Jahr für Jahr wartet die deutsche Literaturwelt gespannt auf den großen deutschen Einheitsroman. Während es einige bemerkenswerte Romane aus Ostdeutschland gab, wie Uwe Tellkamps “Der Turm” oder Eugen Ruges “In Zeiten des abnehmenden Lichts”, scheint die literarische Einheit, die man sich erhofft hatte, noch nicht ganz erreicht worden zu sein. Gerade in einer Zeit, in der die Kluft zwischen Ost und West wieder deutlicher spürbar wird, kommt Juli Zehs Roman “Unterleuten” wie gerufen, um der deutschen Leserschaft einen Spiegel vorzuhalten. Anstatt sich auf tiefgreifende Probleme wie Rechtsextremismus oder Langzeitarbeitslosigkeit zu konzentrieren, wählt Zeh einen scheinbar alltäglichen Konflikt: den Streit um Besitz- und Wertschöpfungsrechte an Weide- und Bauland. Dieser Konflikt könnte sich ebenso gut am Niederrhein, in Mecklenburg-Vorpommern oder im Allgäu abspielen.
Man könnte Juli Zeh vorwerfen, dass sie sich Themen wie Rechtspopulismus und Demokratiefeindlichkeit entzieht, die für die ländliche Provinz von großer Bedeutung sind. Doch gerade dieser Verzicht könnte als genialer Schachzug betrachtet werden, um die Befindlichkeiten im Verhältnis von Ost und West frei von Klischees und Vorurteilen zu untersuchen. Obwohl es Zeh nicht vollständig gelingt, Klischees zu vermeiden, gelingt es ihr doch, präzisere Bilder dieser Befindlichkeiten zu zeichnen, indem sie das Ost-West-Schema nicht ignoriert, sondern zugunsten anderer Oppositionen in den Hintergrund stellt. Denis Scheck bezeichnete Zehs Roman als “Immobilienporno”, und auch wenn der Begriff “Porno” gewagt ist, ist es doch ein geschickter Zug der Autorin, genau diesen Konflikt zu wählen. Immobilien sind etwas, das fast jeder kennt, sei es durch Erbschaft oder den Kauf einer eigenen Immobilie. Gleichzeitig sind Immobilienkonflikte oft banal genug, dass nicht immer gleich die größten Dramen daraus entstehen müssen. Zeh betrachtet ihr dörfliches Panoptikum mit viel Zuneigung und Humor, obwohl am Grunde des Geschehens durchaus Dramen und Tragödien lauern.
Charaktere und Konflikte in Unterleuten
Im Zentrum des Romans stehen alteingesessene Dorfbewohner wie Gombrowski, dessen Vater einst Landjunker war und dessen Hof von den Kommunisten niedergebrannt wurde. Gombrowski trat später der LPG bei und versucht nun seit der Wende, die Agrarwirtschaft und damit Arbeitsplätze im Dorf zu erhalten. Ihm gegenüber steht Kron, ein überzeugter Kommunist, der an dem Ungemach, das Gombrowskis Familie widerfuhr, nicht ganz unschuldig war. Diese beiden Pole bilden den Kern der Handlung, die nicht nur dunkle Familiengeheimnisse aus den letzten Kriegstagen, sondern auch einen kriminellen Akt aus dem Jahr 1991 umfasst, dessen Verzweigungen sich aus diesen alten Taten speisen.
Um diese beiden Pole herum versammelt sich eine Vielzahl unterschiedlicher Charaktere: Schaller, der nach einem Unfall sein Gedächtnis verloren hat und sich wundert, warum Gombrowski sich so rührend um ihn kümmert. Da ist Kathrin, Krons Tochter, die eigentlich das Dorf verlassen wollte, aber aus Gründen, die sie erst im Laufe des Romans versteht, doch bleibt. Es gibt Fließ und seine Frau, die als Vogelschützer und Aussteiger aus Berlin nach Unterleuten gekommen sind, er auf der Flucht vor einer stagnierenden akademischen Karriere, sie vor dem Großstadtleben. Sie sind Eltern einer kleinen Tochter. Linda Franzen und ihr Freund Frederick möchten Weideland für ihren Hengst erwerben und geraten dadurch in Konflikt mit dem Vogelschützer Fließ. Hinzu kommt Meiler, ein bayerischer Investor, der eher aus einer Laune heraus Land in Unterleuten gekauft hat, sowie viele weitere Figuren. Juli Zeh lässt eine ihrer Figuren sich über einen Dostojewski-Roman beschweren, da man bei der Fülle der Figuren kaum noch mitkomme – ein Umstand, der auch für ihren eigenen Roman gilt.
Der Auslöser und die Konsequenzen
Die Figuren werden erst richtig aufgeschreckt, als der Vertreter eines Windparks dem Dorf eine Windkraftanlage in Aussicht stellt. Diese Anlage würde dem Landbesitzer enorme Pachteinnahmen und der Gemeinde vor allem Gewerbesteuereinnahmen bescheren. Dies führt zu einem Geflecht aus Interessen, alten Schulden und sowohl eigennützigen als auch altruistischen Motiven, in dem schließlich nicht nur Ost-West-Konflikte und die Spannungen zwischen Stadt- und Landbevölkerung aufgehoben werden, sondern auch uralte Geschichten endlich ihren Abschluss finden. Am Ende des Romans ist in Unterleuten wenig noch so, wie es zu Beginn des rund 640 Seiten starken Buches war. Einige werden ihren Frieden finden, andere ihr Ende besiegeln. Es gab Streit und Versöhnung, Tote und ein Gefühl von Bitterkeit bleibt zurück, wenn man erlebt, wie wenig von der Hybris mancher bleibt, wenn das Schicksal – sei es in Form der Natur oder des Menschen – zuschlägt.
Zehs erzählerische Meisterschaft
Juli Zehs Könnerschaft zeigt sich darin, unter einer Vielzahl von fast 40 handlungsrelevanten Figuren echte Charaktere zu schaffen. Durch die Unterteilung des Geschehens in Einzelkapitel, die trotz des beibehaltenen auktorialen Erzählstils jeweils die Perspektive eines Protagonisten einnehmen, werden Situationen und Figuren aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln beschrieben. Zeh nutzt diesen Perspektivwechsel für teils erschütternde, teils makaber lustige Einblicke in das Leben der Menschen in diesem kleinen Dorf. Manches wirkt jedoch wie eine Karikatur, insbesondere der Vogelschützer Fließ, der eher eine bestimmte westlich geprägte Elite symbolisiert, was zwar nicht ungerechtfertigt ist, aber differenzierter und weniger klischeehaft sein könnte. Die Entwicklung des akademischen Aussteigers Fließ hin zu einer fast dämonischen Figur, die sich gegen die Belästigungen des Nachbarn wehrt, ist eine der wenigen Entwicklungen, die man der Autorin nicht ganz abnimmt.
Dies fällt auf, da ihr ansonsten vielschichtige Persönlichkeiten gelungen sind, an die man glaubt und deren Verhalten man nachvollziehen kann. Mit ihrem Verständnis für das menschliche Leben und die vergangene Zeit gelingt es der Autorin, nicht zu verurteilen, wodurch wir selbst Verhalten, das wir verurteilen mögen, zumindest verstehen können. Anders als Dörte Hansen in ihrem Roman “Altes Land” schlägt sich Zeh nicht auf eine Seite. Im Gegenteil, sie löst Seiten auf, was dem Roman als Beitrag zur kulturellen Entwicklung und als Diskurs zugutekommt. Indem sie den Ost-West-Konflikt nicht ignoriert, aber ihm auch keine explizite Stellung im Geflecht der Konflikte einräumt, trägt Juli Zeh maßgeblich dazu bei, diesen Konflikt generell zurückzustellen. Dies ist gerade in Zeiten, in denen er wieder aufzubrechen droht, von großer Bedeutung. “Unterleuten” kommt somit auch auf dieser Ebene eine wirkliche Bedeutung zu, und man wünscht dem Roman viele Leser.
Juli Zeh verwendet für diese Geschichte eine vergleichsweise einfache Sprache, was von wenig Eitelkeit zeugt, da man weiß, dass sie auch anders kann. Die Abgründe lauern nicht in den Worten oder der Syntax, sondern in den Lücken zwischen den Worten, in den Auslassungen und Andeutungen. Das Gerüst der Geschichte hat durchaus melodramatische Züge: Geheimnisse in Gewitternächten, dunkle Machenschaften der Vergangenheit, deren Konsequenzen bis in die Gegenwart reichen, geheime Türen und versteckte Hinweise. Der Roman liest sich zügig, sobald man sich in der Figurenfülle zurechtgefunden und den Ton der einzelnen Stimmen erkannt hat. Dann taucht man in die Köpfe und Seelen einer Gruppe von Menschen ein, von denen einige erschreckend, andere bemitleidenswert, keiner unschuldig, wenige wirklich schuldig sind und alle miteinander bemüht sind, auf die eine oder andere Weise über Wasser zu halten. Dies macht all diese Figuren auf ihre Weise menschlich, manche tragisch, einige momentweise lächerlich, im Grunde niemanden sympathisch. Dennoch erfasst der Roman auf eine sehr unaufdringliche Art und Weise und ohne Überdramatisierung das Leben in Deutschland zu Beginn des 21. Jahrhunderts. “Unterleuten” ist ein Gesellschaftsroman, wie es ihn nur alle paar Jahre einmal gibt – präzise in der Beobachtung und Sprache, und somit in der Lage, eine große Leserschaft zu fesseln.
