions Präsident Dirk Zingler beschrieb die Idee als „Fußball-Klassenkampf“, und das Spiel wurde folglich eine Woche früher ausgetragen. Die Rivalität begann sich aufzuheizen, bevor überhaupt jemand den Rasen betreten oder ein Ball getreten worden war.

![Bundesliga Spieltag 10 Vorschau: Union, Hertha kollidieren im Berliner Derby](https://assets.khelnow.com/news/uploads/2019/11/H