Die von Zugewanderten mitgebrachte Bildung ist ein zentraler Pfeiler ihrer erfolgreichen Integration in Deutschland. Oft wird dabei der Fokus primär auf die “absolute Bildung” gelegt, also auf die Qualifikationen, die in einem internationalen Kontext oder speziell aus der Perspektive des Ziellandes Deutschland bewertet werden. Diese Sichtweise ist naheliegend, da die erworbenen Abschlüsse schließlich im deutschen Arbeitsmarkt und Bildungssystem eingesetzt werden sollen. Doch eine solche rein auf das Zielland bezogene Betrachtung kann wichtige Nuancen und Aspekte der individuellen Bildungsbiografie außer Acht lassen, die für den Integrationsprozess von erheblicher Relevanz sind.
Die wissenschaftliche Literatur hebt mindestens drei gewichtige Gründe hervor, warum eine ergänzende Berücksichtigung des Herkunftslandes der Migranten unerlässlich ist. Erstens unterscheiden sich Bildungssysteme weltweit erheblich voneinander, wodurch im Ausland erworbene Abschlüsse nicht direkt mit deutschen Äquivalenten vergleichbar sind. Eine rein formale Gleichstellung greift hier oft zu kurz. Zweitens garantiert das gleiche Niveau formaler Bildung nicht zwangsläufig die gleichen Kompetenzen in verschiedenen Ländern. Die Lehrpläne, Lernmethoden und Schwerpunkte können stark variieren. Drittens hängt der gesellschaftliche Stellenwert eines bestimmten Bildungsabschlusses auch maßgeblich davon ab, wie viele Personen in einer Gesellschaft eine solche Qualifikation besitzen. Ein mittlerer Abschluss mag in einem Land, wo er selten ist, einen höheren Wert haben als in einem Land, wo er die Norm darstellt. Dieses Verständnis ist auch für die bildung von anfang an von entscheidender Bedeutung, da es die Grundlage für den späteren Bildungsweg legt.
Warum die Herkunftsland-Perspektive entscheidend ist
Eine Einordnung der Qualifikation in die Herkunftsgesellschaft, die sogenannte “relative Bildung”, ermöglicht eine wesentlich differenziertere Beschreibung der mitgebrachten Fähigkeiten und ergänzt somit die traditionelle, auf das Zielland bezogene Perspektive. Sie beleuchtet nicht nur den formalen Abschluss, sondern auch dessen gesellschaftliche Bedeutung und die damit verbundenen Chancen im Ursprungsland. Diese relative Position kann zudem Aufschluss über weitere, oft nicht direkt messbare Merkmale von Zugewanderten geben, die für Integrationsprozesse in Deutschland von großer Bedeutung sind. Dazu gehören beispielsweise Motivation, Resilienz oder soziale Netzwerke, die im Kontext des Herkunftslandes erworben wurden.
Die Berücksichtigung beider Perspektiven – der absoluten Qualifikation im Zielland und der relativen Stellung im Herkunftsland – ist somit entscheidend, um ein umfassendes Bild der Bildung von Zugewanderten zu erhalten. Dies hilft nicht nur, Fehleinschätzungen zu vermeiden, sondern auch, die Potenziale von Migranten besser zu erkennen und gezielter zu fördern.
Absolute vs. Relative Bildung: Eine vertiefte Betrachtung
Während die “absolute Bildung” primär die Vergleichbarkeit und Anerkennung von Abschlüssen im Gastland adressiert, fokussiert die “relative Bildung” auf den sozialen Status und die individuelle Bildungsleistung im Kontext des Herkunftssystems. Beispielsweise könnte ein Studienabschluss in einem Land mit sehr geringer Akademikerquote eine weitaus höhere Selektivität und intellektuelle Leistung signalisieren als ein ähnlicher Abschluss in einem Land mit breiter Hochschulzugangsmöglichkeit. Dieses Verständnis ist fundamental, um die tatsächlichen Kompetenzen und das Engagement von Zugewanderten adäquat bewerten zu können. Es geht darum, nicht nur was jemand gelernt hat, sondern auch unter welchen Umständen und mit welchem Aufwand dies geschehen ist. Eine nuancierte Betrachtung hilft, Integrationsstrategien zu verfeinern und die ibb weiterbildung effektiver zu gestalten, um individuelle Lücken zu schließen und Potenziale zu entfalten.
Methodologie und Datenbasis der Analyse
Der vorliegende Bericht vereint diese beiden Perspektiven systematisch, indem er die mitgebrachten Bildungsabschlüsse von Migranten sowohl vor dem Hintergrund des Herkunftslands als auch des Ziellands Deutschland einordnet. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf Geflüchteten, deren Bildungswege oft durch Flucht und Trauma unterbrochen wurden und daher einer besonders sensiblen Analyse bedürfen. Sie werden mit Zugewanderten verglichen, die aus anderen Motiven – etwa als Arbeitsmigranten, zur Ausbildung oder im Zuge der Familienzusammenführung – in den letzten Jahren nach Deutschland gekommen sind. Diese vergleichende Analyse erlaubt es, spezifische Profile und Herausforderungen der verschiedenen Migrantengruppen besser zu identifizieren.
Die Analysen basieren auf umfassenden Datensätzen. Für die Gruppe der Geflüchteten werden Daten der IAB-BAMF-SOEP-Befragung herangezogen, die zwischen den Jahren 2013 und 2016 in die Bundesrepublik gekommen sind. Diese Befragung liefert detaillierte Einblicke in ihre Bildungsbiografien und Integrationsverläufe. Zum Vergleich werden andere Gruppen von Neuzugewanderten analysiert, die zum Zeitpunkt der Befragung maximal fünf Jahre in Deutschland gelebt haben. Diese Daten stammen aus dem Mikrozensus der Jahre 2008 bis 2014. Für die Identifikation dieser Personen im Mikrozensus wird die Nationalität in Kombination mit dem Zeitpunkt des Zuzugs genutzt, wobei aus den Angaben zur Nationalität auch auf das Herkunftsland geschlossen wird. Insgesamt fließen Migranten aus 25 Ländern in die Analyse ein. Die Bildungsverteilungen der jeweiligen Herkunftsländer werden dabei anhand einer Vielzahl weiterer länderspezifischer Datensätze geschätzt und in die Bewertung einbezogen. Die Erkenntnisse aus solchen Studien können auch relevant sein für Einrichtungen wie das institut für berufliche bildung ag, die sich mit der Qualifizierung von Fachkräften beschäftigen.
Implikationen für die Integrationspolitik
Die Ergebnisse dieser dualen Bildungsanalyse sind von großer Bedeutung für die Gestaltung einer effektiven Integrationspolitik in Deutschland. Ein tieferes Verständnis der relativen Bildung kann dazu beitragen, gezieltere Förderprogramme zu entwickeln, die nicht nur auf die Anerkennung formaler Abschlüsse abzielen, sondern auch die im Herkunftsland erworbenen Kompetenzen und den gesellschaftlichen Kontext der Bildung wertschätzen. Dies kann die schnelle und nachhaltige Eingliederung von Migranten in den Arbeitsmarkt sowie ihre soziale Integration erheblich verbessern. Durch die Berücksichtigung beider Bildungsperspektiven können Potenziale besser ausgeschöpft und individuelle Integrationswege optimal unterstützt werden. Es geht darum, die Bildung nicht als isolierten Faktor zu sehen, sondern als integralen Bestandteil eines umfassenden Integrationsprozesses, der auch die berufliche bildung ihk niederrhein berücksichtigen muss, um reale Chancen zu schaffen.
Fazit
Die Bildung von Zugewanderten ist ein Schlüsselfaktor für ihre erfolgreiche Integration in Deutschland. Eine umfassende Betrachtung erfordert jedoch mehr als nur die Bewertung absoluter Qualifikationsniveaus. Durch die Integration der Perspektive des Herkunftslandes und die Analyse der “relativen Bildung” können wir ein präziseres und differenzierteres Bild der Kompetenzen und Potenziale von Migranten zeichnen. Dieser Ansatz ermöglicht es, die Herausforderungen und Chancen der Integration besser zu verstehen und evidenzbasierte Strategien zu entwickeln, die sowohl den individuellen Bedürfnissen der Zugewanderten als auch den Anforderungen der deutschen Gesellschaft gerecht werden. Nur so können wir die vielfältigen Talente und Erfahrungen von Migranten optimal für die Zukunft Deutschlands nutzen.
Christoph Spörlein und Cornelia Kristen (2019a): Why we should care about regional origins: Educational selectivity among refugees and labor migrants in Western Europe. Frontiers in Sociology 4 (39).
Christoph Spörlein et al. (2020): Selectivity profiles of recently arrived refugees and labour migrants in Germany. Soziale Welt 71 (1–2), 54–89.
