John Knittel: Das bewegte Leben eines kosmopolitischen Schriftstellers

Die Welt der Literatur ist reich an faszinierenden Persönlichkeiten, und John Knittel gehört zweifellos dazu. Geboren als Sohn deutscher Missionare in Indien, führte ihn sein Weg durch verschiedene Kulturen und Kontinente, prägte seine Werke und sein komplexes Vermächtnis. Knittel, dessen vollständiger Name John Hermann Knittel lautete, war ein Schriftsteller, dessen Leben so vielschichtig war wie die Charaktere in seinen Romanen. Er war ein Wanderer zwischen den Welten, der sowohl literarische Erfolge als auch persönliche und politische Kontroversen erlebte. Seine Erzählungen, oft in exotischen Ländern angesiedelt, fesselten ein breites Publikum, während seine Entscheidungen in turbulenten Zeiten ihn zu einer umstrittenen Figur machten.

Frühes Leben und europäische Wurzeln

John Knittel wurde 1891 in Indien geboren, einem Land, das die Jugend vieler britischer Kolonialbeamter und Missionare prägte. Seine Eltern, Hermann Wilhelm Knittel, ein Missionar aus Württemberg im Dienste der Basler Mission, und seine Mutter Ana Knittel (geb. Schultze) aus Südtirol, hatten sich der Verbreitung des christlichen Glaubens verschrieben. Diese frühe Prägung in einem fremden Land, fernab der europäischen Heimat, legte den Grundstein für Knittels späteren kosmopolitischen Lebensstil und seine Fähigkeit, sich in unterschiedliche Kulturen einzufühlen. Die Basler Mission, eine der größten evangelischen Missionsgesellschaften ihrer Zeit, spielte eine wichtige Rolle bei der Erziehung und dem Weltbild der Familie.

Im Jahr 1895 kehrten die Knittels mit ihren Kindern aus Indien in die Schweiz zurück und ließen sich in Basel nieder. Hier verbrachte John Knittel einen Teil seiner Schulzeit am renommierten Gymnasium am Münsterplatz, wo er eine Freundschaft mit Carl Jacob Burckhardt, dem späteren Diplomaten und Historiker, pflegte. Trotz seiner schulischen Laufbahn entschied sich Knittel später für einen praktischeren Weg. Er verließ das Gymnasium, um eine geeignete Berufsschule zu finden, und begann schließlich eine Lehre in einer Baumwollspinnerei, die seinem Onkel gehörte. Diese frühe Erfahrung in der Arbeitswelt gab ihm Einblicke in das Leben der einfachen Menschen, was später in seinen Romanen zum Ausdruck kam.

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Anfänge in London und der Weg zur Schriftstellerei

Die Suche nach neuen Möglichkeiten und Erfahrungen führte John Knittel 1908 nach London, dem damaligen Zentrum des britischen Weltreichs. Dort arbeitete er zunächst als Bankangestellter für die französische Großbank Crédit Lyonnais, eine Tätigkeit, die ihm einen Einblick in die Finanzwelt ermöglichte. Später wechselte er die Branche und fand eine Anstellung als Filmvorführer in verschiedenen Londoner Theatern. Diese Zeit im pulsierenden London, an der Schwelle zum modernen 20. Jahrhundert, war prägend für den jungen Knittel. Sie erweiterte seinen Horizont und brachte ihn mit neuen Ideen und Menschen in Kontakt.

In London traf er auch seine zukünftige Frau, Frances White Mac Bridger. Trotz des Widerstandes ihrer Eltern heiratete das Paar 1915. Aus dieser Ehe gingen drei Kinder hervor, die später ebenfalls eine Rolle in seinem Leben spielen sollten. Ein entscheidender Wendepunkt in Knittels Leben ereignete sich 1917, als er den bekannten englischen Schriftsteller Robert Smythe Hichens kennenlernte. Hichens erkannte Knittels literarisches Talent und ermutigte ihn nachdrücklich, sich dem Schreiben zu widmen und seine Geschichten in englischer Sprache zu verfassen. Dieser Rat sollte Knittels Karriere maßgeblich beeinflussen. Bereits 1919 erschien Knittels erster Roman, The Travels of Aaron West, der sich schnell zu einem kommerziellen Erfolg entwickelte. Dieser Erfolg öffnete ihm die Türen zur englischen Literaturszene, und er wurde Mitglied des renommierten P.E.N. Clubs.

Weltreisen und soziales Engagement

Nachdem er sich als Schriftsteller etabliert hatte, zog John Knittel 1921 mit seiner Frau, seinen Kindern und Robert Smythe Hichens in die Schweiz zurück und ließ sich in der Nähe des Genfersees nieder. Die nächsten Jahre waren von ausgedehnten Reisen geprägt, die Knittel mit seiner Familie unternahm. Ägypten, Algerien und Tunesien waren nur einige der Länder, die er besuchte und die seine Fantasie beflügelten. Diese Reisen lieferten ihm nicht nur Inspiration für seine Romane, sondern schärften auch sein Bewusstsein für soziale Ungerechtigkeiten.

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Besonders beeindruckt zeigte sich Knittel in Ägypten von Mohandas Karamchand Gandhi und dessen Philosophie des gewaltlosen Widerstands und des Einsatzes für die Armen. Angespornt von Gandhis Idealen, unterstützte Knittel ein Schweizer Projekt, das sich der Verbesserung der Lebensbedingungen armer Fellachen – ägyptischer Bauern – widmete. Dieses soziale Engagement unterstrich seine tiefe Menschlichkeit und seinen Wunsch, einen positiven Beitrag zur Welt zu leisten. Die zunehmend unsichere weltpolitische Lage in den späten 1930er-Jahren zwang die Familie Knittel jedoch zur Rückkehr nach Europa. Ab 1938 ließen sie sich im Haus Römersteig in den Weinbergen von Maienfeld im Kanton Graubünden nieder, einem malerischen Rückzugsort in den Schweizer Alpen.

Rückkehr in die Schweiz und politische Verwicklungen

Die Zeit des Zweiten Weltkriegs stellte John Knittel vor immense Herausforderungen und führte zu einer kontroversen Phase in seinem Leben. Nach Kriegsbeginn suchte er den Kontakt zu Propagandaminister Joseph Goebbels und wurde, mit einer Empfehlung von Hans Carossa, Mitglied der umstrittenen Europäischen Schriftsteller-Vereinigung. Diese Vereinigung, die unter nationalsozialistischer Ägide gegründet wurde, sollte eine gemeinsame europäische Kultur im Sinne des Regimes fördern. Knittels Engagement in dieser Organisation brachte ihm später scharfe Kritik ein.

Eine besonders tragische Episode in seinem Leben ereignete sich 1943. Mehrere Freunde seiner Tochter, darunter Willi Graf, Alexander Schmorell und Kurt Huber, wurden wegen ihrer Beteiligung an der Widerstandsgruppe “Weiße Rose” zum Tode verurteilt. Die “Weiße Rose” war eine Gruppe von Münchner Studenten und Professoren, die in Flugblättern zum Widerstand gegen das NS-Regime aufrief. Knittels persönliche Nähe zu diesen Opfern des Regimes, kombiniert mit seiner Mitgliedschaft in einer nationalsozialistisch gelenkten Organisation, führte zu einem tiefen Konflikt. Von seinen Schweizer Kollegen wurde er als “Nazifreund” denunziert und infolgedessen aus dem Schweizer Schriftsteller Verband (SSV) ausgeschlossen. Diese Ausgrenzung war ein schwerer Schlag für Knittel und überschattete sein späteres Leben und seine Rezeption.

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Späte Jahre und Vermächtnis

John Knittel verbrachte seine letzten Lebensjahre in seinem Haus in Maienfeld, wo er am 26. April 1970 im Alter von 79 Jahren verstarb. Sein Leben war eine bemerkenswerte Reise durch das 20. Jahrhundert, geprägt von literarischem Erfolg, Weltoffenheit und den tragischen Verwicklungen seiner Zeit. Knittels Werke, die oft Themen wie Abenteuer, Liebe und soziale Gerechtigkeit behandeln, fanden zu seinen Lebzeiten ein großes internationales Publikum und wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt.

Sein Vermächtnis ist jedoch auch untrennbar mit den Schattenseiten seiner Biografie verbunden, insbesondere mit seiner Rolle während des Zweiten Weltkriegs. Diese Ambivalenz macht John Knittel zu einer Figur, die auch heute noch Anlass zu Diskussionen gibt. Seine Geschichte erinnert uns daran, wie komplex die Entscheidungen von Künstlern in politisch turbulenten Zeiten sein können und wie wichtig es ist, das gesamte Spektrum eines Lebens zu betrachten, um es wirklich zu verstehen. Trotz der Kontroversen bleibt John Knittel ein bedeutender schweizerisch-deutscher Schriftsteller, dessen Romane tiefe Einblicke in menschliche Schicksale und die Schönheit ferner Länder bieten.