Die deutsche Bildungslandschaft ist einem stetigen Wandel unterworfen, und regelmäßige Untersuchungen sind essenziell, um die Wirksamkeit unserer Bildungssysteme zu bewerten. Der IQB-Bildungstrend 2022, durchgeführt vom Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) im Auftrag der Kultusministerkonferenz (KMK), liefert zum dritten Mal umfassende Daten darüber, inwieweit Jugendliche am Ende der Sekundarstufe I die bundesweit geltenden Bildungsstandards in den sprachlichen Fächern erreichen. Die Ergebnisse, erhoben zwischen April und Juli 2022, spiegeln die Lernleistungen in einer Zeit wider, die maßgeblich von den Einschränkungen der Corona-Pandemie geprägt war. Schulschließungen, Distanz- und Wechselunterricht haben den regulären Unterricht fast zwei Jahre lang erheblich beeinträchtigt.
Der Bericht offenbart sowohl besorgniserregende Entwicklungen im Fach Deutsch als auch erfreuliche Fortschritte im Fach Englisch. Darüber hinaus beleuchtet die Studie die zunehmenden sozialen und zuwanderungsbezogenen Disparitäten im Bildungssystem. Diese umfassende Analyse ist entscheidend, um zielgerichtete Maßnahmen zur Stärkung der Bildungsgerechtigkeit und zur Sicherung der Kompetenzen unserer Schülerinnen und Schüler zu entwickeln.
Der IQB-Bildungstrend 2022: Kontext und Methode
Der IQB-Bildungstrend 2022 untersuchte die Kompetenzen von Neuntklässlerinnen und Neuntklässlern in den Fächern Deutsch, Englisch und Französisch. Im Fokus standen dabei das Erreichen der Bildungsstandards für den Ersten Schulabschluss (ESA) und den Mittleren Schulabschluss (MSA). Die Erhebung erfolgte in einem Kontext, der von den gravierenden Auswirkungen der COVID-19-Pandemie und den nach 2015 erfolgten großen Zuwanderungs- und Flüchtlingswellen geprägt ist. Insgesamt nahmen 32.990 Schülerinnen und Schüler aus 1.610 Schulen im Fach Deutsch sowie 31.159 Schülerinnen und Schüler aus 1.542 Schulen im Fach Englisch teil. In einigen Bundesländern wurden zudem Französischkenntnisse getestet. Die wissenschaftliche Gesamtverantwortung lag bei Prof. Dr. Petra Stanat vom IQB.
Die Daten liefern einen wichtigen Vergleichswert zu früheren Erhebungen aus den Jahren 2009 und 2015 und ermöglichen es, Trends in der Kompetenzentwicklung zu identifizieren. Insbesondere die Auswirkungen der pandemiebedingten Schulschließungen auf die Lernleistungen sind ein zentraler Aspekt der Analyse, der in den Diskursen der Bildungspolitik eine wesentliche Rolle spielt.
Deutschkenntnisse unter Druck: Alarmierende Ergebnisse
Die Ergebnisse im Fach Deutsch sind nach dem IQB-Bildungstrend 2022 eindeutig besorgniserregend. Im Vergleich zum Jahr 2015 ist der Anteil der Jugendlichen, die die Mindeststandards für den Ersten Schulabschluss (ESA) und den Mittleren Schulabschluss (MSA) verfehlen, deutlich gestiegen. Dies betrifft alle drei untersuchten Kompetenzbereiche: Lesen, Zuhören und Orthografie.
Konkret erreichen oder übertreffen nur 49 Prozent der Neuntklässlerinnen und Neuntklässler, die den MSA anstreben, den Regelstandard im Lesen. Dies stellt einen signifikanten Rückgang um 9 Prozentpunkte seit 2015 dar. Noch drastischer ist der Rückgang im Zuhören, wo nur 53 Prozent den Regelstandard erreichen – ein Minus von 19 Prozentpunkten. Auch in der Orthografie ist ein Rückgang um 12 Prozentpunkte auf 65 Prozent zu verzeichnen.
Betrachtet man die Gesamtgruppe aller Neuntklässlerinnen und Neuntklässler, so verfehlen etwa 15 Prozent die Mindeststandards für den ESA im Lesen (plus 6 Prozentpunkte seit 2015), fast 18 Prozent im Zuhören (plus 10 Prozentpunkte) und rund 8 Prozent in der Orthografie (plus 4 Prozentpunkte). Auch für den MSA sind die Zahlen alarmierend: 33 Prozent erreichen die Mindeststandards im Lesen nicht (plus 9 Prozentpunkte), 34 Prozent im Zuhören (plus 16 Prozentpunkte) und 22 Prozent in der Orthografie (plus 9 Prozentpunkte). Es ist jedoch zu beachten, dass diese Schülerinnen und Schüler mehr als ein Jahr vor dem eigentlichen MSA-Abschluss getestet wurden.
Die Kompetenzmittelwerte zeigen einen bundesweiten Verlust von durchschnittlich 25 Punkten im Lesen, 44 Punkten im Zuhören und 31 Punkten in der Orthografie im Vergleich zu 2015. Dies sind statistisch signifikante und erhebliche Kompetenzrückgänge. Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Katharina Günther-Wünsch, bezeichnete die Befunde als besorgniserregend und betonte die Notwendigkeit einer intensiven Sprachförderung und einer Fokussierung auf Basiskompetenzen. Sie unterstrich, dass die zunehmende Zahl von Schülern, die Mindeststandards nicht erreichen, nicht hinnehmbar sei. Auch R. Alexander Lorz, Hessischer Kultusminister, äußerte sich unzufrieden und forderte weitere Anstrengungen, insbesondere zur Stärkung der Bildungssprache Deutsch durch Vorlaufkurse und mehr Lesezeiten.
Englischkenntnisse auf dem Vormarsch: Ein Lichtblick
Im Gegensatz zu den ernüchternden Ergebnissen im Fach Deutsch zeigt der IQB-Bildungstrend 2022 eine erfreuliche Entwicklung bei den Englischkenntnissen der Neuntklässlerinnen und Neuntklässler. Dieser positive Trend, der bereits zwischen 2009 und 2015 sichtbar war, hat sich fortgesetzt und teilweise noch verstärkt.
Für die Schülerinnen und Schüler, die den MSA anstreben, erreichen oder übertreffen 60 Prozent die Regelstandards im Leseverstehen – ein Zuwachs von 11 Prozentpunkten gegenüber 2015. Im Hörverstehen sind es sogar 63 Prozent, was einem Plus von 10 Prozentpunkten entspricht. In der Gesamtgruppe aller Neuntklässlerinnen und Neuntklässler bleiben im Leseverstehen knapp 9 Prozent unter dem Mindeststandard für den ESA (plus 1 Prozentpunkt), während nicht einmal 2 Prozent den Mindeststandard für den ESA im Hörverstehen verfehlen (unverändert gegenüber 2015).
Auch die Werte für den MSA haben sich verbessert: 24 Prozent aller Neuntklässlerinnen und Neuntklässler erreichen den Mindeststandard für den MSA im Leseverstehen noch nicht, und 14 Prozent im Hörverstehen. Dies bedeutet einen Rückgang von jeweils 3 Prozentpunkten gegenüber 2015. Insgesamt konnten bundesweit durchschnittlich 22 Kompetenzpunkte im Leseverstehen und 23 Punkte im Hörverstehen dazugewonnen werden. Dies sind statistisch signifikante und deutliche Kompetenzsteigerungen.
Ties Rabe, Hamburgs Senator für Schule und Berufsbildung, bezeichnete dieses Ergebnis als überraschend erfreulich und kündigte eine genauere Analyse an. Er vermutet, dass die ungewöhnlich hohe Zunahme von zugewanderten Schülerinnen und Schülern seit 2015 einen Einfluss auf beide Entwicklungen – sowohl den Rückgang in Deutsch als auch den Anstieg in Englisch – haben könnte.
Soziale und zuwanderungsbedingte Disparitäten verstärken sich
Ein weiterer zentraler Befund des IQB-Bildungstrends 2022 ist die Verstärkung der Kopplung zwischen sozialer Herkunft und erreichtem Kompetenzniveau. Jugendliche aus sozioökonomisch schwächeren und bildungsferneren Familien sind von den Kompetenzrückgängen im Fach Deutsch besonders betroffen. Während die Kompetenzwerte von Schülerinnen und Schülern aus Haushalten mit weniger als 100 Büchern in Deutsch im Lesen erheblich sanken, verzeichneten Heranwachsende aus Haushalten mit mehr als 100 Büchern in den meisten Ländern nur leichte Rückgänge.
Die Studie zeigt auch signifikante zuwanderungsbezogene Disparitäten auf. Im Jahr 2022 weisen 38 Prozent der Neuntklässlerinnen und Neuntklässler in Deutschland einen Zuwanderungshintergrund auf, eine Steigerung um fast 9 Prozentpunkte seit 2015. Der Anteil der selbst zugewanderten Jugendlichen (erste Generation) hat sich seit 2015 um mehr als 5 Prozentpunkte auf 9 Prozent erhöht. Gleichzeitig ist der Anteil der Familien, in denen nie oder nur manchmal Deutsch gesprochen wird, deutlich auf 32 Prozent gestiegen.
Jugendliche mit Zuwanderungshintergrund zeigen sowohl in Deutsch als auch in Englisch signifikante Kompetenzrückstände, die im Fach Deutsch im Zuhören und Lesen am stärksten ausgeprägt sind. Insbesondere bei selbst zugewanderten Jugendlichen der ersten Generation sind die Kompetenzstände in Deutsch in allen drei Bereichen erheblich zurückgegangen (-46 Punkte im Lesen, -62 Punkte im Zuhören, -53 Punkte in Orthografie). Während die zweite Zuwanderungsgeneration in Englisch deutliche Kompetenzsteigerungen verzeichnen konnte, gilt dies nicht für die erste Generation. Die in der Familie gesprochene Sprache spielt eine entscheidende Rolle für die zuwanderungsbezogenen Kompetenzunterschiede in Deutsch. Dies unterstreicht die zunehmend wichtige Rolle der Sprachförderung in der Schule, um herkunftsbedingte Bildungsbenachteiligungen auszugleichen.
Weitere Erkenntnisse und Ausblick
Neben den Kompetenzmessungen liefert der IQB-Bildungstrend 2022 auch Einblicke in die Einstellungen der Schülerinnen und Schüler sowie der Lehrkräfte. Die Neuntklässlerinnen und Neuntklässler sind überwiegend sehr zufrieden mit ihrer Schule und fühlen sich mehrheitlich gut in ihrer Klasse integriert, unabhängig vom Zuwanderungshintergrund. Das fachliche Interesse für Deutsch hat sich jedoch etwas verringert und ist deutlich geringer ausgeprägt als für Englisch. Eine konstruktive Unterstützung im Unterricht geht jedoch mit einem stärkeren Interesse am Fach Deutsch einher.
Die befragten Deutsch- und Englischlehrkräfte zeigen positive Einstellungen zu ihrer Tätigkeit. Ein Großteil ist sehr zufrieden mit ihrer Berufswahl, unterrichtet mit hoher Begeisterung und investiert große Anstrengungen in ihren Beruf. Dies gilt auch für Quer- und Seiteneinsteiger.
Die Befundmuster legen nahe, dass die negativen Trends im Fach Deutsch zu einem gewissen Teil auf die pandemiebedingten Einschränkungen zurückzuführen sind. Es ist von entscheidender Bedeutung, die aus der Studie gewonnenen Erkenntnisse in konkrete bildungspolitische Maßnahmen umzusetzen. Dies umfasst die Stärkung der frühkindlichen Bildung und des Übergangs in die Primarstufe, die datengestützte Schulentwicklung, die Intensivierung der Sprachförderung bereits vor der Grundschule und eine stärkere Zusammenarbeit mit Einrichtungen der frühkindlichen Bildung. Nur so kann gewährleistet werden, dass alle Kinder und Jugendlichen in Deutschland, insbesondere jene mit Zuwanderungsgeschichte, die notwendigen Basiskompetenzen für eine erfolgreiche Schullaufbahn erwerben.
Der vollständige Bericht und weitere Informationen zum IQB-Bildungstrend 2022 sind auf der Webseite des IQB verfügbar: https://www.iqb.hu-berlin.de/bt/BT2022/Bericht
