Elke Heidenreichs Reisen: Ein Mosaik aus Erlebnissen und Begegnungen

Reisen – für jeden von uns bedeutet es etwas anderes. Oftmals zwicken wir uns, um sicherzugehen, dass wir wirklich dort sind, wo wir uns gerade befinden, tausende Kilometer von zu Hause entfernt. In solchen Momenten erfüllt uns tiefe Dankbarkeit, eine Dankbarkeit, die sich mittlerweile auch bei kürzeren Distanzen einstellt, denn auf die Entfernung kommt es nicht an, sondern auf das Erleben selbst.

Vielleicht mag es seltsam erscheinen, vielleicht ist es aber auch ganz normal: Immer wieder sind wir verblüfft, wenn wir feststellen, dass wir an demselben Ort nicht dasselbe gesehen haben. Mit Staunen und großer Freude betrachten wir die Aufnahmen, die unser Partner unterwegs gemacht hat, und gleichen sie mit unseren eigenen ab. Schon oft hat er ein Gefühl festgehalten, das wir hatten, und durch seine Augen können wir Dinge wahrnehmen, die uns entgangen sind.

Auch Elke Heidenreichs neuestes Werk befasst sich mit dem Unterwegssein und mit gespeicherten Reiseeindrücken, Eindrücken von bleibender Art. Es geht um Begegnungen, um Begleiterinnen und Begleiter. Sie betitelt ihr Werk mit einem Zitat aus Goethes Faust, und wer könnte es treffender auf den Punkt bringen als der Meister selbst:

„Ihr glücklichen Augen, was je ihr gesehen, es sei wie es wolle. Es war doch so schön.“

Johann Wolfgang von Goethe

Heidenreich war viel unterwegs, beruflich wie privat, und dass sie zu erzählen weiß, ist längst kein Geheimnis mehr. Man darf also gespannt sein, was sie von ihren Exkursionen mitgebracht und zu berichten hat. Denn heißt es nicht auch: „Wer eine Reise tut, der kann was erzählen?“

Ihr glücklichen Augen von Elke Heidenreich – Kurze Geschichten zu weiten Reisen

Sie liebe Menschen, sagt sie, aber die Leute gehen ihr manchmal auf die Nerven. Reist man eigentlich wegen der Orte oder wegen der Menschen, fragt sie sich und auch, was Heimat wirklich ist. Nein, heute sind wir keine wurzellosen Nomaden mehr. Fort wollen wir aber trotzdem, immer wieder, Neues erleben. Was treibt uns an? Was ist der Motor unseres Reisens? Vieles können wir uns heute leisten, was früher undenkbar und unbezahlbar war. Heutzutage setzt man sich in den Flieger und ist Stunden später auf einem anderen Kontinent – vorausgesetzt, eine Pandemie sperrt uns nicht aus.

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Wer es vermag, echte und geträumte Orte zu bewohnen, der ist kein Tourist. Diesen Gedanken habe ich mir mitgenommen, ebenso wie den, dass eine Reise in Gedanken ebenfalls eine Reise ist.

Ich starte mit Frau Heidenreich in Paris in den 70er Jahren. Sie nimmt mich mit zu Freunden, zu Theaterbesuchen, zu geselligen Runden, in Restaurants mit rot-weiß karierten Tischdecken. Dann, nahtlos, geht es zum Nacktbaden nach Zürich. Sie poliert mein Italienisch auf, ich bin mit ihr zu Gast in Villen mit Zitronenhainen in der Nähe von Mailand. Und wer ist da am Telefon? Umberto Eco. Und die blauen Augen von Richard Ford lassen Frau Heidenreich tatsächlich rot werden wie ein Backfisch. Dass sie Günter Grass nicht leiden mag, ist kein Problem – sie geht halt erst zur Einladung, wenn er wieder weg ist. Dumm nur, dass er davon erfährt.

Gent sehen, aber nur mit der großen Liebe. Die einen nicht wiederliebt. Was schade ist. Aber schön war es trotzdem. Das ewig Böse wohnt vielleicht in Schottland. Mal sehen, es geht durch Schottland, auf den Spuren von Macbeth. Eine Landschaft lehrt uns Ehrfurcht vor der Schönheit, kurz nachdem in New York die Zwillingstürme explodierten.

Ich erfahre, wer das Talent zum Glücklichsein hat und dass ein Schal aus feuerroter Seide und Ohrclipse an den Ballerinas gegen das „Mausigsein“ wirken – so gerade eben, vor einem Besuch der Scala. Manches ist lange her, schon nicht mehr wahr. Schaufensterpuppen im heimischen Wohnzimmer und andere Mitbringsel erinnern an gemeinsame Abende. Opernbillets erinnern an Nähe, wie nur Musik sie schaffen kann.

Frau Heidenreich wirkt plaudernd und so herrlich unprätentiös. Sie erzählt, wie ihr der Schnabel gewachsen ist, ohne Punkt und Komma. Vom Hundertstel kommt sie ins Tausendstel, humorvoll und augenzwinkernd. So viele kluge Gedanken, so viele herrliche Sätze habe ich mir notiert. Ich könnte zitieren und zitieren. Doch es war richtig, wie schon bei ihren „Männern in Kamelhaarmäntel“, mir ihre Geschichten von ihr selbst vorlesen zu lassen.

Elke Helene Heidenreich, geboren am 15. Februar 1943 in Korbach, Journalistin, Schriftstellerin, Literaturkritikerin, Moderatorin, Kabarettistin – eine Frau mit vielen Talenten, liest ihre Abenteuer gerne selbst ein, und das ist auch gut so. Wer könnte denn authentischer wiedergeben, was ihr in den Sinn gekommen ist? So ist auch diese Hörbuchfassung, erschienen bei Random House Audio (ich bedanke mich für das Besprechungsexemplar), schlicht und einfach unfassbar gut. Rund fünf Stunden dauert diese Hör- und Zeitreise, und man erlebt eine unglaubliche Dichte an Eindrücken.

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Sie kann es einfach, die Frau Heidenreich. Mich mitfühlen, mitlachen lassen und erzählen. Vortrefflich! Und ihr Literaturgeschmack ist erlesen. Wir wissen das, schätzen ihn, und auch auf ihren Reisen begegnet er uns. So wie sie vielen Menschen begegnet ist, gleich wohin es auch ging. Mit Shakespeare wandernd durch die schottischen Highlands oder mit Pessoa von Peking nach Hause. Es sind die Begegnungen, die bereichern – die echten und die literarischen. Tun sie das nicht immer?

Von den Fidschis geht es nach Danzig, über Stockholm. Ein Gedicht von Joseph von Eichendorff begleitet uns. Wie meist nähert sich Elke Heidenreich ihren Reisezielen mit Hilfe der Literatur an; Reiseführer verschmäht sie. Auf rasender Fahrt ist sie so durch Kairo in einem Taxi unterwegs, hat Rudyard Kipling im Hinterkopf. Mit dem Sport-Team des ZDFs geht es zur Olympiade 1988 nach Seoul, und in Lissabon treffen wir Fernando Pessoa wieder, Heidenreichs sperrigen Lieblingspoeten, und sein „Buch der Unruhe“ (das will ich jetzt lesen!).

„Ich betrachte das Leben als eine Herberge, in der ich verweilen muss, bis die Postkutsche des Abgrunds eintrifft. Ich möchte heute, an diesem Tag, muss durch darf ersetzen.“

Zitat Fernando Pessoa

Einiges habe ich entdeckt, was ich mit Frau Heidenreich gemeinsam habe, und dieses hier ist mir das Liebste: Beide sind wir im Petersdom gestanden und haben Tränen vergossen, weil es nicht anders geht, wenn man vor Michelangelos römischer Pietà steht. Weil es unglaublich ist, wie man einem Stein auf diese Weise Leben einhauchen kann. Michelangelo war Mitte Zwanzig, als er diese Skulptur 1499 fertigstellte und damit einen Skandal losgetreten hat. Provoziert gesehen hat sich offenbar auch 1972 ein Attentäter, der das Kunstwerk mit 12 Hammerschlägen schwer beschädigte. Ich habe es, wie Frau Heidenreich, nur noch in seiner restaurierten Form hinter Panzerglas bewundern können, aber selbst durch das Glas hindurch vermag es einen so derart anzufassen, dass man die Fassung verliert.

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Manchmal sei sie nur fortgegangen, um am Ende wieder hier zu sein, verrät sie. Zu Hause. Aber anders eben. Weil jede Reise etwas mit uns macht, manchmal unbemerkt, aber immer. Unser Blick verändert sich. Weil wir sind jetzt ja dort gewesen, sagt Heidenreich, wo wir hin wollten. Angekommen vielleicht auch. Sage ich. Weil, das klappt nicht immer. Bei mir zumindest. Elke Heidenreich sucht im Spiegel in ihrem Gesicht nach den Spuren ihrer Reisen, fragt sich, wie würde sie aussehen ohne sie? Ich mochte ihr Nachdenken – sehr. Es wirft mich auf mich selbst zurück: Warum bin ich gerne unterwegs, komme aber mindestens genauso gerne wieder zu Hause an? Kann genau das genießen: mich sortieren, neuen Anlauf nehmen.

Wir erfahren viel von ihr, dem Ruhrpottgewächs, das gerne Piratin geworden wäre, das auf Reisen immer in einem der Opernhäuser dieser Welt Einkehr hält. Weil, so sagt sie, die ganz große Musik Menschen verbindet – überall, egal ob in Venedig, New York, Havanna, aber besonders bei Wagner in Shanghai.

Da ist kein Prahlen, nur Staunen über all das, was am Weg liegt, und die Kleinigkeiten abseits ausgetretener Pfade. Dankbarkeit auch für diesen Erlebensreichtum. Uns lässt sie hiermit teilhaben, und ich war sehr gerne dabei, wenn sie eloquent und von ihrem Standpunkt aus durchaus kritisch das Weltgeschehen hinterfragend plappert. Sie geht zielstrebig auf die Achtzig zu, kokettiert dabei aber nie mit ihrem Alter. Es spielt keine Rolle, es gehört zu ihr wie diese Geschichten, die sie uns nicht alle erzählen könnte, hätte sie weniger Meilen auf dem Tacho.

Nie mehr wieder so etwas Schönes sehen wie hier, in Neuseeland, dem „Sound of Silence“ lauschend, mit zugeschnürtem Herzen. Ich beneide Elke Heidenreich um viele ihrer Erlebnisse und erinnere gleichzeitig an ähnliche Momente an anderen Orten. Würde am liebsten sofort einen Koffer packen und Gedichte von Dylan Thomas lesen, der zeitlebens erfüllt war von Sehnsucht und Heimweh, während Heidenreich endet, wie sie begonnen hat: aus vollem Lauf und einfach mittendrin.