Deutschland und seine deutschsprachigen Nachbarländer sind reich an einzigartigen Traditionen und Sportarten. Eine davon ist Hornussen, ein alter Schweizer Nationalsport, der für seine Spieler jedoch unerwartet gefährlich sein kann. Während das Spiel mit seiner Mischung aus Präzision und Kraft fasziniert, birgt es Risiken, die oft unterschätzt werden. Eine detaillierte Studie des Universitätsspitals Bern hat die typischen Verletzungsmuster systematisch untersucht und beleuchtet die dunkle Seite dieses traditionellen Spiels, insbesondere im Hinblick auf schwere Gesichts- und Augenverletzungen.
Was ist Hornussen? Eine Einführung in den Schweizer Nationalsport
Hornussen ist ein Mannschaftssport mit einer langen Geschichte, deren Ursprünge bis ins 17. Jahrhundert zurückreichen. Es wird im Mittelland der Schweiz gespielt und kombiniert Elemente von Baseball und Golf. Das Ziel ist es, eine kleine Scheibe, den “Nouss”, mit einem speziellen Schläger, dem “Stecken”, möglichst weit in das Feld des Gegners zu schlagen. Die gegnerische Mannschaft versucht wiederum, den Nouss mit großen Holzschildern, den “Schindeln”, abzufangen, bevor er den Boden berührt.
Der Nouss, eine etwa 78 Gramm schwere Scheibe, wird auf einer Startrampe, dem “Bock”, platziert. Beim Schlag erreicht er beeindruckende Anfangsgeschwindigkeiten von bis zu 300 km/h. Selbst nach einem Flug von rund 300 Metern besitzt der Nouss noch eine Aufprallenergie von 60-70 Joule. Diese Energie ist mehr als ausreichend, um schwere Prellungen, Risswunden oder sogar Knochenbrüche zu verursachen, insbesondere im empfindlichen Mittelgesichtsbereich. Dieses hohe Gefahrenpotenzial ähnelt dem bekannterer Schlag- und Ballsportarten wie Cricket oder Baseball, wo Schutzkleidung oft Standard ist.
Ein Hornusser schlägt den Nouss vom Bock
Die dunkle Seite: Schwere Verletzungen im Hornussen
Trotz der potenziellen Gefahr wird Hornussen traditionell oft ohne umfassende Schutzausrüstung gespielt. Eine retrospektive Studie des Universitätsspitals Bern, die zwischen 2000 und 2014 durchgeführt wurde, analysierte 28 Fälle von Hornussen-bedingten Verletzungen. Die Ergebnisse sind alarmierend und unterstreichen die Notwendigkeit präventiver Maßnahmen.
Die Untersuchung zeigte, dass fast alle Verletzten (96 %) männliche, aktive Spieler waren, deren Durchschnittsalter bei etwa 40 Jahren lag. Nur eine weibliche Zuschauerin war betroffen. Es war auffallend, dass keiner dieser Patienten zum Zeitpunkt des Unfalls Schutzausrüstung trug.
Hornusser fangen den Nouss im Ries mit Schindeln ab
Häufigste Verletzungsmuster
Die häufigsten Verletzungen betrafen den Kopf und das Gesicht (93 % der Fälle), oft mit komplexen Traumata. Typische Muster waren:
- Mittelgesichtsfrakturen: Brüche der Knochen im Mittelgesicht, einschließlich des Jochbeins, der Augenhöhle und der Nase.
- Schwere Augenverletzungen: Stumpfe oder perforierende Augentraumata, die in einigen Fällen zu dauerhaften Sehstörungen oder sogar Blindheit führten.
- Kombinierte Traumata: In vielen Fällen traten Frakturen in Kombination mit Risswunden auf. Patienten mit mehreren unterschiedlichen Verletzungen mussten in der Regel stationär behandelt und operiert werden.
Der Nouss war in 79 % der Fälle die Ursache der Verletzung, während 14 % der Spieler sich selbst beim Schlag mit dem Schläger verletzten oder von Bruchstücken getroffen wurden. Die Schwere der Verletzungen führte dazu, dass 77 % der Patienten mit Gesichts- oder Schädelverletzungen stationär behandelt und operiert werden mussten. Ein Patient wurde sogar auf der Intensivstation überwacht.
Jährliche Verteilung der Notaufnahmen wegen Hornussen-Unfällen (2000-2014)
Verteilung der verletzten Körperregionen bei Hornussen-Unfällen
Ergebnis der Patientenbehandlung nach Hornussen-Unfällen
Art der erfassten Verletzungen bei Hornussen-Patienten
CT-Scan einer schweren Orbitalbodenfraktur nach einem Nouss-Treffer
Ein Ruf nach Schutz: Die Notwendigkeit von Helmen
Die langfristigen Folgen dieser schweren Verletzungen können erheblich sein, von Sehbehinderungen über chronische Schmerzen bis hin zu Nervenschäden. Angesichts dieser Risiken ist es erstaunlich, dass Schutzhelme mit Gesichtsschutz, wie sie in anderen Sportarten (z.B. Eishockey) üblich sind, nicht für alle Hornussen-Spieler obligatorisch sind.
Aktuell schreibt der Eidgenössische Hornusserverband Schutzhelme nur für Spieler vor, die ab dem Jahrgang 1984 geboren wurden. Die Studie zeigte jedoch, dass auch jüngere Spieler betroffen waren und keine Helme trugen. Darüber hinaus wurden 15 % der Verletzungen beim Schlagen des Nouss verursacht, nicht nur beim Abfangen im Feld. Dies deutet darauf hin, dass ein umfassender Schutz für alle Spieler, unabhängig von Alter oder Position, unerlässlich ist.
Fazit: Tradition mit Sicherheit verbinden
Hornussen ist ein faszinierender und tief verwurzelter Teil der Schweizer Kultur, der auch für Liebhaber einzigartiger Sportarten im deutschsprachigen Raum von Interesse ist. Doch die Freude am Spiel sollte niemals die Sicherheit überschatten. Die Erkenntnisse aus der Berner Studie sind ein klarer Appell an den Sport und seine Organisationen: Es ist höchste Zeit, die Helmpflicht auf alle Altersgruppen und Positionen auszuweiten. Nur so kann dieser traditionsreiche Sport auch in Zukunft sicher und mit Freude ausgeübt werden, ohne dass Spieler lebensverändernde Verletzungen riskieren müssen. Die Wertschätzung der Tradition muss Hand in Hand gehen mit der Verantwortung für die Gesundheit der Sportler.
