In Hamburg schlägt das Fußballherz in zwei verschiedenen Rhythmen. Das Derby zwischen dem Hamburger SV (HSV) und dem FC St. Pauli ist weit mehr als nur ein Fußballspiel; es ist ein Duell zweier ungleicher Welten, ein Aufeinandertreffen von Tradition und Rebellion, von Kommerz und klaren Werten. Eine Stadt, gespalten durch die Elbe und zwei Vereine, deren Philosophien kaum unterschiedlicher sein könnten. Selbst ein torloses Unentschieden, wie das jüngste mit einer späten Parade von HSV-Torhüter Julian Pollersbeck gegen Cenk Sahin von St. Pauli, kann die tiefsitzenden Emotionen nicht dämpfen.
„Wir sind die Nummer eins der Stadt!“, sangen die 5.500 Auswärtsfans in weißen T-Shirts nach dem Abpfiff. Ein HSV-Fan konterte daraufhin: „Sie haben vor sieben Jahren ein Derby gewonnen, aber wir wissen, wer wirklich die Nummer eins ist.“ Diese Aussage bringt die jahrelange Debatte auf den Punkt. Das Hamburger Derby mag auf dem Spielfeld keine klaren Antworten liefern, aber abseits des Rasens brodelt die Rivalität ständig. Für viele Fans ist das Fußballgeschehen auch eine Gelegenheit, ihre Überzeugungen und ihren Stolz zu zeigen, nicht nur auf lokaler, sondern auch auf einer breiteren Ebene, wie die Diskussionen um die nächste fußball wm zeigen können.
Eine Rivalität mit Geschichte und Emotionen
Sieben Jahre lang hatten die HSV-Fans darauf gewartet, die Derby-Krone zurückzuerobern, seit Gerald Asamoahs Kopfballtreffer St. Pauli einen berühmten Sieg im Volksparkstadion bescherte. Nach dem erstmaligen Abstieg des HSV aus der Bundesliga bot sich endlich die Chance zur Revanche. Die Wochen vor dem Spiel waren von wachsender Spannung geprägt. Gruppen von Ultras beider Vereine marschierten durch gegnerische Viertel, und es kam zu Störungen und Auseinandersetzungen. Wütende HSV-Ultras sprachen von „Rache“, nachdem St. Pauli-Fans ihre Choreografie-Vorbereitungen angegriffen und dabei zwei HSV-Ultras verletzt hatten. Dies zeigte, dass die Rivalität nicht nur auf dem Spielfeld, sondern auch tief in der Fankultur verwurzelt ist.
Das Duell der Gegensätze: Tradition trifft auf Rebellion
Das Hamburger Derby ist ein Aufeinandertreffen von Gegensätzen, wie man sie selten findet. Auf der einen Seite steht der Hamburger SV, der Verein mit der schwarz-weiß-blauen Raute, der 1983 den Europapokal der Landesmeister gewann und sich lange als Bayern München des Nordens sah. „Sechsmal Deutscher Meister, viermal Pokalsieger, immer erste Liga, HSV!“, so sang man einst – bis zum historischen Abstieg.
Hamburger SV: Der stolze Dino im Wandel
Der HSV verkörpert die große Fußballtradition Norddeutschlands. Mit einer ruhmreichen Vergangenheit, die Titel auf nationaler und internationaler Ebene umfasst, identifizieren sich seine Anhänger mit einer langen Erfolgsgeschichte. Doch der Abstieg in die 2. Bundesliga markierte einen Wendepunkt, der den Verein vor neue Herausforderungen stellte. Fans blicken dennoch optimistisch in die Zukunft, auch im Hinblick auf die fussball wm 2026 und die Rolle deutscher Spieler darin.
FC St. Pauli: Der Kultclub mit klarer Haltung
Auf der anderen Seite steht der FC St. Pauli, der alternative Club aus dem Herzen der Stadt. Er erlangte Bekanntheit durch seine Verbindung zu den Hausbesetzern und die linke Szene rund um die Reeperbahn in den 1980er-Jahren. Während rechtsextreme Tendenzen in vielen Stadien zunahmen, wandten sich Fans ab und suchten eine Alternative – die sie am Millerntor fanden. Jörg Marwedel, Journalist der Süddeutschen Zeitung, erklärt: „Man sagt, dass man seinen Fußballverein nie wechseln kann, aber in Hamburg war das in den 1980er-Jahren anders.“
Fans beider Vereine beim Hamburger Derby im Volksparkstadion
Die Fangemeinde von St. Pauli ist bekannt für ihre anti-rassistischen, anti-faschistischen und anti-homophoben Prinzipien. Lena, eine aktive St. Pauli-Anhängerin, betont: „St. Pauli ist definitiv ein linker Club mit einer expliziten politischen Haltung und bestimmten Werten, für die wir stehen.“ Sie fügt hinzu, dass das Derby weniger ein politischer Kampf als vielmehr ein „Aufeinandertreffen von Visionen, wie der Fußball geführt werden sollte“, ist. Diese Werte ziehen auch international Aufmerksamkeit auf sich, ähnlich wie globale Turniere wie die gruppenphase wm 2022 verschiedene Kulturen zusammenbringt.
Strukturen, Werte und das Geschäft mit dem Fußball
Die beiden Clubs unterscheiden sich auch grundlegend in ihren Strukturen.
Mitgliedergeführt vs. Investorenabhängig
Während St. Pauli zu 100 Prozent unter der Kontrolle seiner Mitglieder steht, ist der HSV, seitdem er seine Profifußballabteilung 2014 in eine Kapitalgesellschaft umwandelte, auf die finanzielle Unterstützung von Milliardär Klaus-Michael Kühne angewiesen. Lena betont die Bedeutung der Mitgliederführung: „Es ist extrem wichtig für mich, Mitglied in einem Verein zu sein, der von seinen Mitgliedern kontrolliert wird. In den letzten Jahren hat der HSV gezeigt, was passieren kann, wenn eine einzelne Person zu viel Macht hat.“ Banner im Gästeblock spotteten: „HSV: eine Liebe, so leicht gekauft wie auf der Reeperbahn!“ Die HSV-Ultras konterten: „Eure Werte sind fast so stark wie eure Hooligans!“, eine Anspielung auf die angebliche Heuchelei der Nachbarn.
Totenkopf und Kommerz: Die Marke St. Pauli
Trotz seiner Anti-Establishment-Wurzeln ist auch St. Pauli ein professioneller Zweitliga-Fußballverein. Der 1980er-Jahre übernommene Totenkopf als Symbol der Rebellion entwickelte sich schnell zu einer eigenständigen Marke, die weltweit an Sympathisanten vermarktet wird. Lena räumt ein, dass der Verein „wahrscheinlich bekannter für seine politische Haltung“ ist. Sie fügt hinzu: „Natürlich gibt es Leute, die einfach St. Pauli T-Shirts aus dem Fanshop kaufen, weil sie cool sind, aber es gibt größere Themen, als dass Leute den Club für die Werte mögen, für die er steht.“ Die internationale Bekanntheit St. Paulis kann in gewisser Weise mit der Begeisterung für globale Fußballereignisse wie den wm 2022 turnierbaum verglichen werden, wo Geschichten und Identitäten ebenfalls eine große Rolle spielen.
Derbyspektakel im Volksparkstadion
„Wir sind der Verein aus dem Herzen der Stadt! Der Verein, der weiß, woher er kommt und seine Wurzeln schützt!“, lautete der Aufruf von Ultra Sankt Pauli vor dem Spiel. Alle 5.500 Gästetickets waren innerhalb von 300 Sekunden vergriffen. Im Stadion entrollten die Ultras ein braunes Banner mit einem Totenkopf in einem St. Pauli-Schal, und Leuchtfackeln wurden gezündet.
Auf der gegenüberliegenden Seite präsentierten die HSV-Ultras eine riesige Choreografie mit den Titeln des Vereins: „Versucht es so hart ihr wollt, aber unsere Größe ist in Stein gemeißelt.“ Nach sieben langen Jahren war die Bühne bereitet, doch das Spiel selbst enttäuschte. Beide Mannschaften, die in der Saison bereits hohe Niederlagen erlitten hatten, gingen übervorsichtig zu Werke. Angriffsaktionen waren Mangelware, bis auf Sahins späten Versuch in der Nachspielzeit.
Fazit: Mehr als nur ein Spiel
Als Vereine sind der Hamburger SV und der FC St. Pauli Welten voneinander entfernt. Ihre Rivalität ist ein faszinierendes Spiegelbild der gesellschaftlichen und kulturellen Vielfalt Hamburgs. Es ist das Duell zwischen dem Anspruch auf ewige Größe und dem Stolz auf eine einzigartige Gegenkultur. Obwohl das jüngste Spiel im Volksparkstadion fußballerisch eher unterwältigte, bleibt das Hamburger Derby ein Ereignis von immenser emotionaler Bedeutung, das die Stadt in seinen Bann zieht und die Herzen der Fans höherschlagen lässt. Man darf gespannt sein auf das nächste Aufeinandertreffen im Millerntor im März, wo die Rivalität mit Sicherheit eine neue Wendung nehmen wird.
